1935 verlässt der junge Schriftsteller Ulrich Boschwitz Deutschland. Sein Irrweg führt ihn für einige Monate auch nach Luxemburg. Eine biografische Annäherung

„Jetzt ist man Luft, schlechte Luft!“

d'Lëtzebuerger Land vom 05.04.2019

In Zeiten von Erasmus-Austausch und Schengen-Abkommen klingt Ulrich Boschwitz’ Reise wie eine gelungene Studienkarriere: von Berlin nach Skandinavien, dann einen Sommer lang an die Pariser Sorbonne und zu Erholungszwecken nach Luxemburg. Später geht’s nach Brüssel und London. Aber als Boschwitz, Kind eines jüdischen Vaters, ab 1935 auf dieser Route unterwegs ist, kann von Freizügigkeit und selbstverständlicher Mobilität keine Rede sein. Im Gegenteil: 1942, am Ende seines kurzen Lebens, das ihn schließlich nach Australien verschlägt, hat der ambitionierte Jungautor eine siebenjährige Flucht hinter sich, die geprägt ist von Abweisung und Willkür. Sein kurzer Aufenthalt in Luxemburg bildet dabei keine Ausnahme.

Es sind nur wenige Monate im Sommer, Herbst und Winter 1937, die er im Großherzogtum verbringt. Indes finden einige der Erfahrungen, die Boschwitz hierzulande macht, ihren Widerhall im Roman Der Reisende, verfasst 1938 in Brüssel, seiner nächsten Station nach dem Aufenthalt in Luxemburg. Dieser Spur lässt sich jetzt, gut achtzig Jahre später, genauer nachgehen. Das Buch war nämlich nach seiner Erstveröffentlichung in Vergessenheit geraten, bis die Erzählung von der tragischen Flucht eines jüdischen Kaufmanns 2018 erneut veröffentlicht wurde, um in Deutschland sogleich große Erfolge bei Publikum und Kritik zu feiern.

1935 beginnt Boschwitz’ jahrelanger Spießrutenlauf: Im November verlässt er gemeinsam mit seiner Mutter Martha Wolgast und deren Freundin Helene Schain Berlin. Zuerst gehen sie nach Stockholm, anschließend nach Oslo. Im Juli hatte ein Musterungsbefehl den Zwanzigjährigen erreicht. Und im September waren auf dem 7. Reichsparteitag der NSDAP die so genannten Nürnberger Rassengesetze verabschiedet worden, welche die antisemitische Diskriminierung institutionalisierten. Insgesamt muss sich die Familie seit Jahren unerwünscht gefühlt haben, auch wenn die Kinder gemäß der mütterlichen Familientradition streng protestantisch erzogen worden waren. Erst spät war ihnen eröffnet worden, dass ihr 1915 im Krieg gefallener Vater jüdisch gewesen war.

In Skandinavien debütiert Boschwitz als Romancier. Unter dem Pseudonym John Grane erscheint 1937 die schwedische Übersetzung seines ursprünglich auf Deutsch geschriebenen Romans Menschen neben dem Leben. Die Kritik ist angetan bis begeistert, die Autorenkarriere des 1915 geborenen Boschwitz auf gutem Wege. Trotz der widrigen Umstände versucht der 21-Jährige, seinen Interessen nachzugehen. Dazu geht er nach Paris und belegt zwischen November 1936 und März 1937 Geschichtsstudien.

Exiliert in Luxemburg

Am 30. August 1937 reist er schließlich nach Luxemburg, zu „Erholungszwecken“, wie es in einer Akte der Fremdenpolizei heißt. Kurz darauf stoßen seine Mutter und die gemeinsame Freundin Schain hinzu. Auch zu ihnen gibt es ein Dossier der Fremdenpolizei: Demnach sollen sie ein Zimmer in der N.-S.-Pierretstraße 47 in Limpertsberg bezogen haben. Boschwitz wiederum soll zeitweise in der Beaumontstraße 13 in der Altstadt gewohnt haben.

Wie der junge Schriftsteller seine Zeit vor Ort verbringt, ist kaum überliefert. Im Leo Baeck Institute in New York, einer Einrichtung, die sich der Geschichte und Kultur deutschsprachiger Juden widmet, ist sein Nachlass hinterlegt. Dort findet sich ein handschriftlicher Lebenslauf, den Helene Schain nach dem Krieg verfasst. Über Boschwitz’ viermonatigen Aufenthalt in Luxemburg schreibt sie: „Then came the MS. [manuscript, SH] The wolves which he wrote in Luxembourg. The theme of this big novel is Germany after the first world war, where Black-market is in high floor, Racketeers, Conjunction hunters and all the big fishes in business life have their great time – the great sharks – or the ‘wolves’ as it is called in Germany a very vivid picture from a time 20 years before and still true to-day. This book is still waiting for its publication.“

Schains Paraphrase klingt wie ein Babylon Berlin „avant le streaming“, wie ein gesellschaftliches Panorama einer Epoche, die Boschwitz auch deshalb fokussiert haben dürfte, weil Deutschlands umstürzlerische 1930-er Jahre nicht ohne die hedonistischen 20-er und die unmittelbare Nachkriegszeit nach 1918 zu erklären sind. Heute lässt sich bezüglich The wolves leider ergänzen: Das Buch wurde nicht nur nie veröffentlicht, das originale Manuskript ist verschollen.

Im Ausstellungsband des Centre national de littérature, Exilland Luxemburg, in dem Emigranten porträtiert werden, die zwischen 1933 und 1947 die hiesige Kulturszene mitprägten, fehlt Boschwitz. Die Spuren, die er hinterlassen hat, sind in der Tat spärlich. Dennoch sind seine Zeit in Luxemburg und sein literarisches Schaffen einer Dynamik hinzuzuschlagen, die die Herausgeber des Bandes, Germaine Goetzinger, Gast Mannes und Pierre Marson, folgendermaßen umschreiben: „Der Aufenthalt zahlreicher deutscher Künstler und Schriftsteller in den dreißiger Jahren war für Luxemburg kulturell gesehen etwas Einmaliges, weil das durch sie ermöglichte breitgefächerte Kulturangebot in Luxemburg ein noch nie erreichtes Niveau aufwies.“

Zwei Personenkontrollen, zwei Ausweisungen

Im Laufe der Monate, die Boschwitz hierzulande verbringt, füllt sich sein Dossier bei der Fremdenpolizei mit zahlreichen Dokumenten. Sein Aufenthalt verläuft durchaus problematisch – und ist darin repräsentativ für den insgesamt unkoordinierten Umgang mit Menschen, die ab 1933 aus Deutschland fliehen. Der damaligen Immigrationspolitik und ihren antisemitischen Tendenz ist der Historiker Vincent Artuso 2015 in der Studie La question juive nachgegangen. Er hält fest, dass eines der damaligen Hauptprobleme der unzureichenden Präzisierung des legalen Status von Geflüchteten geschuldet ist: „C’est dans ce contexte que s’articula une logique perverse qui assimilait le réfugié à un immigré ordinaire et qui, par la négation même de sa situation désespérée, faisait de lui un délinquant en puissance.“

Das Übel erwächst demnach aus einer defizitären Definition eines Phänomens, das gleichzeitig als höchst problematisch erachtet wird. So schreibt der „rapporteur de la section centrale“ im Januar 1936, dass einerseits jene Einreisewilligen abgewiesen werden sollen, „qui ne disposeraient pas de fonds suffisants et qui finiraient par être une charge pour le pays, tout en constituant un danger pour la mentalité luxembourgeoise“. Andererseits gebe es jene „fort malheureux qui ne savent où aller, qui sont refoulés de partout et qui sont fort à plaindre. Il ne faut jamais perdre de vue qu’il s’agit d’hommes qu’on doit traiter avec tact, sans se départir des règles de la justice et des sentiments d’humanité“. Das heißt: Ja bei Not, Nein bei Armut, Ja bei Würde, Nein bei Mentalitätsgefährdern – was auch immer das heißen mag.

Boschwitz und Schain bekommen diese erratische Politik am eigenen Leib zu spüren. Schain wird laut einem Bericht vom 27. Oktober 1937 in Wiltz aufgegriffen, nachdem per Anruf eine Hausiererin gemeldet worden war, die von Haus zu Haus gehe, um sich als Malerin zu empfehlen. Eine Fahndung wird eingeleitet, Schain wird binnen kürzester Zeit aufgegriffen und befragt. Zur Rede gestellt, gibt sie an: „Seit dem 12. Oktober 1935 bin ich aus Deutschland ausgereist, weil ich mit einem prominenten Naziführer persönliche Reibereien hatte.“ Ihr sei nicht bekannt gewesen, dass sie durch ihre Haus-zu-Haus-Besuche gegen Gesetze verstoßen habe. Überdies beabsichtige sie, sich dauerhaft in Luxemburg niederzulassen, die nötigen administrativen Schritte wolle sie möglichst zeitnah einleiten. Indes wird sie wegen ihres Verstoßes gegen den so genannten Hausierhandel noch am selben Tag nach Belgien abgeschoben. Vom anonymen Telefonanruf eines „besorgten“ Bürgers über die Befragung bis zur Abschiebung vergehen knapp fünf Stunden.

Bei Boschwitz dauert ein ähnliches Prozedere vier Stunden. Am 26. November unterzieht man ihn in Limpertsberg einer Personenkontrolle. Ein Meldeformular der Fremdenpolizei hält den Vorfall fest: „Abgesehen von dem nationalen Reisepass, fehlten dem Interessenten sämtliche durch den Grossherzoglichen Beschluss vom 30.11.29 vorgesehenen Ausweispapiere. Ausserdem war derselbe nicht in der Lage, den Beweis über irgendwelche Existenzmittel zu erbringen.“ Schwer wiegt überdies der Vorwurf, Boschwitz habe seine vorgezeigte Aufenthaltsgenehmigung gefälscht. Die Fremdenkarte, die ihm das französische Konsulat in Norwegen für Studienzwecke in Paris ausgestellt hatte, sei manipuliert worden. Das ursprüngliche Ablaufdatum (15.7.1937) sei, so der Beamte, unautorisiert auf den 15.11.1937 verlängert worden. Die Unterstellung impliziert, dass Boschwitz von Anfang an illegal in Luxemburg unterwegs gewesen sei.

Boschwitz weist alle Vorwürfe vehement von sich. Er gibt an, die Umänderung sei von Behördenseite vorgenommen worden; weiterhin gibt er zu Protokoll: „Am 30.8.1937 bin ich im Grossherzogtume zugezogen. Ich hatte damals tatsächlich die Absicht, nur einige Tage dahier zu verbleiben. Nachträglich habe ich jedoch die schriftstellerische Tätigkeit aufgenommen d.h. Romane geschrieben, welche in einem schwedischen Verlag erscheinen. Die in meinem Reisepass vermerkte Berufstätigkeit als ‚Kaufmännischer-Angestellter‘ übe ich seit Jahren nicht mehr aus.“ Obwohl Boschwitz die Beamten darauf hinweist, dass sein Vater jüdischer Abstammung gewesen war, setzt man ihn noch am selben Nachmittag über die französische Grenze.

Nach ihren jeweiligen Ausweisungen müssen Schain und Boschwitz erneut eingereist sein. Denn die letztendliche Ausreise aus dem Großherzogtum findet erst am 30. Dezember 1937 statt, das Ziel ist Brüssel. Ein Schreiben des damaligen sozialistischen Justizministers René Blum vom 29. November bestätigt, dass dem Trio Wolgast, Schain und Boschwitz ein Monat eingeräumt wird, während dem es sich in Luxemburg aufhalten darf, „sur leur promesse formelle de quitter le Grand-Duché avant l’expiration de ce délai“. Die Initiative Blums, der die Fremdengesetzgebung kurzzeitig liberaler auslegt, kann man als bedingtes Entgegenkommen werten. So kann das Trio seine Weiterreise wenigstens ansatzweise planen. Wie unkoordiniert die Lage ist, zeigt sich in einer Dossier-Notiz vom 31. Dezember, darin hält ein Sicherheitsbeamter irrtümlicherweise fest: „Soweit festgestellt werden konnte, sind die drei Genannten nach der Schweiz verzogen.“

Ein später Roman-Erfolg

In der belgischen Hauptstadt erreichen Boschwitz dann im November 1938 die Schreckensnachrichten über die Reichskristallnacht in Deutschland. Bei Pogromen werden landesweit jüdische Geschäfte geplündert, Synagogen zerstört und zahlreiche Juden verhaftet. Was macht Boschwitz? Er schreibt – über die antisemitische Hetzpolitik und die Brutalisierung einer ganzen Gesellschaft, über die psychischen Verwerfungen der Opfer und das soziale Erkalten. Seine langjährige Misere wird produktiv, in wenigen Wochen ist der Roman Der Reisende in einer ersten Fassung fertig. 1939 erscheint er in London, 1940 in New York, 1945 in Paris. Im deutschen Original wird der Text dagegen erst 2018 veröffentlicht, die Literaturkritik feiert den Roman sodann als „wundersam traurige Parabel“ (Neue Zürcher Zeitung). Er hole „das dokumentierte, massenhafte Leid in den Freiraum der Fiktion“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und sei eine „wahnsinnig packende Wiederentdeckung“ (SRF Der Literaturclub).

Sowohl der damalige Erfolg im Ausland als auch das Scheitern einer Veröffentlichung in einem deutschsprachigen Land erklären sich aus dem Inhalt des Textes. Boschwitz erzählt die Geschichte des jüdischen Kaufmanns Otto Silbermann, der nach der Reichskristallnacht aus dem sicher geglaubten Leben fällt: Freunde verleumden ihn. Ehemalige Geschäftspartner bedrängen ihn, sein Geschäft unter Wert zu verkaufen. Er hetzt im Zug von Stadt zu Stadt, auf der Suche nach Solidarität, Sicherheit und Hoffnung – und wird stattdessen enttäuscht und entmündigt. Der Versuch, sich nach Belgien schmuggeln zu lassen, scheitert an der rigiden Abweisung durch zwei Grenzbeamte. Der Protagonist empört sich, er fleht: „,Je suis refugié’, fuhr Silbermann mit heiserer Stimme fort. ,Je suis juif!’“ Doch der Flüchtlingsstatus ist weder in der Fiktion noch in der Realität ein valides Argument, viel eher ein gesellschaftliches Stigma. So wird Silbermann zurück nach Deutschland geschickt. Er landet schließlich in einer Irrenanstalt, seine letzten Worte lauten: „Ich will fort!“

In Der Reisende beschreibt Boschwitz faschistische Mechanismen erschreckend hellsichtig, zu einer Zeit, als teilweise immer noch versucht wird, die Entwicklungen in Deutschland kleinzureden. Der Schock, plötzlich bar jeglicher Rechte zu sein, führt bei Silbermann zum allmählichen Zusammenbruch: „Man ist ja hilflos wie ein kleines Kind. Wer hätte das denken können? Mitten in Europa – im zwanzigsten Jahrhundert!“

Im Nachwort schreibt der Herausgeber Peter Graf, dass er ein Typoskript des Romans nach Hinweisen im Deutschen Exilarchiv der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt ausfindig gemacht habe. Zusätzlich liefert er einen Abriss über Boschwitz’ Biografie und geht dabei kurz auf dessen Aufenthalt in Luxemburg ein. Er verweist auf Reuella Schachaf, die Tochter von Boschwitz’ Schwester Clarissa. (Letztere war bereits 1933 aus Deutschland emigriert.) Schachaf erinnere sich, so Graf, „dass in der Familie erzählt wurde, dass Ulrich Boschwitz, der sich während und nach seiner Zeit in Paris auch in Brüssel und Luxemburg aufhielt, selbst an der luxemburgischen Grenze von Zollbeamten aufgegriffen wurde“. In einem zweiten Lebenslauf, der ebenfalls im Leo Baeck Institute aufbewahrt wird, heißt es ganz ähnlich: „In der zweiten Hälfte des Jahres 1937 ging er zur Erholung und Kräftigung seiner Gesundheit nach Luxemburg, wo er ein Erlebnis hatte, das sich in dem zweiten Roman Der Reisende manifestierte.“

Immer weiter, Hauptsache weg

Es wäre naiv, diese kaum zu rekonstruierende biografische Erfahrung und die oben geschilderte fiktive Szene an der belgischen Grenze zu stark aufeinander zu beziehen. Chronologisch, geografisch und institutionell unterscheiden sie sich maßgeblich voneinander. Aber Der Reisende ist und bleibt das Dokument eines verzweifelten Leidensweges, das die bedrückende Stimmung in Europa aufs Eindrücklichste illustriert. Anonyme Anrufe überskeptischer Einwohner, Beamte, die nur ihre Arbeit machen, Politiker, die gemäß ihrem ideologischen Mandat handeln – jeder und jede mag (gute) Gründe gehabt haben, sich genau so zu verhalten. Kombiniert halten diese und andere Akteure indes eine Apparatur am Laufen, die als Ganze inhuman ist. Und Boschwitz fällt ihr wie viele andere zum Opfer, seine Hauptfigur lässt er ausrufen: „Jetzt ist man Luft, schlechte Luft!“

Tatsächlich avanciert Otto Silbermann nach und nach zum tragischen Propheten von Boschwitz’ eigenem Curriculum. Seinen Protagonisten hatte der Schriftsteller auf die Frage einer Zugpassagierin, wo er denn jetzt hinwolle, antworten lassen: „Weiter. Mehr weiß ich auch nicht. Ich reise, reise vor mich hin, bis man zuschlägt, bis ein SA-Mann mich zum Stehen bringt. Man hat mich in Bewegung gesetzt, man wird mich anhalten.“

Kurz vor dem Überfall Deutschlands auf Polen verlässt das Trio Boschwitz-Wolgast-Schain wiederum Brüssel und setzt nach England über. Dort internieren die Behörden die Gruppe in einem Flüchtlingscamp auf der Isle of Man, zusammen mit 25 000 Geflüchteten. In einem Konvolut, das als eine Art Zeitschrift von Inhaftierten zusammengestellt und verteilt wurde, befinden sich auch einige Gedichte von Martha Wolgast. In Ballade schreibt sie: „Keine von Allen weiss noch ihr Schicksal. / Starr die Haltung der Polizei. / Hier ein Flüstern, dort heimliches Seufzen / und aus dem Winkel ein qualvoller Schrei.“

Aus Angst, unter den Ankömmlingen könnten deutsche Spione sein, klassifizieren die britischen Behörden zahlreiche Geflüchtete aus Kontinentaleuropa als so genannte „enemy aliens“, als vermeintlich feindlich gesinnte Ausländer. Einige von ihnen werden nach Australien verschifft, um sie bis zur weiteren Klärung zu isolieren. Auch Boschwitz ist unter jenen, die im Juli 1940 ans andere Ende der Welt gebracht werden. Die Überfahrt auf der HMT Dunera geht als Schmach in die britische Militär- und Politgeschichte ein: Die Überfahrt auf dem überfüllten und verdreckten Schiff dauert knapp zwei Monate und ist eine Tortur für die Insassen. Die Soldaten peinigen die Passagiere und nehmen ihnen ihr Hab und Gut. Auch Boschwitz wird bestohlen.

1946 versucht Helene Schain, eine finanzielle Wiedergutmachung für diese Verluste zu erstreiten. Sie habe, schreibt sie den Behörden, den Koffer damals eigenhändig mitgepackt, sie kenne seinen Inhalt. Als Boschwitz in Australien anlangte, habe er nur noch ein Reise-Jackett und ein Zigaretten-Etui bei sich gehabt. Alles andere sei ihm genommen worden, darunter ein Roman-Manuskript, für das sie inklusive Kompensation für entgangene Verlagsrechte 700 Pfund verlangt. (Den Titel des Manuskripts nennt sie nicht.) Die Forderung wird rundum abgelehnt: „It is regretted that this Department is not prepared to make any payment in respect thereof.“

Eine letzte Reise, von Australien nach England

Unbeirrt schreibt Boschwitz auch im Lager in der australischen Einöde, dem Hay Internment Camp, weiter. Von diesem Aufenthalt sind keine persönlichen Dokumente überliefert. Aber 1990 sitzt seine Schwester Clarissa auf einem Flug nach Berlin neben Hananya Pinner, einem jüdischen Maler, der mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor mit ihrem Bruder ebendort interniert war. Sie kommen zufällig ins Gespräch, in einem längeren Brief schildert er ihr anschließend das Lagerleben. Über den schüchternen jungen Mann berichtet er: „Ich erinnere mich nur an sein intensives Schreiben. Ich sah nie, dass er seine Arbeit irgendjemandem zeigte, oder über sie mit jemandem sprach.“

Gut zwei Jahre verbringt Boschwitz in australischer Lagerhaft. Zwar wird die repressive Behandlung der vermeintlichen „enemy aliens“ bereits 1940 seitens der britischen Politik revidiert, eine Entlassung der Gefangenen zieht sich aufgrund organisatorischer Probleme und kriegsbedingter Auflagen aber hin. Zudem ist die Überfahrt nach Europa gefährlich und die Aussicht, in England deutschen Bombardements ausgesetzt zu sein, wenig verlockend. Pinner erinnert sich: „Zu den Zögernden gehörten auch Ulrich und ich. Besonders ging es Ulrich (so weit ich ihn verstand) um den möglichen Verlust seiner Arbeit im Falle eines Unglücks.“

Mit dem Passagierschiff Abosso fährt Boschwitz im Herbst 1942 schließlich doch von Australien über Südafrika nach England, der Zielhafen ist Liverpool. „Vor der Fahrt“, schreibt Pinner, „erklärte [Ulrich] mir noch, dass er im Falle eines Unfalls Vorrichtungen getroffen hatte, sein Manuskript, an dem er während seiner Internierung arbeitete, an seinen Körper festzuschnallen. Es sollte, falls er gerettet würde, nicht verloren gehen.“

U-575 sichtet das Schiff am 29. Oktober 1942, mehr als tausend Kilometer nordwestlich der Azoren. Zwei Torpedos reichen dem deutschen U-Boot, um die Abosso zu versenken. 362 Menschen sterben, eineinhalb Tage später können lediglich 31 Überlebende aufgelesen werden. Ulrich Boschwitz gehört nicht zu ihnen. Auch sein Manuskript, das ihm so wertvoll war, bleibt verschollen. Vor der Abreise hatte er seiner Mutter einen Brief geschrieben, der Martha Wolgast Monate später erreicht. Die ersten Sätze aus der letzten Nachricht ihres Sohnes lauten: „In case you get this letter you probably know why. – I took my chance and failed. – Now it’s difficult for me to say anything about it before it happened – And afterwards … Well. – And that’s just the word: Well.“

Samuel Hamen hat Deutsch und Geschichte an der Universität Heidelberg studiert. Er lebt als freier Autor in Luxemburg und Deutschland.

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende, mit einem Nachwort von Peter Graf, Klett-Cotta: Stuttgart 2018, 303 Seiten, 20 Euro

Samuel Hamen
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