Clesse, René; Hoffmann, Guy: Oldtimer in Luxemburg

Individualität und Charakter

d'Lëtzebuerger Land vom 08.07.2004

Seit er den Wagen seines Vaters geerbt hat, sammelt Pierre Steichen aus Straßen Autos der tschechischen Marke Tatra. Sechs Stück hat er inzwischen, und einige dieser Stream-line-Familienkutschen sind so hässlich, dass sie fast wieder schön sind. Eben Zeugnisse einer Zeit, "als Autos noch Individualität und Charakter hatten" (S. 89), wie René Clesse in dem Bildband Oldtimer in Luxemburg. Menschen und ihre Automobile traurig schwärmt.

Nostalgie ist der Grundton des Bandes, denn mehr noch als Spachtel und Polierpaste macht sie aus Altwagen Oldtimer. Und für fast alle porträtierten Besitzer von Oldtimern sind dies Vehikel zur Zeitreise, mit denen sie in die Kindheit, in paradiesische Urzeiten von Lack und Chrom, ohne Stau und Verkehrstote flüchten können.

Clesse, Redakteur der Gemeindeillustrierten Ons Stad und selbst bekennender Oldtimer-Besitzer, führt sie uns vor: die nur an Sommersonntagen auf sonnigen Landstraßen sichtbare Sekte der Luxemburger Oldtimer-Sammler. Es sind durchwegs gemütliche Männer mittleren bis gehobenen Alters, schrullige Tüftler im Rentendasein und zahlungskräftige Mittlelschichtler, die etwas "Individualität und Charakter" von ihren Autos abbekommen möchten. Um ihr Erwachsenwerden zu verhindern, wuchsen ihre Dinky Toys und Matchbox mit ihnen bis zum Maßstab 1:1. Nun füllen sie Garagen, Scheunen und manchmal sogar Wohnzimmer, wie bei Luxair-Pilot Goy Feltes in Freckeisen (S. 102). Frauen scheinen anders zu funktionieren, jedenfalls ist die Schifflingerin Françoise Beck die einzige von ihnen in diesem Buch.

Mit dem Autor teilen die Porträtierten die Verachtung für die zeitgenössische Automobilindustrie und den Ökozunfttraum einer irgendwie handwerklich-vorindustriellen Automobilherstellung. Denn Oldtimer-Sammler brauchen weder Katalysator, noch Airbag, weder Parking résidentiel noch Punkteführerschein. Ihnen genügen schwarzweiße Nummernschilder aus den Zeiten von Großherzogin Charlotte.

Weil Sammeln auch immer eine obsessionelle Strategie ist, um dem Chaos der Welt eine eigene, kleine geordnete Welt entgegenzusetzen, gibt  es auch 29 in der Lëtzebuerger Oldtimer Federatioun zusammengeschlossene, nach Marken und Gattungen organisierte Vereine zwischen Bissen und Schifflingen und seit April ein nationales Automobilmuseum in Diekirch.

René Clesse beschreibt diese kleine, feine Gemeinschaft im feuilletonistischen Ton und ohne die widerlich lockere Schreibe deutscher Autozeitschriften, voller Bewunderung für jeden Einzelnen und den Klang eines Achtzylinders unter der glänzenden Motorhaube. Als wahre Helden leuchten ab und zu die freundlichen und bescheidenen Handwerkermeister auf, die den technisch weniger begabten Bastlern zur Seite stehen. Guy Hoffmann hat bei strahlendem Wetter jede Menge Farbfotos der blitzblanken Gefährte und ihrer stolz posierenden Besitzer gemacht.

Selbst wer bei den Angaben zu Modellvarianten, "4,3-Liter-V8-Motoren" (S. 100) und "dem Klappverdeck mit dem edlen Holzgestänge" (S. 131) diagonal zu lesen beginnt, erfährt manches aus diesem Buch, wozu Menschen in ihrer Freizeit fähig sind. Etwa der Maler und Roadster-Sammler Robert Brandy, der 150 Serigrafien zu einer Vorzugsausgabe beigesteuert hat.

René Clesse, Guy Hoffmann: Oldtimer in Luxemburg. Menschen und ihre Automobile. Luxemburg 2004, Éditions Saint-Paul, 189 S., 49.50 Euro

 

 

 

Romain Hilgert
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