Das deutsche Jobwunder in der Euro-Zone

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d'Lëtzebuerger Land du 10.05.2013

Waschen, schneiden, fönen. Alles für 4,95 Euro. Für den Herrn. Die Dame zahlt einen Euro mehr. Haarschampoo ist im Preis inbegriffen, Farbe ist Verhandlungssache. In diesem Angebot lässt sich das derzeitige Jobwunder in Deutschland zusammenfassen und plakatieren. Solche Billig-Friseursalons gibt es viele in Berlin. Nicht nur im Osten der Stadt oder in den Randgebieten, auch im schicken Stadtbezirk Mitte und dem alten Westen werben Figaros mit diesen Kampfpreisen. Die Kunden stehen Schlange. Jede Woche eine neue Frisur. Europa macht’s möglich. Denn als Grund für solch günstige Preise benennen die Friseure den Kontinent. Weil in Polen, das in knapp einer Autostunde von Berlin aus zu erreichen ist, der Haarschnitt so günstig sei, müsse man sich auch in der deutschen Hauptstadt an dieses Preisgefüge anpassen.

Frank arbeitet als Friseur bei einem dieser Discount-Anbieter. Alles zum Festpreis. Alles im Akkord. „Da muss die Schere fliegen“, sagt der Friseur. Für Beratung bleibe keine Zeit, „manchmal nicht einmal für eine kurze Kaffeepause“. Von einer Mittagspause wolle er gar nicht erst reden, auch nicht von einem Achtstundentag. Eine halbe Stunde pro Kundin ist durchkalkuliert, Strähnchen inklusive. Männliche Kundschaft muss schneller bedient werden. Frank muss Umsatz machen. „Es gilt in der Branche die Faustregel, dass jede Mitarbeiterin, jeder Angestellte seinen Bruttolohn drei Mal als Umsatz reinholen muss. Jeden Tag. Jede Woche. Jeden Monat“, erzählt der Friseur. „Mit einem Umsatz von knapp zwölf Euro die Stunde ist das hart verdientes Geld.“ Über einen Kamm geschert, verdient eine Friseurin oder ein Friseur laut Statistischem Bundesamt in Deutschland durchschnittlich knapp 16 000 Euro pro Jahr. Brutto. Hinzu kommt das Trinkgeld, das nicht versteuert werden muss und den Verdienst ein wenig aufbessert. Doch bei Discount-Friseuren zahlen die Kunden – wenn überhaupt – nur wenig Trinkgeld, denn die Kundschaft orientiert sich am Preis, nicht an Freundlichkeit, Beratung oder Service. Also muss und soll der Lohn zum Lebensunterhalt reichen. Damit dem so ist, gelten im Friseurhandwerk zumindest in acht Bundesländern allgemeinverbindliche Tarifverträge mit Lohnuntergrenzen. Salons müssen in diesen Ländern die im Tarifvertrag festgelegten Löhne zahlen und sich an die Arbeitszeiten halten, auch wenn sie nicht Mitglied im Innungsverband sind. Auch in Berlin. Hier beträgt der tarifliche Niedriglohn für Friseurinnen und Friseure mit abgeschlossener Berufsausbildung je nach Tätigkeitsgruppe zwischen 4,22 Euro und 6,24 Euro. Das ergibt bei einer vertraglich festgelegten Wochenarbeitszeit von 37 Stunden einen Monatslohn zwischen 680 Euro und 1 005 Euro. Oder 8 160 Euro im Jahr. Knapp die Hälfte des statistischen Mittels.

Der Rest sei „Dreisatz-Rechnen“, erklärt Frank, vor allem bei denjenigen Wettbewerbern, die ihre Dienstleistungen für fünf Euro anbieten. 680 Euro Lohn bedeuten 2 040 Euro Umsatz. „Das heißt jeden Monat etwa 400 Kunden bedienen“, fasst der Friseur zusammen, „und das heißt zunächst einmal, 400 Kunden im Monat zu haben, für jede Angestellte und jeden Angestellten im Laden“. 400 Kunden, das seien auch 200 Arbeitsstunden im Monat – der Tarifvertrag sieht aber nur 161 Stunden vor. Damit Discount-Salons dennoch wettbewerbsfähig bleiben, beschäftigten viele der Inhaber ihr Personal auf 400-Euro-Basis mit befristeten Verträgen und vertrösten sie mit der Aussicht auf eine Festanstellung. Das heißt: Mit einem Verdienst von 400 Euro sind die Angestellten sozialversichert – aber nicht lebensgesichert. „Viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind so genannte Aufstocker“, erklärt der Friseur, wie man trotzdem über die Runden kommt. „Aufstocker“ bedeutet, dass das Jobcenter Geld aus dem Hartz-IV-Topf zuschießt, damit es für Miete und Leben reicht. Frank versteht das System nicht, denn nur mit dieser Zuzahlung sei es den Saloninhabern erst möglich, solche Dumpingpreise anzubieten und am Markt durchzusetzen. Aufstocker gibt es nicht nur in der Dienstleistungsbranche. Immer mehr deutsche Arbeitgeber greifen zu dieser Beschäftigungsform, um am Markt bestehen zu können: in der Logistikbranche, im Gaststätten- und Tourismussegment, aber auch in der Industrie – vor allem in personalintensiven Gewerben. Die Bundesregierung nimmt diese Aufstocker gelassen, denn bekommt ein Arbeitnehmer einen staatlichen Zuschuss zum Lebensunterhalt, taucht er nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auf. Das allein zählt vor allen Dingen in Zeiten des Wahlkampfs.

Die EU-Kommission zeigt sich jedoch weitaus weniger entspannt: Sozialkommissar László Andor forderte Ende April in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung höhere Löhne in Deutschland und empfahl Berlin, Mindestlöhne auf breiter Basis einzuführen. „Belgien und Frankreich beschweren sich schon über deutsches Lohndumping“, so Andor in dem Interview. Wegen hoher Exportüberschüsse sei es nicht zu rechtfertigen, dass die Deutschen einen Lohnwettbewerb beibehielten. Der Ungar begründet seinen Vorstoß mit den Auswirkungen, die Billiglöhne für die Euro-Zone hätten: Länder mit einem so großen Exportüberschuss wie Deutschland müssten sich den Defizitländern der Währungszone anpassen. „Wenn nicht, driftet die Währungsunion auseinander“, so Andor. „Der Zusammenhalt ist schon halb verloren.“ Sollten die Lohnunterschiede weiter bestehen, prognostiziert der Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration schwere Zeiten für Europa. Es könne eine starke Wanderungsbewegung vom Süden der Europäischen Union in den Norden geben. „Manche Leute vergleichen die Situation mit Amerika im 19. Jahrhundert, als es nach dem Bürgerkrieg eine Massenmigration vom Süden in den prosperierenden Norden gab.“ Um das zu vermeiden, sei es erforderlich, in den Krisenstaaten Wachstum zu schaffen. Dies könne nicht durch einen rigiden Sparkurs bewerkstelligt werden. Andor dazu: „Sparen allein schafft kein Wachstum. Dazu braucht es zusätzliche Investitionen und Nachfrage.“ Von der Krise geplagte Volkswirtschaften wie Spanien, Italien und Frankreich müssten mehr Zeit bekommen, ihre Defizite zu reduzieren. Räumte man diesen Ländern mehr Zeit zur Defizitsenkung ein, bekämen die jeweiligen Regierungen mehr Spielraum für Investitio-nen. „Wenn man kein Wachstum zulässt, sehe ich nicht, wie der Schuldenstand sinken soll.“

Vom deutschen Modell, die Wettbewerbsfähigkeit im Exportgeschäft durch moderate Tarifabschlüsse und Löhne zu erkaufen, hält Andor wenig. Der Friseur in Berlin auch nicht. Er möchte endlich, dass sich Arbeit wieder lohnt und mehr Netto vom Brutto bleibt – Slogans, mit denen die FDP vor vier Jahren in den Bundestagswahlkampf zog. Zwar beteiligt sich ein Berliner Friseur nicht am deutschen Exportüberschuss, aber auch er setzt ein Signal für das Lohngefüge in der größten Volkswirtschaft der EU – und die Praktiken der Politik, ein Jobwunder herbeizuregieren. Nach den zurückhaltenden Lohnabschlüssen in den vergangenen Jahren, steigenden Kosten für Energie, Altersvorsorge und Lebenshaltung, mangelt es in der Bundesrepublik an Geld für den Konsum. Die Nachfrage sinkt, das Angebot passt sich an. Die Arbeitsmarktzahlen stimmen. Auch im Handel, wo immer mehr Arbeitskräfte gesucht werden. Selbstredend auf 400-Euro-Basis.

Im Wahlkampf ist das Thema längst angekommen: Die SPD will mit einem Mindestlohn von 8,50 Euro Stimmen gewinnen, und auch die neoliberale FDP, die sich bislang jede Diskussion um Mindestlöhne und jede Einmischung in die Tarifautonomie verbat, forderte auf ihrem Programmparteitag am vergangenen Wochenende Lohnuntergrenzen für einige Branchen. Fußnoten zu dieser Forderung lieferte die FDP im Schulterschluss mit dem Koalitionspartner CDU: „Ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn rot-grüner Prägung macht viele Menschen erst arbeitslos und dann arm“, begründete etwa Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates der CDU, das Nein seiner Partei. Und weiter: „Tarifliche, regionale und branchenspezifische Lohnuntergrenzen sind dagegen ein wirkungsvolles Instrument gegen soziale Verwerfungen.“ Alle Alarmglocken müssten schrillen, so Steiger in einem Bulletin des Wirtschaftsrates, wenn in Westdeutschland mehr als ein Drittel und in den neuen Bundesländern sogar mehr als die Hälfte der Beschäftigten weder nach einem Branchen- noch nach einem Firmentarifvertrag bezahlt würden. Das Entsetzen darüber in allen Ehren, doch wenn es keinen Zwang, sondern nur eine Verpflichtung auf Lohnuntergrenzen gibt und der Staat diejenigen Arbeitgeber, die sich mit allerlei Winkelzügen aus dieser Verpflichtung davonstehlen, auch noch mit Aufstockungszahlungen alimentiert, wird sich daran nichts ändern.

Es ist Wahlkampf in Deutschland. Da geraten Europa und die europäische Perspektive sehr gerne ins Hintertreffen, vor allen Dingen wenn täglich in den Nachrichten Schreckensmeldungen aus den Krisenländern die Schlagzeilen bestimmen. Unter diesen Vorzeichen ist es für die Bundesregierung ein gewagtes Spiel, auf die Forderungen aus Brüssel einzugehen. Zu sehr ist die Bilanz der derzeitigen Regierungskoalition an den wirtschaftlichen Erfolg und die „entspannte“ Lage auf dem Arbeitsmarkt geknüpft. Die Bundesbank warnte sogar vor wenigen Wochen noch vor überzogenen Lohnerhöhungen: Stark anziehende Löhne würden die Nachfrage der Verbraucher nur vorübergehend ankurbeln. Langfristig würden die Realeinkommen und der private Konsum sogar sinken, zitiert Die Welt die Bundesbanker. Das Münchner Ifo Institut für Wirtschaftsforschung hat berechnet, dass ein gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro über eine Million Arbeitsplätze in Deutschland gefährde. Wie viele davon staatlich alimentierte Aufstocker-Stellen sind, wies das Institut in seiner Prognose nicht aus. Dass Berlin mit seinen Entscheidungen nicht nur deutsche, sondern auch europäische Wirtschaftspolitik macht, ist vergessen. Die Wagenburg liegt näher. Nur nicht vom südeuropäischen Virus infizieren lassen.

In diesem Jahr haben die Tarifpartner in den Lohn- und Gehaltsverhandlungen ihre Zurückhaltung aufgegeben und sind mit deutlichen Forderungen in die jeweiligen Tarifverhandlungen eingestiegen. Doch es ist keine Trendumkehr. Nach einer Dekade des Darbens bei den Lohnabschlüssen wird es eine lange Weile dauern, bis das allgemeine Lohngefüge ansteigt. Bis dahin muss Frank M. noch viele Kunden frisieren. Dennoch: Der Friseur mag seinen Beruf mit all seinen Strapazen und dem geringen Verdienst. „Doch es wird Zeit, dass endlich ein Mindestlohn eingeführt wird“, so seine Meinung. „Dann gibt es ordentliche Haarschnitte für ordentliches Gehalt, nicht diese grellen Strähnen und Bicolor-Frisuren. Von der Konkurrenz.“

Martin Theobald
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