Ein Land will ins Museum

Authentisch nur mit Unesco-Zertifikat

d'Lëtzebuerger Land vom 24.03.2011

Der 9. Januar 2011 war ein besonderer Tag für das Abtei- und Touristenstädtchen Echternach. Großherzog Henri und Großherzogin Maria Teresa waren an die Sauer gekommen, um in Anwesenheit von Kulturministerin Octavie Modert (CSV) und Bürgermeister Théo Thiry (CSV) einem feierlichen Hochamt von Erzbischof Fernand Frank in der Basilika beizuwohnen.

Der Dankgottesdienst, der durch die Enthüllung einer Gedenkplatte am selben Tag in ständiger Erinnerung bleiben soll, galt zwei Dutzend Kulturfunktionären des Zwischenstaatlichen Ausschusses der Unes­co zum Schutz des immateriellen Kulturerbes. Sie hatten Mitte November ihre fünfte Sitzung in der kenianischen Hauptstadt Nairobi abgehalten und dabei über 52 Kandidaturen für die Unesco-Listen der immateriellen Kulturgüter der Menschheit entschieden. Dazu gehörten die Pekinger Oper, der spanische Flamenco und die französischen Kochkunst, aber auch, wie der Nachrichtensender Al-Jazeera aus Qatar etwas abfällig berichtete: „Unter den obskureren Traditionen gewann Luxemburg Anerkennung für eine jahrhundertealte jährliche Springprozession im östlichen Grenzdorf Echternach.“

Dabei gab der Ausschuss in seiner Entscheidung 5.COM 6.27 fünf gute Gründe dafür an, die Springprozession zum immateriellen Kulturgut der Menschheit zu erklären: Sie sei tief in der Echternacher Gemeinschaft verwurzelt und schaffe so Identität und Beständigkeit; sie fördere das Bewusstsein für den Schutz des Kulturguts; ihr Fortbestand werde durch das Abteimuseum und das neue Dokumentationszentrum geschützt; Gemeindeverwaltung und Sankt-Willibrord-Bauverein seien in die Ernennungsprozedur eingebunden gewesen; und sie stehe seit zwei Jahren auf der nationalen Liste immaterieller Kulturgüter der Luxemburger Unesco-Kommission.

Da nahmen bei der religiösen Feier vor zwei Monaten in Echternach die kirchlichen Würdenträger auch gerne in Kauf, dass die Unesco die tausendjährige Springprozession auf Kosten ihres spirituellen Gehalts zur reinen Folklore erklärte. Und den weltlichen Würdenträgern fiel es leicht, zu vergessen, dass die Springprozession eigentlich schon 2008, zum 1 350. Geburtstags des Heiligen Willibrords, Weltkulturerbe werden sollte, aber die vom Kulturministe­rium vorbereitete Kandidatur aus formalen Gründen zurückgezogen und neu eingereicht werden musste.

Dabei hatte sich das Parlament kurz vor Weihnachten 2005 beeilen müssen, damit Luxemburg als einer der 30 ersten Unterzeichnerstaaten die Unesco-Konvention über den Schutz des immateriellen Kulturerbes ratifizierte. Im Laufe der Debatten waren die Abgeordneten sogar auf den Geschmack gekommen: DP-Sprecherin Colette Flesch konnte sich durchaus vorstellen, dass nach der Springprozession auch die Oktav­prozession und die Schobermesse immaterielles Weltkulturerbe würden; Robert Mehlen (ADR) hielt die luxemburgische Sprache des gleichen Prädikats für würdig.

Weshalb auch nicht? Laut einem Bericht der Brüsseler Zeitung De Morgen bereitet die Union des exploitants belges de friteries derzeit eine Kandidatur vor, damit die Unesco die belgische Pommeskultur als immaterielles Weltkulturerbe anerkennt. Und in den Kulissen der Sitzung von Nairobi war zu erfahren, dass die Unes­co-Experten derzeit dazu neigen, fast alle Anträge durchzuwinken, weil sie sich noch unsicher beim Betreten dieses denkmalschützerischen Neulands fühlen.

Dabei sollte die Initiative anfangs dazu dienen, bedrohte Kulturpraktiken vor dem Verschwinden zu schützen. Doch nun scheint sie eher eine immaterielle Variante der Folklore- und Ökomuseen zu werden, von denen es auch hierzulande eine Anzahl gibt. So laufen soziale Praktiken Gefahr, in die Hände von Anthropologen zu fallen und museifiziert zu werden. Und wenn manche Gebräuche nicht mehr weitervererbt werden, weil die neuen Generationen lieber in der Stadt arbeiten und Musik über MP3-Spieler hören, drohen sie, auf Honorarbasis von Darstellern der Tourismusindustrie übernommen zu werden.

Denn das Interesse am Unesco-Gütesiegel hatte der damalige Echternacher Bürgermeister Jos Scheuer (LSAP) während der Parlamentsdebatte auf den Nenner gebracht: Die Erklärung der Springprozession zum immateriellen Weltkulturerbe stelle „einen sicheren Wert für den Fremdenverkehr der Region“ dar. Im Vergleich dazu schienen die 2 000 Euro Jahresbeitrag, die der Staat laut Motivenbericht des Gesetzentwurfs dem Unesco-Komitee zu zahlen hat, eine günstige Investition.

Schließlich ist die Springprozession längst nicht das einzige Stück Luxemburger Kulturerbes, das in den vergangenen Jahren mit dem Gütesiegel der Unesco ausgezeichnet wurde. Seit 1994 stehen die hauptstädtische Festung und die dazu gehörende Altstadt auf der Unes­co-Liste des Weltkulturerbes und erfüllen somit anscheinend die zehn Kriterien für „Meisterwerke des schöpferischen Genies der Menschheit“. Seither ist das Unesco-Prädikat ein beliebtes Mittel von Denkmalschützern und politischen Gegnern, um Bauvorhaben, wie das Museum für zeitgenössische Kunst auf Drei Eicheln oder die Cité judiciaire auf dem Heilig-Geist-Plateau, mit der Drohung zu hintertreiben, die Unes­co würde es wieder aberkennen. Wobei es, wie immer, für alle Betroffenen darauf ankommt, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Experten zu mobilisieren, um ein genehmes Gutachten zu erwirken.

Wie ernst die Unesco es mit angeblich authentischen Kulturdenkmälern nimmt, wie groß ihr Ermessensspielraum zwischen Abu Simbel und Disney-Land ist, könnte sich auch einmal am Beispiel der Stadt und der Burg Vianden zeigen, die seit bald 20 Jahren auf der Tentative List der Unesco warten, um zum Weltkulturerbe erklärt zu werden. Die Viandener Schlossfreunde sprachen in letzter Zeit wieder bei der seit langen Jahren vom ehemaligen CSV-Generalsekretär Jean-Pierre Kraemer geleiteten nationalen Unesco-Kommission vor, damit die Burg formell als Weltkulturerbe kandidiert. Einziger Schönheitsfehler ist, dass die Anfang des 19. Jahrhunderts zerstörte Burg weitgehend ein Neubau ist.

Der Drang zur internationalen Anerkennung als Kulturnation durch die Vereinten Nationen nimmt nicht ab. 2003 wurde die von Edward Steichen zusammengetragene Fotoausstellung The Family of Man in Clerf ins Unesco-Register wertvoller Archiv- und Bibliotheksbestände, Memory of the World, aufgenommen. Der Ausschuss zum Erhalt der Kleinen Luxemburger Schweiz drängt seinerseits darauf, dass das Müllerthall Weltkulturerbe wird. Eine Arbeitsgruppe bereitet die Kandidatur der Kulturlandschaft Mosel vor. Auch die Stadt und die Abtei Echternach waren schon einmal als Vorschlag eingereicht worden.

Ob materielles oder immaterielles Kulturerbe und bei allen hochtrabenden Erklärungen, die Unesco-Zertifikatr werden vor allem als Guide-Michelin-Sterne der Tourismusindustrie angesehen, um Reisende mit herausragenden Sehenswürdigkeiten anzulocken. Kaum hatte die Unesco die Festung und die Altstadt Luxemburgs Ende 1994 zum Weltkulturerbe erklärt, wurden an der Corniche und am Eingang zu den Kasematten entsprechende Hinweistafeln feierlich eingeweiht. Straßenschilder zeigen den Touristen den Weg, „Publikationen, Konferenzen, Radio- und Fern­seh­sen­dun­­gen“, so die damalige CSV-Kulturministerin Erna Hennicot-Schoepges, ein Buch Luxembourg patrimoine mon­dial, eine Ausstellung in der Nationalbibliothek, das Unesco-Logo in der Werbung des nationalen Fremdenverkehrsamts, kostenlose Stu­dienreisen für ausländische Journalisten und desgleichen mehr sollen helfen, am Weltkulturerbe zu verdienen.

Aber Kulturerbe läutet immer auch die Stunde der Kirchturmpolitiker, Lokalpatrioten und Folkloristen ein. Sie sehen endlich ihr oft belächeltes Bemühen gewürdigt, mit Identität und Authentischem gegen die Unübersichtlichkeit der Welt anzukämpfen. So hilft die Unesco auch ein wenig, gesellschaftliche Verhältnisse in einem Land zu museifizieren, das panisch konserviert, weil es fürchtet, seine schönste Zeit schon hinter sich zu haben.

Romain Hilgert
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