Ein Luxemburger Galerist in Berlin

Effet et réflexions

d'Lëtzebuerger Land du 16.05.2014

„Das Ziel ihrer kuratorischen Arbeit ist es, Ausstellung zu konzipieren, die in Hinblick auf kulturelle, soziale, geographische und inhaltliche Räume in situ entstehen.“ Mit diesem Anspruch starteten vor nahezu einem Jahr die Französin Marie Graftieaux, Nora Mayr aus Österreich und der Luxemburger Gilles Neiens ihren Kunstraum In Situ in der Berliner Kurfürstenstraße. In sieben – genau genommen und angekündigten acht – durchnummerierten, jeweils vierwöchigen Episoden schufen sie in ihrem Kunstraum einen Ausstellungszyklus zu Themen wie Kunstmarkt, Kunstproduktion oder Beurteilungskriterien von zeitgenössischer Kunst – auch als Versuchsanstalt, ob es gelingt, mit einer möglichst unspezifischen, undefinierten und ungenannten Selbstverortung auf dem Kunstmarkt Fuß zu fassen. Nach einem Jahr wurde mit der vorletzten Episode Bilanz gezogen und diese lautet knapp und knapper formuliert von Graftieaux: „Ja, wir machen weiter.“ In Situ geht in ein zweites Jahr.

Dabei bleibt vieles beim Alten, doch einiges wird neu. Neu ist vor allen Dingen, dass mit der Australierin Lauren Reed eine weitere Experimentierende gefunden wurde, die das Team um Graftieaux, Mayr und Neiens ergänzt. Beibehalten wird der Ausstellungsraum im Berliner Stadtbezirk Mitte. Etwas abseits gelegen und schwer zu finden, doch nahe genug zur Potsdamer Straße, einer Galeriemeile des alten Westberlins, die mehr von ihrer Historie lebt, als an ihre Zukunft glaubt. Hier schaffen und erschaffen, beginnen und beenden die vier jungen Kunstmakler nun einen neuen Zyklus, der keine Episoden mehr kennt, sondern, so Graftieaux, auf Frameworks setzt. Auch dieser Zyklus solle ein Jahr laufen. Bis zum Frühjahr 2015. Weitere Zyklen sollen folgen. Rückblickend hat man 2013 vor allen Dingen dazu genutzt, um dann doch eine Standortbestimmung vorzunehmen, auch wenn man es nicht so nennen möchte. Denn aus dem „Ich weiß nicht so Recht“ zur Eröffnung ist eine klare Position geworden. „Die Frameworks werden zu Projekträumen werden“, erklärt Nora Mayr, „in denen wir uns tiefergehend mit den Künstlern und deren Kunst beschäftigen werden.“ Es solle mehr Austausch und mehr Netzwerke mit den Kunstschaffenden geben, so Mayr. Das ist mehr Format als das allseits beliebte und mehr als beliebige „Wir vermitteln zwischen Künstler und Betrachter“ als Eröffnungsstatement vor einem Jahr. Neu ist auch, dass im demnächst beginnenden Zyklus externe Kuratoren in situ gehen dürfen und mit dem Kunstraum zusammenarbeiten werden.

Damit scheint auch die Position von In Situ ihren Ort gefunden haben. Aus dem vielen Kein, Nein und Nicht wird ein Raum geschaffen, der vor allem jungen Künstlerinnen und Künstlern Orientierung geben kann. Anstatt von: „Wir sind kein Museum, keine Sammlung, kein Atelier, kein Institut“, wie Neiens vor einem Jahr In Situ beschrieb, formuliert Mayr nun „Rahmen“ und „Projektraum“, in dem junge Künstlerinnen und Künstler ohne Verbindung zum etablierten, auf Sicherheit bedachten Kunstmarkt Erfahrungen sammeln, Präsenz zeigen und auch experimentieren können. In Situ findet zu seinem Namen als Ort, an dem alles seinen Anfang nimmt, als Ursprung und Keimzelle für ein künstlerisches Werk, für eine kunstvolle Karriere. Dabei können die vier In Situ-Isten auf eine feste, junge und kreative Fangemeinde in der deutschen Hauptstadt bauen. Schaut man auf die Vernissagen, so scheint es, dass die Netze unbedingt erweitert und in die mehr oder weniger etablierte Kunstwelt noch geknüpft werden müssen.

Mit welchem genauen Projekt man den neuen Zyklus starten möchte, darüber hüllen sich die vier noch in Schweigen. Mit gutem Grund: Denn zunächst geht es für die Experimentierenden in Sachen Kunst nach Kopenhagen. In der dänischen Hauptstadt läuft die siebte – und damit letzte – Episode des ersten Zyklus – sozusagen als Gastspiel und Blaupause für kommende Experimente. Dabei werden sie von den Künstlern Bram Braam, Pia Greschner, Mahony, Luca Vanello, Ulrich Vogl, Wolf von Kries, Sinta Werner und Markus Zimmermann begleitet. Diese acht aus Berlin setzen sich künstlerisch mit der Besetzung, Eroberung von feindlichen, unrealistischen, fremden Orten auseinander. Dabei werden romantische Vorstellungen von Reise, Erfahrung, Abenteuer aufgegeben – zugunsten des Versuchs, das Unbekannte zu kontrollieren, unbekannte Orte eigenen Regeln unterzuordnen oder eigene Wünsche gemeinschaftlichen Vorgaben anzupassen. Der Ausflug von In Situ nach Kopenhagen geschieht dabei im Rahmen des Festivals Artist Run, bei dem 17 Kunsträume und Galerien einen Partner von außerhalb Dänemarks baten, die eigenen Räumlichkeiten zu bespielen. Die Berliner folgten dabei der Einladung von Another Space und begaben sich auf eine Blind Date-Reise in den Norden, ohne zuvor die Räumlichkeiten in Kopenhagen in eigenen Augenschein nehmen zu können. So basiert die Ausstellungskonzeption lediglich mit Grundriss, einigen Fotos und dem Namen – und damit vollkommen In Situ. In Berlin soll es im Anschluss daran weitergehen.

Martin Theobald
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