Fußball-WM 2018

Im Spannungsfeld von Spiel und Moral

d'Lëtzebuerger Land du 08.06.2018

Im Gegensatz zur herkömmlichen Fußball-Fachpresse bietet ein Genre von Branchenmagazinen, zu dem zum Beispiel das französische So Foot und das deutsche 11 Freunde gehört, kritische Hintergrundberichterstattung zur Weltmeisterschaft in Russland. Ein weiteres Magazin dieser Art ist das Schweizer ZWÖLF. In dessen WM-Ausgabe sinniert der Psychoanalytiker Peter Schneider, ob man es mit der eigenen Moral in Einklang bringen kann, eine WM in Russland aktiv zu verfolgen, also trotz Bedenken wegen der geo- und wirtschaftspolitischen Machtspiele des russischen Staats. Schneider, der nach eigenen Angaben mit Fußball „nun wirklich nichts am Hut“ hat, schließt seinen interessanten Exkurs über gesellschaftliche Moral wie folgt: „Wenn Sie diese Fußball-WM in Russland also nicht völlig anwidert, ja, dann fahren Sie doch hin.“

Eine Fußball-WM dient dem austragenden Land immer auch zur Selbstdarstellung auf globaler Ebene. Im Fall von Russland ist es fraglich, ob der Staat die Ideale des Fußballs, wie sie nicht nur von der Fifa und nationalen Verbänden, sondern auch von kleinen Dorfvereinen rund um den Globus propagiert werden, gleichermaßen vorlebt. Ein Land, in dem Oppositionelle, Journalisten und Homosexuelle verfolgt werden, dient eigentlich nicht als ideale Bühne für ein friedliches, völkerverbindendes Fest, zu dem die WM von der Fifa stilisiert wird. Die Vertreter des Weltfußballs hält das aber keineswegs davon ab, ihr Spektakel in Putins Reich zu zelebrieren.

Einzig der englische Verband hat in Erwägung gezogen, sein Team nicht in das Turnier zu schicken. Das hatte natürlich wenig mit der prekären Menschenrechtslage in Russland zu tun. Und ebenso wenig mit Putins Engagement in Syrien. Es ging vordergründig um den Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia. Wie jedoch in der kürzlich auf Arte erschienenen Doku „WM der Spione“ dargelegt wird, liegt diesem Konflikt auch die Konkurrenz Englands und Russlands um die Austragung der diesjährigen WM zugrunde: Beide Bewerber galten als Favoriten auf die Turnierausrichtung und führten einen aggressiven Wahlkampf, bei dem geopolitische Interessen ausgespielt wurden.

Russland machte sich einerseits die Antipathie vieler Verbandsvertreter aus dem karibischen, afrikanischen und asiatischen Raum gegenüber den Engländern zunutze. Andererseits hat der russische Verband über seinen Sponsor Gazprom wirtschaftspolitische Interessen in Europa ins Spiel gebracht. England kam bei der Wahl zum Gastgeber der WM 2018 in der ersten Runde lediglich auf zwei Stimmen, während Russland in der zweiten Runde schließlich deutlich den Zuschlag erhielt. Allerdings spielte nicht nur die geschickte geopolitische Taktik der russischen Bewerber eine Rolle für die Entscheidung, sondern auch die politischen und persönlichen Interessen der Fifa-Führung, allen voran Sepp Blatter. Erklärtes Ziel des ehemaligen Fifa-Präsidenten war es, konsekutiv eine Weltmeisterschaft in Russland und den USA austragen zu lassen, um eine Annäherung beider Länder als diplomatischen Erfolg seiner persönlichen Bemühungen zu verkaufen. Nicht von ungefähr wird Blatter von ehemaligen Mitarbeitern als Machtmensch charakterisiert, der mit allen Mitteln kämpft.

Neben diesen politischen Interessen kommen im Rahmen der WM-Vergabe auch ganz banale materielle Interessen zum Tragen: Ranghohe Fifa-Funktionäre wurden mittlerweile der Korruption überführt; darunter Sepp Blatter und der ehemalige Uefa-Präsident Michel Platini. Aber nicht nur die Funktionäre des Weltfußballs sind Teil des profitorientierten Netzwerks, das hinter einer Weltmeisterschaft steht. Unzählige Sponsoren haben die Kommerzialisierung dieser globalisierten Veranstaltung, die jeden Austragungsort – ob in Brasilien, Russland oder Südafrika – zu einem austauschbaren Non-Lieu im Sinne des französischen Philosophen Marc Augé macht, immer weiter vorangetrieben. Auch die Spieler, die sich im Verbund mit windigen und findigen Agenten und Beratern zu Marken hochstilisieren, wollen ein Stück vom Kuchen haben. Die Weltmeisterschaft ist längst zu einem Spielball geopolitischer und kommerzieller Interessen geworden. Was uns wieder zur Frage der Moral zurückbringt.

In diesem Kontext denke ich gerne an eine Anekdote aus meiner Studienzeit zurück. Kurz vor Abschluss meines Studiums in Zürich referierte ich in einem Seminar über die Fifa und ihre Beziehung zum Fußball. In der anschließenden Diskussion berichtete ein Doktorand von einem Gespräch, das er mit dem renommierten Sozialanthropologen John Comaroff im Vorfeld einer Fußball-WM führte: Eine Stunde lang habe Comaroff sich über die Fifa, „diesen korrupten Haufen“, echauffiert. Um dann ansatzlos ins Schwärmen über das Fußballspiel überzugehen. Auf die erstaunte Frage meines Kommilitonen, wo seine kritische Einstellung geblieben sei, meinte Comaroff: „Die Kritik hat Pause, jetzt reden wir über Fußball.“

Als Fußballfan sieht man sich während der WM einem Spannungsfeld zwischen der dargebotenen Spielkunst und den ethisch fragwürdigen Dimensionen des Turniers ausgesetzt. In diesem Spannungsfeld wird sich eine Artikel-Serie in den nächsten Wochen thematisch bewegen.

Charles Wey
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