Preisvergleiche durch Ryanair

Luxair vs Ryanair

d'Lëtzebuerger Land du 17.01.2002

Die luxemburgische Fluggesellschaft Luxair sieht sich einer unvermuteten Konkurrenz auf eigenem Territorium ausgesetzt. Der irische Billigflieger Ryanair will der Luxair die Passagiere in Deutschland und in Luxemburg abjagen. Ryanair geht dabei aggressiv vor. Provokation und Attacke heißen die Schlüs-selwörter der Iren, um Luxair in die Verteidigung zu drängen. Im Hotel Ibis, fast in Sichtweite der Luxair, erläuterte Tim Jeans, Vorstandsmitglied für Verkauf und Marketing de Ryannair, vor einer luxemburgisch-deutschen Journalistenschar die Attacke auf den luxemburgischen Carrier. „Luxair ist ein Monopol. Luxair ist zu teuer. Luxair hat Flugzeuge und einen Apparat, der billiges Fliegen nicht erlaubt“, fasste Jeans kurz und trocken zusammen. Die europäische Luftfahrt sei ein großes Kartell, in dem  Konkurrenz nicht stattfinde. So verlange British Airways auf manchen Flugstrecken exakt denselben Preis wie die Lufthansa. Ryanair dagegen bringe die Konkurrenz in den europäischen und luxemburgischen Himmel. Ryanair mache das Fliegen preiswert und für alle erschwinglich. In Oslo habe man sich ostentativ gefreut, als Ryanair angefragt habe. Man komme dort nun endlich aus der Preisumklammerung der großen Star Alliance heraus, jener weltumfassenden Kooperation großer Fluggesellschaften, zu der unter anderem die Lufthansa gehört. Um den Angriff auf die Preisgestaltung der traditionellen Fluggesellschaften zu erläutern, legte Jeans gleich eine ganze Liste mit Preisvergleichen vor, in der die neue Zielscheibe der Iren, Luxair, nicht gut aussieht. Nach Mailand werden 257 Euro aufgelistet, nach Pisa 739 Euro, nach London 210 Euro. Ryanair stellt den eigenen Flugpreis mit jeweils zehn Euro pro Hin- und  Rückflug dagegen. Die Iren werden in den kommenden Wochen mit einer riesigen Werbekampagne in Deutschland und in Luxemburg um Kunden werben. Das Werbebudget will Tim Jeans nicht bekannt geben. Aber am Mittwoch wurde die  Richtung schon deutlich: „744 Euro: Die teuerste Tasse Kaffee“ heißt es darauf und spielt an auf den kostenlosen Kaffee an den es an Bord der Luxair gibt, für den man aber auch mehr bezahlen muss. Die Art, in der Ryanair in Luxemburg in den Markt drängt, ist hierzulande bisher unbekannt. Aber Tim Jeans kennt da keine Scheu. „Vergleichende Werbung ist in Europa erlaubt“, sagt er. „Wir gehen aggressiv in den Markt“, kündigt er an und setzt sich mit dem Generaldirektor der Luxair gleich direkt auseinander. „Herr Heinzmann sieht rot, wenn er an die Ryanair denkt. Er wird sich an die rote Farbe gewöhnen müssen, denn wir werden unsere Basis in Frankfurt Hahn ausbauen und uns speziell um den luxemburgischen Kunden kümmern“. Mit der Ryanair und der Luxair stoßen zwei Kulturen der Luftfahrt aufeinander. Ryanair ist dabei, die Fliegerei in einem Maße zu demokratisieren, dass jeder per Flugzeug irgendwohin fliegen kann. Luxair ist ein traditionelle Fluggesellschaft mit hohem Kostenaufwand. Ryanair streicht hingegen die Kosten weitgehend zusammen, lässt die Stewardessen nach der Landung die Kabine selber säubern. Getränke während des Fluges an Bord muss man bezahlen. Der Zusammenprall der beiden Fluggesellschaften ist unvermeidlich, seit der Flughafen Hahn im Hunsrück um sein Überleben kämpft. Die Amerikaner hatten ihre Basis  in der Zeit nach dem Kalten Krieg aufgegeben und die Region um Hahn in die wirtschaftliche Krise gestürzt. Die Landesregierung von Rheinland-Pfalz entschied, dass Hahn für den zivilen Bereich umstrukturiert werden sollte. Ryanair hat hier nach Charleroi seine neue Europabasis aufgebaut. Vom 14. Februar an wird London viermal täglich angeflogen. Weiter fliegt Ryanair Glasgow, Shannon, Mailand, Oslo, Pescara, Pisa, Montpel-lier und Perpignan an. Ein echter Preisvergleich zwischen Luxair und Ryanair ist von Febnruar an aber nur auf den Strecken Mailand und Pisa möglich. Nach der Preisvergleichs-liste der Ryanair kostet der Flug der Luxair nach Mailand 257 Euro, nach Pisa 739 Euro. Ryanair wirbt mit zehn Euro. Das irische Unternehmen will in diesem jahr vom Hunsrück-Flughafen aus  aus 1,5 Millionen Passagiere befördern. Wo sollen sie her kommen? Der Hunsrück ist schwach besiedelt. Trier und Eifel richten sich bisher nach Luxemburg aus. Und die Luxair beherrscht bisher den Markt. Ryanair muss in den Markt der Luxair eindringen und versuchen, der Luxair Kunden abspenstig zu machen, um die eigenen Flugzeuge auszulasten. Allerdings ist das Spiel der Iren nicht ganz fair. Wenn Ryanair damit wirbt, dass der Flugpreis nach London, Mailand, Glasgow, Oslo, Shannon nur zehn Euro beträgt, dann ist das nur die halbe Wahrheit. 50 Prozent der Sitze werden bei früher Buchung zu zehn Euro verkauft. 25 Prozent gehen zu 25 Euro weg und der Rest kann bis zu 125 Euro kosten. Da kann, wer das System Ryanair nicht kennt, sogar mehr bezahlen als beim Flug mit der Luxair. Das System Ryanair nämlich funktioniert per Internet. Dort finden 80 Prozent der Buchungen statt für die 54 Flugstrecken in zwölf europäischen Ländern. Ryanair beförderte im vergangenen Jahr 9,2 Millionen Passagiere. Auch die Benennung der Destinationen ist zumindest missverständlich. So heißt Charleroi „Brüssel Süd“. Hahn im Hunsrück heißt Frankfurt-Hahn. Wer aber in Frankfurt - Hahn landet, braucht noch 60 Autominuten nach Frankfurt. Jeans wehrt sich gegen die Vorwürfe, dass sein Unternehmen mit Subventionen in der Luft gehalten wird. „Luxair kann nach Hahn oder Charleroi gehen und wird dort dieselben Konditionen erhalten, die wir erhalten haben“, sagt er. Allerdings ist auch dies nur eine Teilwahrheit. In Ostdeutschland hat sich Ryanair gerade Abfuhren geholt. Leipzig und Dresden weigerten sich, dem Unternehmen  reduzierte Start- und Landegebühren zu gewähren. Das zeigt, dass Ryanair Sonderkonditionen für sich beansprucht und deswegen auf Nebenflughäfen ausweichen muss. Und die EU-Kommis-sion hat gerade Ermittlungen zu der Art und Weise aufgenommen, mit der Ryanair in Wallonien empfangen wurde. Juristische Vorgehensweisen haben den irischen Billigflieger bisher nicht gestoppt. Lufthansa gewann in Köln eine Klage gegen die Ryanair-Werbung. Gegen Air Lingus setzte Ryanair sich durch. British Airways, Alitalia, SAS sind nach und nach die Fluggesellschaften, die von Ryanair herausgefordert werden. Jeans gibt zu, dass in Europa eine gigantische  Luftschlacht der traditionellen Fluggesellschaften gegen die soeben etablierten begonnen hat. „Am Ende werden wir größer sein als British Airways und Lufthansa“, zeigt sich Jeans überzeugt. Auf Dauer wird es, gibt er zu, dann aber auch eine Konkurrenz der Billigflieger untereinander geben. Denn in Deutschland ist auch die Germania angetreten, auf dem Markt der preiswerten Flüge mitzumischen. Fluggesellschaften wie Go und Easy Bird suchen dort ebenfalls ihre Kunden. Und in Frankreich hat gerade die Air Lib erkannt, dass das Land keinen Platz für eine zweite normale Fluggesellschaft neben Air France hat. Air Lib, die auch von Metz Nancy Lorraine aus fliegt, will nun ebenfalls in den Markt der Billigflieger eindringen. Für die Luxair ist die Situation nicht unbedenklich. Die Kundenstruktur ist nicht homogen. Deutsche, Belgier, Luxemburger und Franzosen fliegen mit der luxemburgischen Fluggesellschaft. Insbesondere deutsche Kunden werden wenig Bedenken haben, mit Ryanair zu fliegen. Das Internet ist in die Geschäftswelt eingedrungen, Buchungen per Internet erschrecken nicht. Preise von zehn bis 50 Euro locken die Deutschen, die so Destinationen wie London, Montpellier für einen Kurzurlaub entdecken können. Aus Luxemburg heraus, weiß Tim Jeans, könnte die Fahrzeit von 60 bis 90 Minuten nach Hahn ein Hinderungsgrund sein. Aber dagegen setzt er seinen Flugpreis. Für die Luxair kommt die Attacke aus dem Hunsrück möglicherweise auch aus einem anderen Grund zur Unzeit. Die luxemburgische Fluggesellschaft hat sich gerade als Regionalflieger etabliert und denkt über ihre Zukunftsstrategie nach. Neben dem Billigflieger Ryanair tauchen da aber auch andere Regionalflieger auf wie etwa die Nachfolgegesellschaft der Sabena, DAT, die sich ebenfalls als Regionalflieger sieht. Und auch die Crossair positioniert sich sehr deutlich als Regionalflieger. So ungeheuer viele Regional-Destinationen gibt es aber in Europa nicht, als dass alle sie rentabel bedienen könnten, wenn gleichzeitig ein Raubfisch wie Ryanair durch das Revier zieht.

 

Michel Couapel
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