Die kleine Zeitzeugin

Bei uns gibt es
keine Wölfe

d'Lëtzebuerger Land du 08.09.2017

Sagte mein Vater, er musste es wissen, er wusste alles. Es gibt auch keine Hexen, keine Gespenster, keinen bösen Mann unterm Bett, Der böse Mann im Bett war noch nicht Thema. Die einzigen Wölfe, die es gab, waren Wölflinge.

Jetzt gibt es Wölfe bei uns. Zumindest einen, vielleicht ist er ein einsamer Wolf, vielleicht, mutmaßen Wolfsexpert_innen, ist er schon weitergezogen. Vielleicht fühlte er sich hundeelend zwischen Autobahnauffahrten, Shoppingzentren und Glyphosaat. Vielleicht auch nicht.

Vielleicht gab es Familienzuzug, die Natur ist frei, schließlich handelt es sich beim Wolf um ein Wesen, das am liebsten im Rudel sein Wesen treibt. Die praktische Mauer steht auch nicht mehr rum, der Rostblock ist längst zerbröselt. Auf in den wilden Westen!

Alles halb so wild, sagen die Wolfsexpert_innen, meist geht es um Vierbeiniges, das in Pferchen eingepfercht ist, und auch nur, wenn der Wolfshunger zuschlägt, der dann ein Mordshunger ist. Sie wollen nur unsere Schäfchen oder Kühe reißen, die dann gerissen daliegen. Obschon der Wolf nicht als gerissen gilt. In unsern Sagen und Legenden und in unserer Volksmythologie ist er der Primitive, er hat zwar große Zähne, Reißzähne, aber was ist

das gegen Grips und graue Zellen, Füchschen gewinnt immer! In der Uucht hielten alle dem kleinen Schlaumeier Däumchen. Und wer war nicht für Schweinchen Schlau?

Die Wolfsexpert_innen sehen das vollkommen anders. Diskriminiert wurde der Wolf über Jahrhunderte, man habe ihm ein schlechtes Image verpasst, nach dem er einer sei, der im deutschen Wald kleinen Mädchen auflauert, Omas verspeist, Geißlein terrorisiert. Der Große Böse Wolf, ein Lieblingsmotiv aus dem Feindbilderbuch. Auf der ZDF-Talkcouch nimmt ein herbes Prachtmannsbild Platz, Wildnis umweht ihn, ein Verwegener. Er ist mit Wölfen unterwegs, er tanzt mit Wölfinnen. Kein Problem, das Problem ist der Mensch. Die paar Schafe, naja, Natur. Angsthäsin sitzt nicht auf der Talkcouch. Von Menschen, diesen Bioperversen, ist nicht die Rede. Was, wenn unsere Vorfahren erfahren waren? Wer spricht grimmigen Märchen ihre Bedeutung ab? Bestimmt wussten sie, wie der Hase läuft.

Die Natur wird immer natürlicher, freuen sich mit dem Wolfsmenschen naturliebende Menschen. Unsere Beutegreiferin ist wieder zuhause, endlich. Sie ist ja von hier, wie wir. Eine Heimatvertriebene, eine Rückkehrerin. Zugleich eine Migrantin, die durch Gottes vogelfreie Natur tigert. Wer sollte ihr das verwehren, ist Natur ein Etikett auf artigen Bio-Produkten? Ist sie ein Menschenreservat? Wenn wir uns auf FB stark machen für den indischen Tiger, der Menschenfleisch keineswegs abhold ist, können wir doch den Wolf nicht ausgrenzen, wie doppelt unfair wäre das? Er ist sowieso schüchtern, wegen traumatisierender Erfahrungen mit uns. Er ist vorwiegend heimlich unterwegs.

Angsthäsin findet das wiederum unheimlich. Wer sagt überhaupt, dass sie eine Angsthäsin ist? Vielleicht ist sie eine Häsin, ein Reh, eine Hindin, eine von denen, die wegreguliert gehören. Bei aller Naturliebe, Regulierung ist immer erforderlich, finden die Wolffan_innen. Wegen der Biodiversität. Bin ich biodivers?, fragt sich Vollmondwaldwegjoggerin, die sich nicht vor Werwölfen fürchtet. Und was ist mit Rendez-vous zwischen Chien et Loup? In einer Juninacht, auf einer Lichtung verbracht? Und kommen Mama Wolf & Kids vielleicht zum Midnightdrink an den Stausee, wenn Nachteulen plantschen? Oder ist so ein Nachteulenverhalten unartgerecht?

Es wird Broschüren geben und Fibeln gegen die Fabeln. Die uns die in unserer DNA und in unseren Knochen gespeicherte Urangst austreiben sollen, denn wir, bitte schön, sind mindestens so traumatisiert wie Herr & Frau Wolf. Mit Verhaltensregeln wie bei Atomsupergaus. Wie wir uns korrekt verhalten, wenn wir einander über den Weg laufen. Nicht wie Schafsköpfe oder wie dumme Hühner. Bloß kein Angstschweiß, ganz schlecht.

Wenn wir dann den Wolfsmanierenknigge intus haben, heulen wir vielleicht alle mit den Wölfen?

Michèle Thoma
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