Von der Erwartung

Zwischen Erwartung und Enttäuschung

d'Lëtzebuerger Land vom 25.03.2010

Wer nie träumt, wird nie enttäuscht, kann sich aber auch kaum freuen und versäumt einiges, z.B. die Vorfreude. Es ist schön, in den Tag träumen zu können. Es kann tief beglücken, weil die Fantasmen weder durch den Druck noch den Dreck der Realität besudelt werden. Tagträume sind stark dank ihrer Reinheit und ihrem Glanz. Die Freude lebt zunächst mal in der Vorfreude.

Die Luftschlösser durchweht auch die Atemluft der Freude und sie erweisen sich noch im hohen Alter als Residuen unserer Kindheit, an deren Kraft sich der Grad unserer seelischen Jugendlichkeit messen lässt. Es entsteht während des Träumens eine Sehnsucht, die im Tiefsten immer schon mit dem Eingetroffensein des Erwarteten rechnet.

Somit wird die Erwartung allerdings auch zur ewigen Mutter der Enttäuschungen. Ihr Vater ist ein Nimmersatt. Schwanger geht jede Erwartung mit der ihr entsprechenden Enttäuschung. Das hängt damit zusammen, dass wir nie zufrieden sind, dass die Erwartungen – oft schon ehe sie erfüllt sind – Hunger nach mehr zeugen. Sie sind ausgerichtet auf die höchstmögliche Form von Erfüllung, stören somit die Ruhe und den Frieden des Gemüts angesichts des Erreichten und reizen immer wieder zu weiterem Streben.

Insofern jede Enttäuschung auch eine Ernüchterung ist, verweist die Erwartung auf den Rausch, der ihr inhärent ist. Jede Erwartung vor einer Enttäuschung wird abgelöst durch die nächste Erwartung, die ihr auf dem Fuße folgt.

Gehen wir von der Metapher zu ihrer Herkunft: Der Zustand der schwangeren Frau ist der der Erwartung. Die Frau erwartet nicht nur ein Kind, sie erwartet Das Kind. Das schöne Gefühl, das die Eltern angesichts der ausstehenden Geburt haben, hat etwas Grenzenloses; Stück um Stück wird einige Zeit nach der Geburt die heimliche und uneingestandene, weil verrückte Erwartung des Messias begraben. Die Zeit der ernüchternden Zurechtrückung übertriebener Hoffnungen kommt meist früh genug.

Das Kind selbst strahlt die Erwartung im Reinzustand aus. Dann erlebt es, wie fast alle Erwartungen, die seine Kindheit und Jugend hegt, immer wieder gedämpft oder zerstört werden. Erwachsenwerden bedeutet bei manchen nichts anderes als ein ungeduldiges Zuwachsenlassen von Wunden der Enttäuschung, weil sie einfach zu stark schmerzen. Die vernarbten Wunden sind wie Schilde, welche die verletzliche Empfindungswelt vor Kontakten schützen, aber auch die positiven Anregungen draußen halten. Denn auch das Schönste, so das Ergebnis ihrer Erfahrung, ist geeignet durch Enttäuschung tiefe Wunden zu reißen, die sich vielleicht nie mehr schließen und das Leben zur Hölle werden lassen. Eine mögliche Reaktion auf diesen Tatbestand ist die Blasiertheit, die resigniert überlegene Haltung aller Enttäuschten, die nicht mehr enttäuscht werden wollen. Doch es ist fraglich, ob sie wirklich die Lösung gefunden haben, wenn sie solcherart nur noch darum bemüht sind, dem Schmerz der Enttäuschung auszuweichen.

Eine andere Lösung läge darin, durch Einschränkung und Zähmung der Erwartungen den Schmerz der Enttäuschung zu mildern. Ausschalten lässt er sich nie, so lange gehofft und erwartet werden muss. Wenn sich dann etwas über alle Erwartungen erfüllt, so deshalb, weil diese Erwartungen sehr zahm und zögerlich gewesen waren, was aber die Freude am Überschuss nicht mindern muss. Oder sollte es doch so sein, dass die große Freude nur im Anschluss an die große Erwartung entstehen kann und nicht infolge der Überraschung?

Das Glück, das wir alle in der Erfüllung der Erwartungen suchen, hat es vermutlich an sich, dass es nur in den Versprechungen und Erwartungen selbst lebt, weil die Erfüllung es fast immer durch Enttäuschung zurücknimmt. Diese Erfahrung wird durch das bekannte Sprichwort bestätigt: Vorfreude ist die schönste Freude.

Durch das herrliche, aber grenzenlos offene Bild, das sich in unserer Erwartung entwickelt, werden wir unfähig, die anderen Qualitäten der Wirklichkeit zu erkennen, wir übersehen das Gute an der realen Erfüllung, weil die Scheuklappen der berauschenden Erwartung sie nicht ins Blickfeld kommen lassen, und die Befriedigung durch das, was die Scheuklappen noch durchlassen, ist dann meist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Ursprung und Kern aller Erwartung ist die eines ewigen Lebens in vollständiger Erfüllung. Interessant sind nun die Paradoxien in dieser Beziehung: Wer ein ewiges Leben erwartet, kann nur enttäuscht werden, wenn es dieses gibt. Nur dann nämlich kann es überhaupt erst gemessen werden an den Erwartungen. Oder anders formuliert: Wer ein jenseitiges Leben erwartet, wird mit Sicherheit nur dann nicht enttäuscht, wenn mit dem Tode für ihn alles vorbei ist.

Jacques Wirion
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