Luxemburgensia

Echt vaterländisch gesinnte Malerei

d'Lëtzebuerger Land du 06.04.2000

"In vielen Fällen gibt auch eine leere Wand im 'Prunkzimmer' der Wohnung den Anlaß, sich gelegentlich nach einem Goldrahmen mit dazu-gehörigem Bilde umzusehen; die Kunst wird auf diese Weise zum Hausmöbel herabgewürdigt."

Soviel Verzweiflung am Kunstsinn seiner Landsleute äußerte kein aufmüpfiger Sezessionist oder Iconomaque, sondern jemand, der in einem Nachruf des Luxemburger Kunstvereins als "le peintre aimable, l'artiste luxembourgeois par excellence" gelobt wurde: Michel Engels (Katalog S. 24).

In der Tradition ihrer vor allem in den Achtzigerjahren organisierten historischen Werkschauen zeigt die Gemeindegalerie Villa Vauban Gemälde, Zeichnungen und Buchillustrationen des 1851 in Rollingergrund geborenen und 1901 in Rollingergrund gestorbenen Zeichenlehrers.

Michel Engels ist wie der malende Zwillingsbruder des dichtenden Feierwon-Autors Michel Lentz. Beide stellten sie ihre Kunst in den ideologischen Dienst des frisch geborenen Luxemburger Nationalstaats und ihres, wenn schon weder politisch noch wirtschaftlich, so doch zumindest kulturell an die Macht kommenden Kleinbürgertums. Ganz nach dem Vorbild der vaterländischen Kunst in Deutschland feierten sie Thron und Altar, Großherzog und Muttergottes mit allen ihnen zur Verfügung stehenden, bescheidenen, aber oft schaurig schönen Mitteln des Endreims und Steindrucks.

Wobei die romantisch historisierende Konstruktion einer nationalen Identität damals wie heute auch gegen die Angst vor dem Verlust der sozialen Identität ankämpft: In der großformatig gezeichneten Allegorie Ons Hémecht stellt Engels die classe dangereuse im sich rasch entwickelnden Minette-Becken, die Bergarbeiter als harmlose Heinzelmännchen dar.

Trotz seiner glühenden Liebe zum Muttergottesland fehlte es Engels nicht an Auslandskontakten. Er studierte an der Münchener Akademie der Bildenden Künste und in Brüssel, reiste nach Italien, Paris, Berlin und in die Niederlande. In seinem bemerkenswerten Katalogbeitrag stellt René Kockelkorn Engels zwar zu Recht als reaktionären Spießer dar, meint aber auch: "So reflektiert sein Malstil, oder besser sein Stilpluralismus, die zeitgenössische, sehr kontrovers geführte Kunstdebatte, die von den zwei gegensätzlichen Begriffen Idealismus und Realismus bestimmt wurde." (S. 38) Engels selbst veröffentlichte einige kunsttheoretische Schriften zur religiösen Malerei.

In der lieblos arrangierten Ausstellung der Villa Vauban wechseln sich dann auch idealistische Heiligenbilder und naturalistische Landschaften ab, letztere wiederholt in Gegenüberstellung mit Gemälden seines Lehrers Jean-Baptiste Fresez (1800-1867).Wenn überhaupt, ist Engels heute noch am ehesten durch seine Buchillustrationen bekannt, wie Die Bilder aus der ehemaligen Bundesfestung Luxemburg (1887) und Die feierliche Schlussprozession der Muttergottes-Octave zu Luxemburg (1893), die zusammen mit Le Luxembourg pittoresque in den Siebzigerjahren von Kutter und Krippler neu verlegt wurden. Zur im Selbstverlag herausgegeben Oktav-Mappe zeigt die Ausstellung beispielsweise die Einladung zur Subskription (10 Mark) und belegt eine Subvention von 250 Franken; eine Engels-Bibliographie sucht man aber vergebens. 

Engels' Illustrationen zeichnen sich laut Kockelkorn "durch einen Hang zur Idylle und einer Vorliebe für alles Kleine und Nahe aus. Dies dürfte ganz Engels' kleinbürgerlicher Herkunft und Mentalität entsprochen haben. Zudem konnte man mittels des Mediums der Buchillustration ein relativ großes Publikum erreichen, was wiederum seinem didaktischen Kunstverständnis entgegenkam." (S. 37)

Unter den drei oder vier von den großen Kunstbewegungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts unbehelligten Luxemburger Gründerzeitmalern ist der seinerzeit von Spöttern zu "Michelangelo" übersetzte Michel Engels kulturgeschichtlich vielleicht der interessanteste. Um so mehr muss man bedauern, dass die Besucher der Ausstellung und die Leser des Katalogs außer durch eine kurze chronologische Tabelle kaum etwas über das Leben und so gut wie gar nichts über die reichhaltige Rezeption Engels' erfahren.

Aber vielleicht kann die derzeitige Ausstellung den Grundstein der Engels-Forschung legen. Denn neben Gemälden des Staatsmuseums besitzen das kommunale Geschichtsmuseum  und die Nationalbibliothek einen durch Zukäufe der letzten Jahre vergrößerten, aber noch kaum erschlossenen Engels-Fundus. Nach einem öffentlichen Aufruf konnte zudem die Ausstellung der Villa Vauban im letzten Augenblick durch wenig bekannte Leihgaben aus Privatsammlungen ergänzt werden. Weitere Gemälde sind derzeit nur dem Titel nach bekannt (S. 42).

Mir wëlle bleiwe wat mer sin! Michel Engels (1851-1901), sa vie, son oeuvre.Katalog 94 S., 1000 Fr.

Ausstellung: Villa Vauban, 18, avenue Emile Reuter, bis zum 25. Juni 2000, dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 20 Uhr. Eintritt 100 Fr.

Romain Hilgert
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