Zum Muttertag

Mütter haben lebenslänglich

d'Lëtzebuerger Land vom 12.06.2015

Es gibt Bestandteile der Bevölkerung, die größenwahnsinnig werden könnten, sie müssen wahrlich allmächtig sein. Alles durch sie, wegen ihnen. Sie sind übermächtig, lauern im Hintergrund, im Unterbewusstsein, reden aus uns und noch aus dem Grab mit. In konventioneller Diktion werden sie Mütter genannt. In letzter Zeit sind einige Varianten dazugekommen. Solche, die man leihen oder leasen kann, solche eines anderen Geschlechts, diverse Elternteile, die sich an der Aufzucht winziger Wesen entscheidend beteiligen. In der Mehrzahl handelt es sich derzeit noch um sich vermehrende Bio-Frauen.

Mythisches Wesen Mutter. Ursprung des Universums und jeden Neuröschens, jeden abweichenden Verhaltens, aber auch krankhafter Normalität. Amokläufer, Top-Terroristen und durchgeknallte Diktatoren haben sicher eine solche gehabt. Prinz Charles musste mit Pflanzen und Tampons und Pferden reden, weil die seinige ihm die Brutwärme versagt hat. Andere wiederum wurden zu intensiv bebrütet, sie wurden schwul oder Künstlerinnen oder Karrieristen.

Vielleicht hat der Nachkomme einen Schnuller gehabt. Oder keinen. Wurde gestillt, vielleicht sogar länger als von Milupa vorgesehen. Vielleicht gar körperkontaktiert. Damit steht dringender Symbioseverdacht im Raum, geht schnurstracks Richtung Missbrauch. Vielleicht, mythisches Wesen, haben Sie Ihre

Kinder geimpft, gegen Krankheiten die gerade am Markt sind. Oder nicht geimpft. Haben Sie dabei auch alle wissenschaftlichen Ergebnisse sorgfältig studiert, bevor Sie den wehrlosen Winzling einer Spritze auslieferten? Oder waren sie Sie das naive Opfer einer Kampagne? Der Pharmaindustrie, eines Esoterikschundblattes? Waren Sie naiv, gewissenlos, nachlässig? Oder übervorsichtig, gar hypochondrisch? Sehr schlimm, sicher haben Sie diese Eigenschaft weitergegeben, die Nachwüchslinge fürchten sich vor jedem Tröpfchen, es könnte sie tröpfcheninfizieren. Haben Sie jetzt Schuldgefühle? Noch schlimmer. Das Allerschlimmste. Sicher haben Sie den Nachwuchs mit Schuldgefühlen infiziert, womöglich noch unaufgearbeiteten, die der Nachwuchs jetzt an ihrer Stelle aufarbeiten muss. Der Katholizismus lauert, und dauert, er ist bekanntlich zäh, 100 Jahre Couch statt Fegefeuer. Sie haben nicht mal eine Familienaufstellung gemacht? Statt dessen primitiv eine Familie aufgestellt. Was, Sie haben eine Familienaufstellung gemacht, Sie Esoterikerin? Na dann, kein Wunder.

Haben Sie dem Kind den Zucker verboten? Ist es deshalb fettleibig? Haben Sie Sadistin Hänsel und Gretel vorgelesen? Oder nichts, ihm diese unersetzliche Mischung von Nähe und Kulturvermittlung vorenthalten? Wir mussten Latein lernen, wird auf Ihrem Grabstein stehen. Wir mussten immer an die frische Luft. Vielleicht war die Schule falsch, das Kind ist bei Alternativen gelandet, bei Ausländern oder Pfaffen oder Snobs, die Atmosphäre war eisig, oder lebensfremd kuschelig, so dass es jetzt Drogen nehmen muss oder rechts wählt oder religiös wird. Vielleicht will es sogar Chirurgin werden, irgend etwas ist falsch gelaufen. Sie sind ja auch sicher geschieden. Was, nicht geschieden, noch schlimmer. Sie haben sicher wichtige Entscheidungen nicht getroffen, statt dessen Geld verdient. Oder viel schlimmer, keines verdient.

Die Sündenziege ist dran, auch wenn sie ahnungslos tut, aus allen Wolken fällt. Sie hat ja gar nicht gewusst, dass ihr Kind in einem Folterkeller aufwuchs. Sie dachte, es war schön, mit Fingerfarben. Hat sie wirklich alles verdrängt, sich ein Kinderbuch ausgemalt, in dem geplantscht wird?

Glucke oder Rabenmutter? Das Jüngste Gericht tagt, nonstop. Die Angeklagte reicht Gnadengesuche ein, verweist auf mildernde Umstände, Väter oder Nicht- Väter, eine Gesellschaft, die es eigentlich, theoretisch, auch gibt. Das Jüngste Gericht ist im Gegensatz zum mythischen Wesen aber jung und stark, es hat verdammt viel Ausdauer, manchmal besteht es gar aus mehreren. Wie lange dauert der Prozess, meckert die Sündenziege kleinlaut auf, wie lang dauert so eine Pubertät? Ewig, sagen die Expertinnen.

Manchmal werden auch Urteile revidiert, manchmal Jahrzehnte später. Irgendwann werden wir ein bisschen altersmilde. Sogar unsern Müttern gegenüber.

Michèle Thoma
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