Archäologische Grabungen im Ban de Gasperich

Auf den Spuren der Belagerungsarmee

d'Lëtzebuerger Land du 24.03.2011

„Da werden sich sicher bald die Spezialisten aus Frankreich in den Bus setzen, um sich das hier anzusehen“, sagt Robert Wagner von der Archäologie-Abteilung des Musée national d’histoire et d’art (MNHA). Er misst gerade eine Fundstelle im Ban de Gasperich aus, die Umrisse sind mit neonfarbenen Punkten markiert. Was Wagner hier vermisst, wird sofort in die archäologische Karte Luxemburgs übertragen. Erst seit drei Tagen laufen die Grabungen in zwei Zonen dies- und jenseits der Rue Frédéric-Guillaume Raiffeisen und gefunden haben die Wissenschaftler vom MNHA bereits viel mehr, als sie sich erwartet hatten.

Oben auf der Anhöhe draußen vor der Stadt weht bei drei Grad ein kalter Wind, bald wird es regnen. Dennoch sind die Archäologen zufrieden und gelassen. Mehrere Wochen haben sie Zeit für diese Notgrabung, denn auf dem Gelände, das derzeit noch landwirtschaftlich genutzt wird, sollen bald Wohnungen, Büros und Geschäfte entstehen, darunter das Einkaufszentrum Auchan. So viel Zeit ist ein Luxus über den die Wissenschaftler selten verfügen, wenn es darum geht, die Spuren der Vergangenheit zu sichern, bevor die Schaufelbagger anrollen.

Dass sie hier unter quasi idealen Bedingungen arbeiten können, liegt auch daran, dass der Bauträger Grossfeld PAP über sein Ingenieurbüro aus eigener Initiative ans Museum herangetreten ist und sogar die Vorgrabungen mitfinanziert hat. Vom Gesetzgeber sind sie dazu verpflichtet. Während die Bauträger nun fertig planen und auf den Abschluss der Genehmigungsprozeduren warten, können die Archäologen ohne großen Zeitdruck zu Werke gehen. „Davon profitieren letztendlich alle“, wiederholen Wagner und Projektleiter Laurent Brou, MNHA, einhellig. „Wir können graben, ohne den Zeitplan der Bauträger durcheinander zu bringen.“ Erfahren sie erst aus der Zeitung von Bauprojekten in Zonen mit hohem archäologischen Potenzial, müssen sie sich beeilen. Denn Projekte zwecks Grabungen verzögern können sie nur, wenn sie bereits wichtige Funde nachweisen können. „Das sind aber dann alles andere als ideale Bedingungen für uns wie für den Bauträger, der dann Geld verliert“, so die Archäologen. „Das muss nicht sein.“

So beaufsichtigte Laurent Brou vergangenen Herbst stichprobenartigen, Vorgrabungen auf dem 35 Hektar großen Areal. Mehrere Meter lange Gräben, immer im Abstand zwischen 20 und 30 Metern, wurden ausgebaggert. Ein Hektar täglich schaffen die Mannschaften im Durchschnitt. Über zehn Kilometer Gräben insgesamt hoben sie erst aus und schütteten sie dann wieder zu. Dabei fanden sie an vier verschiedenen Stellen Strukturen: Einige frühgeschichtliche Vertiefungen, aus denen Lehm entwendet wurde, vielleicht während der Bronzezeit. An einer anderen Stelle nahe der Gewerbezone Cloche d’or fand Brou eine Feuerstelle, Bleispritzer und die Reste von aus Keramik hergestellten Pfeifen. Spuren der Belagerung der Festung Luxemburg im Jahr 1684? Auch in einem dritten Sektor wurden an zwei Stellen weitere Hinweise auf Feuerstellen und Bleireste aus der gleichen Periode gefunden.

Hierhin kehrten die Archäologen vor einer Woche zurück. Nicht mal zehn Leute arbeiten an den zwei Grabungsstellen. Die Wissenschaftler vom Museum werden von Arbeitern der Baufirmen unterstützt, die die Ausschreibung für die Arbeiten gewonnen haben. Spezialisten gibt es wenige in Luxemburg. Wirklich tief graben müssensie nicht. Weniger als einen halben Meter Erde trägt der kleine Bagger vorsichtig ab, bevor die geologischen Bodenschichten sichtbar werden. Auf der Anhöhe in Nähe der Autobahn, wo im Herbst die unnatürlichen urgeschichtlichen Vertiefungen gefunden worden waren, orangefarbener Lehmboden. Mehrere Kreise sind markiert. Wo Holz verrottet oder Feuer gemacht wurde, verändert sich die Farbe der Erde. „An diesen grauen Stellen standen Holzpfähle“, erklärt Brou enthusiastisch. Ob es die Pfeiler einer Behausung waren oder doch eher die eines Zaunes, lässt sich noch nicht sagen.

Was die markierten grauen Flecken von den unmarkierten grauen Flecken unterscheidet? „Das ist nicht grau, sondern braun“, sagt Brou. Nuancen zwischen Orange, Grau oder Braun sind für Laien kaum merklich. „Die Bodentextur ist ebenfalls anders“, fügt er hinzu. „Aber manchmal sind wir selbst nicht ganz sicher.“ Einige Keramikteile haben sie gefunden. Sie sind nicht besonders fein oder verziert, ein Hinweis, dass es Gebrauchsgegenstände waren.

Ein paar Meter weiter, der nächste Aushub, weitere Markierungen. Eine größere ohrenförmige Stelle und zwei weitere Kreise sind angezeichnet. Einen größeren Stein haben sie freigelegt. „Wahrscheinlich ein Instrument zum Mahlen von Getreide“, mutmaßt der Prähistoriker Brou. Sicher ist das erst, wenn sowohl Form als auch geologische und geografische Herkunft des Steins untersucht und geklärt sind. Daneben, das können sogar Nicht-Spezialisten erkennen, bilden schwarze Kohlenreste den Kreis einer Feuerstelle. „Die runden Stellen drüben könnten Kornspeicher gewesen sein. Dazu wurde einfach ein Loch aus dem Lehmboden ausgehoben, gefüllt und versiegelt.“ Ob es so war, und welche Getreidearten darin aufbewahrt wurden, lässt sich herausfinden, indem man größere Bodenproben entnimmt, die von Karpologen, Getreidespezialisten, untersucht werden.

Doch die französischen Kollegen in den Ban de Gasperich locken dürften aber vielmehr die Funde auf der anderen Seite der Rue Raiffeisen, der Verbindungsstraße zwischen Howald und Gasperich, im Acker neben der Bücherhandlung. Als die Museumsmitarbeiter die oberen Erdschichten zwischen den zwei neuzeitlichen Strukturen abtragen, die während der Vorgrabungen gefunden wurden, entdecken sie weitere Stellen. Nach drei Grabungstagen sind bereits fünf rechteckige Areale markiert, die abstandsgleich und parallel zueinander liegen. Eine Überraschung. Die jeweiligen Feuerstellen sind deutlich erkennbar an den schwarzen Kohleresten und am Lehm, der sich in der Hitze des Feuers in gebrannten Ton verwandelt hat. Wiederum haben die Archäologen stark verzierte Keramikpfeifen und Bleispritzer gefunden.

Es sind Spuren der Soldaten der Armee Ludwigs XIV, die 1684 unter dem Kommando von Sébastien Le Prestre de Vauban die Festung Luxemburg belagerten. „Wir befinden uns hier zwischen dem vorderen und dem hinteren Belagerungsring der französischen Truppen“, erklärt Robert Wagner. „Die Regimenter, die sich in dieser Distanz zur Stadt aufhielten, waren nicht direkt am Angriff beteiligt. Vielmehr waren sie dafür zuständig, den Angreifern den Rücken freizuhalten und dafür zu sorgen, dass keine spanische Armee von außen der in der Festung eingeschlossenen spanischen Garnison zu Hilfe eilen konnte“, fährt der Historiker fort.

Ihre Zelte, weiß man aus Militärdokumenten jener Zeit, standen in Gruppen, immer in Sichtkontakt zur nächsten Gruppe, bildeten einen zweiten Kreis um die Festung und den engeren Kreis der Angreifer herum. „Sie griffen nicht direkt ins Kampfgeschehen ein“, weiß Wagner. Dafür rauchten sie Pfeife. Und gossen aus bereits abgefeuerten und wieder eingesammelten Geschossen neue Bleikugeln, wie die Bleispritzer um die Feuerstellen verraten. An den Mustern der Pfeifen lässt sich bestimmen, woher sie stammen, beispielsweise aus Mannheim, vom Hersteller Frantz Remet, erzählt Brou. Das kann heißen, dass auch Soldaten aus dieser Region in der Belagerungsarmee dienten, oder aber dass Händler aus der Gegend anreisten, um den Soldaten ihre Waren zu verkaufen.

„Dieses Projekt ist interessant, weil selten nach Objekten und Strukturen aus dieser Zeit gegraben wird“, freut sich Wagner „noch dazu ist es aufregend, weil wir hier sehen können, was von der Soldatenpräsenz in einem genau abgesteckten Zeitfenster übrig bleibt.“ Im März und April 1684 seien die ersten Truppen aufmarschiert, so der Historiker. Geblieben seien sie knapp drei Monate, bis zum Juni, als die Spanier in der Festung, einen Monat nach Beginn der eigentlichen Attacke, kapitulierten. Dann füllten sie rasch wieder den Graben auf, ebneten den Wall ein, hinter dem sie sich verstecken konnten. Damit ihn, sobald die eigenen Truppen in die Stadt eingezogen waren, keine feindliche Armee nutzen konnte. „Irgendwo hier in der Nähe muss diese Linie verlaufen sein“, sagt er. Noch haben sie davon keine Spuren gefunden.

Michèle Sinner
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