Wenn jemand gegangen ist

Nach Rufen

d'Lëtzebuerger Land vom 15.07.2016

Was soll man jemand nachrufen, der gegangen ist, einfach so? Ohne zu fragen, ohne um Erlaubnis zu bitten, oder sich zu entschuldigen.

– Komm sofort zurück! ruft man. Oder: Ist das jetzt dein Ernst? – Du machst einen Scherz, einen Witz, schwarzer Humor. Übertreibe nicht!– Komm sofort zurück!– Das ist unfair.

Jemand, ein Mensch aus der Peer Group, einer, mit dem man auf der gleichen Wellenlänge surfte, jemand, der Witze machte, die man witzig fand. Jemand, den man anheulen konnte, zu

einer unmöglichen Tagesnachtzeit. Dem man nicht umständlich alles erklären musste, die Person verstand ziemlich viel. Oder gab sich jedenfalls Mühe. So erscheint es jetzt jedenfalls, wo sie nicht mehr da ist, angeblich, wer behauptet so was? Das ist alles total surrealistisch, das gibt es überhaupt nicht. Diesen Menschen gibt es nämlich immer, er war schließlich schon immer da. Er war immer da für mich, wird man später pathetisch sagen, wie komisch das klingt, so übertrieben, vielleicht ist es ja übertrieben. Es ist bestimmt übertrieben, es klingt so anmaßend.

– Wenn der aber auch so übertreibt!– Mit diesem Menschen hat man gelacht.

Dieses Menschenkind ist doch noch jung, so jung wie Mensch selber. Also eben ziemlich. Verglichen mit den ältesten Menschen der Welt. Höchstens Halbzeit. Und dann so was. So was! Wir haben doch noch miteinander telefoniert, vor fünf Minuten, vor tausend Jahren, so genau weiß ich das auch nicht mehr. Man hat sich doch ein bisschen aus den Augen verloren. Na ja, in der letzten Zeit. Es passiert so viel, man ist so beschäftigt, dieses, jenes. Jeder macht so sein Ding. Wie das Leben so spielt, es spielt einem ganz schön mit. Scheißspiel.

Wie? Schon wieder ruft jemand an, der sagt das, und die, und sie haben komische Stimmen, belegte, sagt man dazu. Belegte Stimmen. Wenn diese belegten Stimmen, das ist nicht gut. Schon kommen komische Meldungen. Also Fotos, von diesem Menschen, in den sozialen Medien, den Freundeskreisen, es zieht immer größere Kreise. Hübsche Fotos, auch aus der Jugend, der Mensch lächelt, und dann Gedichte dazu. Cohen. Und das kleine, kreisrunde Gesicht mit den Tränen. Nicht gut.

Wie komisch das ist. Draußen ist es so sommerlich, sehr heiß. Man könnte jetzt abschalten, einfach raus gehen, Fahrrad fahren, Wind in den Haaren. Ein Glas Wein. Oder mehrere, warum nicht? Der würde das verstehen, dieser Mensch. Der wäre nicht so streng. Der war nämlich so menschlich, dieser Mensch.

Unerwartet verstorben, liest man irgendwo. Tot, steht woanders. Tot? Frechheit! Wie kann man nur so grob sein, so brutal und materialistisch. So respektlos. Die haben keine Ahnung. Er sei nicht mehr, steht woanders, geht es noch? Vielleicht ist er nicht mehr hier, aber er ist auf jeden Fall da. Es gibt den Tod überhaupt nicht! Das weiß ich plötzlich ganz sicher.

Es geht alles so schnell, ruckizucki, schon kommen schon die Meldungen vom Begräbnis, wo, wann, es ist alles schon eingefädelt, und Mensch liest dieses oder jenes über den Menschen, der plötzlich angeblich nicht mehr ist. Der Mensch hatte einen Bekanntheitsgrad, es gibt in den Zeitungen was dazu, und im Fernsehen, und im Radio. Er wird gewürdigt, es gibt liebevolle Kommentare, kompetente. Wie schnell man solche Kommentare schreiben kann, erstaunlich. Noch dazu wenn man befreundet war. Mit den Details, die die Facetten des Menschen zeigen, es wird einer komisch, warum sitzt er auf seinem Sofa im Fernsehen?

Auf Facebook geben die Menschen auch immer mehr ihren Senf und ihre Tränen dazu, und plötzlich gibt auch Mensch ihren Senf dazu. Seine FB-Seite verwandelt sich in eine Gedenkstätte, dauernd wird R.I.P. gepostet, R.I.P., krass, was hat er mit R.I.P. zu tun?

Er sei dieses und jenes gewesen, steht in dieser oder jener Tageszeitung, stimmt, lauter Fakten, Realitäten, überhaupt nicht surrealistisch. Aber dann fällt Mensch was Wichtiges ein, warum erwähnt das keiner? Aber vielleicht war es gar nicht so wichtig. Vielleicht hätte er es auch nicht erwähnt.

Oder doch? Ein Mensch sei widersprüchlich und komplex, muss ein Journalist einem Journalisten beibringen.

Man kann einen Menschen nicht in ein paar Sätzen verpacken, wie in einem Sarg. Es ist schwer, nach zu rufen.Gute Reise höchstens. Wie banal das klingt.

Vielleicht ist er ja wirklich verreist.

Michèle Thoma
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