Fintech auf Level 39

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d'Lëtzebuerger Land vom 12.06.2015

Der Zugang zu Canary Wharf, dem ehemaligen Hafendock auf der Isle of dogs, das seit Ende der 80-er Jahre zum zweitgrößten Finanzzentrum Londons umgebaut wurde, ist mit einer Sicherheitssperre abgeriegelt. Kein Auto fährt auf die Flussinsel, auf der die Wolkenkratzer in den Himmel ragen, ohne dass es kontrolliert würde. Wer inmitten der 110 000 Büroangestellten, die auf dem Gelände arbeiten, Kaffee zum Mitnehmen in der Hand, Dienstausweis zum Passieren der hausinternen Sicherheitssperren um den Hals, den Puls der internationalen Kapitalströme nicht schlagen spürt, kann zumindest die aktuellen Börsenkurse und Nachrichten an der Anzeige der Firmenzentrale von Thomson Reuters ablesen.

Der Aufzug auf Nummer eins Canada Square fährt so schnell, dass die Ohren sausen. In der 39. Etage öffnen sich die Fahrstuhltüren vor einem dunklen Designerinterieur, das junge Personal am Empfang ist enthusiastisch und redet Besucher nur mit dem Vornamen an. Vor zwei Jahren hat hier der Bürgermeister der Stadt, Boris Johnson, den Firmeninkubator Level 39 eröffnet. Er kam, das gehört zur offiziellen Legende, mit der U-Bahn. Betreiber des Inkubators ist die Canary Wharf Group, Bauträger und Inhaber des zweithöchsten Büroturms auf den britischen Inseln, selbst. Die Idee eines Firmeninkubators inmitten des Finanzdistrikts beruht auf einer strategischen Entscheidung, die Mieterbasis in ihren Immobilien zu diversifizieren, erklärt Elizabeth Adams von Canary Wharf Group plc. „Vor zehn Jahren waren 80 Prozent der Mieter Finanzdienstleister“, sagt sie. „Seither ist der Prozentsatz auf 60 Prozent gesunken.“ Der Gruppe geht es darum, Technologiefirmen anzulocken, „die Googles, Facebooks und Ubers der Zukunft“. „Dieser Ort war nicht bekannt als einer, zu dem Start-Ups hingehen.“ Um das zu ändern, entschied die Immobiliengruppe, jungen Firmen und Unternehmern auf einer der 50 Etagen im Gebäude billigen Büroraum anzubieten.

„Der Erfolg hat alle unsere Erwartungen übertroffen“, erzählt Adams. Zwei Jahre nach der Eröffnung zählt Level 39 186 Mitglieder, insgesamt 570 Arbeitnehmer gehen hier täglich ein und aus. Auf der Warteliste für die Aufnahme in den Kreis der Mitglieder stehen 1 300 Namen. Bereits im September 2013 wurde eine zweite Etage für schnell wachsende Firmen, die mehr als acht Mitarbeiter zählen, in Betrieb genommen, im Januar 2015 ein weiterer high growth level. Dass Level 39 ein derartiger Erfolg ist, hat mehrere Ursachen. Da ist zum einen der Fokus auf gewisse Branchen. Aufgenommen werden nur die Firmen oder Unternehmer, die in Bereichen Fintech, Cyber Security, Einzelhandel und was man in Canary Wharf future cities nennt, aktiv sind. Die Fintech- und Cyber-Security-Firmen sollen von der Nähe zu den anderen Finanzdienstleistern vor Ort profitieren. Die Ideen und Produkte der anderen könnten in dem neuen Stadtteil eingesetzt werden – beispielsweise Messstationen für die Luftqualität an Bushaltestellen –, den die Immobiliengruppe süd-östlich von Canary Wharf, in Wood Wharf, entwickelt. Dort, so Adams, könnten neue, speziell auf die Bedürfnisse von Technologiefirmen zugeschnittene Räumlichkeiten entstehen, nach einer Art Campus hört sich das an. Nie werden mehr als eine oder zwei Firmen aufgenommen, die im gleichen Bereich aktiv sind, um direkte Konkurrenz zu verhindern, so Elizabeth Adams.

Dabei ist Level 39 viel mehr ein Akzelerator, ein Firmenbeschleuniger, als ein Inkubator. Wer Mitglied in Level 39 werden will, muss seine Idee bereits umgesetzt, ein Produkt entwickelt haben, erläutert Adizah Tejani, zuständig für die Entwicklung des Ecosystems im Level 39. „Das hier ist kein Ort an dem Ideen erarbeitet werden“, sagt sie mit Nachdruck. „Das Produkt noch nicht unbedingt besonders geschliffen sein, aber vorhanden.“ Dann nämlich seien die Erfolgschancen deutlich größer, so Tejani, und, fügt sie hinzu: „Hier geht es um Wachstum.“

Damit die Firmen in ihrem Ökosystem wachsen, bieten Tejani und ihr Team Content und ein Curriculum. Die Firmen werden gecoacht, in der Gruppe oder auch in Einzelgesprächen, in punkto Regulierung beispielsweise, in Bezug aufs Geschäftsmodell oder das Marketing. Die Mentoren arbeiten auf freiwilliger Basis, Unternehmer, Firmenchefs, Berater, die mindestens viermal jährlich antreten müssen, wenn sie sich engagieren. Über 1 000 Events wurden in den vergangenen zwei Jahren organisiert. Was los ist, erfahren die Mitglieder in der wöchentlichen Newsletter. Die Betreiber selbst, so die Regel, investieren nicht in die Technologiefirmen, die bei ihnen Mitglied sind, organisieren aber Zusammentreffen mit Investoren, bisher 22, also fast jeden Monat eines. „Wir müssen unsere Neutralität aufrecht erhalten“, unterstreicht Tejani. Sie sitzt im pantry, der Vorratskammer, einer Art Café, das gleichzeitig als Großraumbüro dient. Um sie herum arbeiten auf den absichtlich fehlangepassten Designermöbeln mehrheitlich junge Leute an Laptops, diskutieren in Gruppen, sprechen ins Smartphone. Durch den Raum verteilt stehen Einmachgläser im Retro-Look, gefüllt mit Smarties. Darauf prangt das Level-39-Logo und die Allergie-Warnung – Safety first! Über den Smarties-Verzehr führen die Betreiber Buch (eine Tonne in zwei Jahren), sie gehören ebenso zur „kuratierten Atmosphäre“, wie die I-Pad-basierte Espresso-Maschine, die Keksglocke, die täglich um 15.15 geläutet wird, wenn frisch gebackene Kekse ausgelegt werden, und die ausgewählte kinetische Kunst an den Mauern.

Wer im pantry arbeitet, steht auf niedrigsten Stufe der Mitgliedschaftsleiter. Eintrittspreis: 1 500 Mitgliedschaftsbeitrag jährlich. „Durchaus erschwinglich“, findet Tejani, „viele Leute geben jährlich mehr für ihr Abendessen aus.“ Wer mehr zahlt, darf an die hot desks, Schreibtische, die jeden Tag vollständig geräumt werden müssen, wer seine Sachen nicht hin- und herschleppen will, kann vor Ort einen Spind mieten. Fixed-desk-Mieter verfügen über ihren eigenen Telefonanschluss und können sich ihre Post ins Level 39 schicken lassen. Ihre Fenster geben die Sicht frei auf die Themse und die City. Von diesem „Instagram-Hotspot“ aus gesehen, liegt ihnen die Stadt zu Füßen.

Die Gründer von Transfergo haben sich in weniger als zwei Jahren vom Pantry bis in den high growth space in der 42. Etage durch alle Mitgliedstufen hochgearbeitet. Justinas Lasevicius kam 2008 als Student nach Großbritannien. Finanziell von der Unterstützung der Eltern abhängig, fiel ihm schnell auf, dass die Überweisungsgebühren bei den kleinen Beträgen, die er aus Litauen erhielt oder dorthin schickte, das Budget auffraßen. Ihm und seinen Freunden in der gleichen Situation kam die Idee, das System auszutricksen. Daraus entstand der Gedanke der Firma, die es Migranten erlaubt, kleine Beträge gegen Gebühren von zwischen 0,3 und 0,6 Prozent zu überweisen, und das sehr schnell, mit Ausführung am gleichen Tag. Dabei umgeht Transfergo das Swift-System komplett, erklärt Lasevicius: „Es funktioniert nur, wenn man über seine eigene Infrastruktur verfügt und die komplette Kontrolle über den gesamten Ablauf hat.“ „Local in, local out“ heißt das Geheimnis von Transfergo, die Gelder werden gar nicht erst zwischen den Ländern hin- und hergeschickt, sondern lokal ein- und ausgezahlt. Transfergo ist ein regulierter Zahlungsdienstleister. Die Lizenz zu erhalten, habe ein halbes Jahr gedauert, erinnert sich der Chief technology officer. Hauptgeschäft sind Überweisungen zwischen Großbritannien und Osteuropa, Transfergo folgt den Wirtschaftsmigranten innerhalb Europas, nach Skandinavien, wahrscheinlich bald auch nach Deutschland. Inzwischen sind 65 000 Nutzer eingeschrieben, die Kundenzahl steige monatlich um 15 Prozent, sagt Lasevicius. Transfergo beschäftigt 25 Mitarbeiter, das Backoffice befindet sich in Litauen, das Team von zehn Personen um die Entscheidungsträger arbeitet im Level 39.

Das hat laut Lasevicius mehrere Vorteile. „Level 39 unterstützt die Firmen, egal in welcher Phase sie sich befinden“, sagt er. Mindestens einmal die Woche würden Mitarbeiter an Events teilnehmen oder zum Mentoring gehen. Die Präsenz vor Ort mache das Anwerben von neuen Mitarbeitern leichter, so Lasevicius. „Unsere Präsenz hier im Level 39 und dass uns Level 39 in Veröffentlichungen erwähnt, gibt uns Vertrauenswürdigkeit, auch wenn wir auf neue Märkte gehen“, sagt er. Die Marke „Level 39“ funktioniert dabei wie ein Gütesiegel.

Das Vorzeige-Start-Up Transfergo zählt neben den Großbanken aus der Nachbarschaft zu den Gründungsmitgliedern von Innovate Finance, erzählt die Kommunikationsbeauftragte Georgia Hanias. Zur Gründung der erst vergangenen Sommer gegründeten Fintech-Lobby kam Schatzamtskanzler George Osborne höchstpersönlich, hebt sie hervor. „Das unterstreicht, welches Gewicht der Fintech-Branche beigemessen wird.“ Schon jetzt sei die Fintech-Branche ein 20-Milliarden Dollar schweres Geschäft in Großbritannien. „Es soll noch größer werden und wir wollen unsere führende Position verteidigen.“ Dafür macht Innovate Finance aus Fintech sogar ein akademisches Fach. In Zusammenarbeit mit der Fernuni Open University hat die Lobby-Gruppe einen Kurs mit dem Titel „Fintech 101“ entwickelt, in dem weder Finanzfachwissen vermittelt, noch Programmieren gelehrt wird, sondern der sich mit der Entwicklung der Branche an sich beschäftigt.

Dafür habe es eine Organisation gebraucht, die die Positionen und Anliegen aller Beteiligten im Ökosystem zu artikulieren – Start-ups und etablierte Banken – „besonders, weil wir Gesetzesänderungen durchdrücken wollen.“ Falsche Scham kennt Hanias nicht. Die Nähe zur Politik ist für sie ein Verkaufsargument für den Fintech-Standort London. Ganz oben auf der Agenda von Innovate Finance steht ein Gesetzentwurf, der traditionelle Schalterbanken zwingen soll, die Kunden, denen sie kein Konto eröffnen oder keinen Kredit geben wollen, auf die Möglichkeiten hinzuweisen, die der alternative Finanzsektor bietet, wie beispielsweise peer-to-peer lending. Hanias hofft, dass der Entwurf noch vor Jahresende durchs Parlament geht, denn damit wäre Großbritannien das erste Land, das über eine solches Gesetz verfügt. Damit könnte sie wieder Werbung für ihren Standort machen. Denn Marketing gehört zu den Hauptaufgaben von Innovate Finance. „Wir wollen auf die vielen Talente aufmerksam machen, die wir hier haben.“ Trotz der „vielen Talente“, spricht Hanias davon, den „skills gap“ zu schließen, wie der Fachkräftemangel jenseits des Ärmelkanals genannt wird. Dafür müssten die die richtigen Visa-Prozeduren her, damit Personal in aller Welt rekrutiert werden könne. Außerdem auf ihrer Wunschliste: „Steuererleichterungen für Start-ups und ihre Investoren.“

Dass sie die traditionellen Großbanken zu den Mitgliedern ihrer Non-Profit Organisation zählt, die sich für eine Branche stark macht, die das Geschäftsmodell der traditionellen Großbanken in Frage stellt, wundert Hanias nicht. „Sie sehen ein, dass die Revolution die gerade stattfindet, die richtige Entwicklung ist. Das aktuelle Modell funktioniert einfach nicht. Die Finanzkrise 2008, die Wirtschaftskrise haben das gezeigt. Danach wollten die Banken keine Risiken mehr eingehen. Dies ist eine Reformationsphase für die globale Bankenbranche“, sagt Hanias. „Wir sind dankbar, dass es innovative Firmen und Unternehmer gibt, die die Lücke füllen.“ Fintech, glaubt sie, „ist die Zukunft des Geldes“.

Michèle Sinner
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