Fußball-Weltmeisterschaft 2018

Jaschins Erben

d'Lëtzebuerger Land vom 15.06.2018

Die Sbornaja, wie in Russland sowohl die Fußball- als auch die Eishockey-Nationalmannschaft genannt wird, zählt für mich zu den spannendsten Teams, die an der diesjährigen WM teilnehmen. Sie besticht zwar weder durch eine besonders gepflegte Spielkultur, noch durch herausragende Einzelkönner. Der Torhüter Igor Akinfeev und der Mittelfeldspieler Alan Dsagojew, beide bei ZSKA Moskau unter Vertrag, galten als Riesentalente, haben aber den Sprung in die internationale Spitzenklasse nicht geschafft. Auch die Leistungsbilanz der russischen Nationalelf ist bescheiden: Bei den letzten großen Turnieren schied sie frühzeitig aus. Die Vorbereitungsspiele zur WM 2018 weckten nicht gerade Hoffnung auf Besserung.

Dennoch hat die Sbornaja etwas zu bieten, was großen Turnierfavoriten wie Brasilien oder Deutschland fehlt: Ihr Kader besteht fast ausschließlich aus Spielern, die in der heimischen Premier-Liga tätig sind – allen voran in den Moskauer Vereinen Lokomotive, Spartak und ZSKA sowie dem Sankt Petersburger Vorzeigeklub Zenit. Lediglich zwei Spieler sind im Ausland aktiv. Die von Oligarchen geführten russischen Vereine können finanziell mit den westeuropäischen Topklubs mithalten. Im Gegensatz zu den meisten kleinen bis mittelgroßen europäischen Ligen leidet die höchste russische Spielklasse nicht unter dem frühzeitigen Verlust ihrer größten Talente. Das wiederum führt dazu, dass man in unseren Gefilden selten die Gelegenheit hat, die Spieler der Sbornaja näher zu verfolgen. Weil die russische Premier-Liga im Ausland medial kaum präsent ist, verfügt sie über dementsprechend wenig Ausstrahlungskraft.

Umso mehr kann man sich auf die Darbietungen der russischen Elf freuen, die auf eine lange und zuweilen auch erfolgreiche Geschichte zurückblickt. 1960 gewann die Auswahl der UdSSR die erstmals ausgetragene Europameisterschaft und gehörte auch im weiteren Verlauf des folgenden Jahrzehnts zur Elite des Weltfußballs. Der damalige Nationaltorwart Lew Jaschin gilt bis heute als einer der besten Torhüter aller Zeiten. Kaum überraschend ziert der legendäre Keeper das offizielle Plakat für die WM. Die russischen Organisatoren wollen an die erfolgreiche Historie der großen Mannschaft aus Sowjet-Zeiten anknüpfen.

Dabei liegt der letzte Exploit der Sbornaja gar nicht so lange zurück. Bei der EM 2008 eliminierte das Team um den feinen Techniker Andrej Arschawin im Viertelfinale die hoch favorisierten Niederländer, die zuvor in der Gruppenphase Italien und Frankreich vom Platz gefegt hatten. Zwar mussten die Russen sich im Halbfinale dem späteren Turniersieger Spanien geschlagen geben, dennoch sorgten sie für die größte Überraschung der gesamten EM. Seither konnte die russische Nationalmannschaft allerdings selten überzeugen, was erklärt, warum sie weder bei den internationalen Fußballexperten noch in den Wettbüros hoch im Kurs steht. Seit Jaschins Zeiten hat der russische Fußball viel an Glanz verloren.

In Russland hat Fußball zudem einen schweren Stand, steht er doch seit jeher im Schatten des Eishockeys. Dennoch verzeichnete die höchste Spielklasse in der abgelaufenen Saison mit durchschnittlich 14 000 Besuchern pro Spiel einen höheren Zuschauerschnitt als etwa ihre Pendants in Portugal und Belgien. Europaweit liegt sie damit hinter den Niederlanden auf dem siebenten Rang, was aber vermutlich nicht reichen wird, um die von der Fifa geforderten Stadionneubauten nach der WM weiterhin auszulasten. Aber das ist ein strukturelles Problem, das auch in ausgewiesenen Fußballnationen wie Brasilien zu Tage tritt, wie das verlotternde Maracaña-Stadion in Rio de Janeiro eindrücklich unter Beweis stellt.

Trotz ihrer langen Tradition leidet die russische Fankultur in Europa unter einem schlechten Ruf – nicht zuletzt wegen der gewalttätigen Angriffe russischer Hooligans auf englische Anhänger in Marseille bei der vergangenen EM. Wie sich herausstellte, unterhielten einige Schläger, die der rechtsextremen Szene angehören, persönliche Beziehungen in die höchsten politischen Kreise Russlands. Auch auf Vereinsebene haben russische Anhänger in den letzten Jahren für Negativschlagzeilen gesorgt. Immer wieder werden russische Klubs, allen voran Spartak Moskau, wegen rassistischem und gewalttätigem Verhalten ihrer Anhängerschaft von der Uefa abgestraft. Die russische Fankultur pauschal zu verurteilen, wäre jedoch kurzsichtig. Wie in jeder Fanszene gibt es auch dort viele verschiedene Gruppierungen, die gänzlich unterschiedliche Weltanschauungen propagieren. Die von Robert Ustian gegründete Initiative „CSKA Fans against Racism“ sei hier als Beispiel genannt. Die WM bietet eine einmalige Gelegenheit, einen Einblick in die hier skizzierte Vielfalt des russischen Fußballs, mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen, zu erhalten.

Charles Wey
© 2018 d’Lëtzebuerger Land