Camara Clara oder Wie man leben muss

„Setz dich aus! (...) Die Menschen. Leicht.“

d'Lëtzebuerger Land du 16.03.2012

Eine Viertelstunde vor Beginn der Veranstaltung wird dem Publikum der Zugang zum Theaterraum gewährt. Jetzt schon hockt Marek (Martin Schwanda) mit angezogenen Beinen im Halbdunkel auf der Fensterbank seiner Wohnung aus Kindheitstagen. Das verschlossene Fenster schafft ausreichend Distanz zu dem, was jenseits der Glasscheibe auf ihn lauert: das Leben draußen. Es ist diese Momentaufnahme, die das Publikum so vorsichtig und doch glasklar in Mareks Gedankenwelt einführt.

Er hat sich verschanzt, gleich einem Emerit, um sicher zu sein vor jener gehetzten, oberflächlichen, getriebenen Welt, die ihm so verhasst ist. Er, der zurückgezogene Künstler, möch[-]te nicht, dass „die da draußen“, auf Schnäppchen aus, seine Fotokunst erhaschen, vermarkten, verkaufen: „Das ist ein geschlossenes System, es fällt auf, wenn etwas verschwindet“. Die künstlerische Existenz als letztmögliches Refugium vor der Heuschrecke, vor den „Gasthausmenschen“? Seine Schwester Karen (Petra Gstrein) kann mit dieser Existenz nichts anfangen. Sie möchte diesem Leben in aller Schnelle so viel als möglich abgewinnen, stürzt sich ins Treiben, reißt zugleich ihrem Bruder das Tor nach draußen auf und schenkt ihm die Gelegenheit für eine Fotoausstellung: „Setz dich aus, du, du! – Zimmerprophet!“ Marek warnt: „Man muss nicht alles zeigen.“ – „Aber das Wesentliche.“ – „Das darf man nicht zeigen“ – „Warum nicht?“ – „Sie nehmen es dir weg.“ In seiner aufgezwungenen Bloßstellung ergreift er die Gelegenheit, und fotografiert seine Motive in ihrer Leere, ihrer Oberflächlichkeit, ihrer aufgetragenen Lebensfreude, ohne Kopf, nackt, gleich einem soziologischen Sezierer, bis seine Modelle zurückschlagen: „Da ist ein Loch. Du Arschloch. Das bin nicht ich. Dieses Loch. Das bist du. Deine Augen sind Löcher. Dein Blick brennt. Aus. Du bist nichts. Du bist das Nichts. Du bist hohl. Leer“, zischt die fotografierte Liebhaberin Hanna. Der Finger, mit dem Marek auf andere zeigt, deutet auf ihn zurück.

Die österreichische Regisseurin Anna Maria Krassnigg schafft mit ihrer Uraufführung von Anna Polonis Camera Clara eine klar strukturierte, schleichende Spannung, ständig im Halbschatten festgehalten. Dieses Huis-Clos der Lebensgestaltung- und lügen lebt natürlich von seinem sehr rhythmisierten, lyrisch dahinschwebenden Text. Mareks eremitische Verschlossenheit, Karens euphorische Aufbrüche und der Hexenkessel zwischen beiden, dann, wenn’s knallt, werden zudem mit sehr präzisen Bewegungsabläufen und Details im Bühnenraum suggeriert. Es reicht ein Öffnen und Schließen des Fensters, ein einengender Rollkragenpulli, um den eigens gewählten oder verhassten Kerker zu illustrieren, die Symbolik zu kippen. Dem Zuschauer wird der künstlerische Rückzug auch mit den Mitteln der Beleuchtung und des Tons veranschaulicht. Krassnigg zerstückelt das Bühnengeschehen in Momentaufnahmen, jede Szene wird ruckartig aus-, die nächste eingeblendet, dazwischen das Klicken einer Fotokamera. Auch die parallelen Szenen des Geschwisterpaares einerseits, der Kunsthändler (Luc Feit und Jens Ole Schmieder) andererseits werden in abwechselnder Beleuchtung fokussiert. Die Schauspieler wirken nach der Verdunklung wie Skulpturen eingeeist.

Es wirkt ganz so, als wolle die Regisseurin diesen Sequenzen jene Kälte aufzwingen, die Marek in seinem fotografischen Prozess den oberflächlichen „Gasthausmenschen“ vorhält. Und doch scheint es Teil ihres Kalküls zu sein, dass die Widersprüchlichkeit, die innere Angst, die Frustration, das Ungenügen an der eigenen Existenz diesem Kalkül widerstrebt. Krassnigg präsentiert uns eine allzu menschliche Konstella-tion der Gier und der Haltlosigkeit, versteckt hinter dem Schein sicherer Lebensentwürfe. Die „Camera Clara“ beleuchtet und verschleiert zugleich. Aus dieser formal wie inhaltlich klar strukturierten Dramaturgie entsteht eine Spannung, die sich aufbäumt und am Ende ihren Höhepunkt in mehreren Wendungen findet.

„Erst beim wiederholten Lesen merkt man, wie präzise komponiert diese wenigen Sätze sind. In der Inszenierung muss es aber sofort ersichtlich sein, weil man den Zuschauer ja schlecht bitten kann, sich das Stück viermal anzusehen“, so Krassnigg im Interview mit hunderttausend.de. Ihre Inszenierung, eine Produktion der Theatres de la Ville de Luxembourg in gemeinsamer Arbeit mit dem Drama Shop Wien und dem Salon 5 Wien, ist ausdrucksstark und bewegend. Trotzdem müsste man sich das als sozialpolitische Satire angekündigte Camera Clara ein weiteres Mal ansehen, um jede Szene in ihrem Zusammenhang und ihrer Symbolik zu deuten. Ein Erfolg war die Produk-tion allemal.

Camera Clara oder Wie man leben muss von Anna Poloni; Regie von Anna Maria Krassnigg; Raum und Licht von Andreas Lungenschmid; Bühnentechnik von Joe Peiffer; Musik von Christian Mair; dargestellt von Martin Schwanda, Petra Gstrein, Jens Ole Schmieder, Luc Feit, Kirstin Schwab. Eine Produktion der Théâtres de la Ville de Luxembourg, Drama Shop Wien, Salon5 Wien; nach seiner Premiere in Luxemburg wird das Stück zur Zeit im Salon 5 in Wien gespielt.
Claude Reiles
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