Kino

Mit Kinderaugen staunen

d'Lëtzebuerger Land vom 05.04.2019

1941, kurz vor Kriegseintritt, erschien Disneys Animations-Klassiker Dumbo in den amerikanischen Kinos. Nun, fast achtzig Jahre später, bringt Disney ein Remake in die Kinos und verpflichtet dafür niemand Geringeres als Tim Burton. Dass Burton eine Vorliebe für sympathische Ausgestoßene hat, ist mit Blick auf seine Filmografie kaum verwunderlich: Man denke da an Edward Scissorhands (1990), Jack aus Nightmare before Christmas (1993) oder Frankenweenie (2012). Nach Alice in Wonderland (2011) erzählt der Regisseur nun nochmals den Klassiker um den fliegenden Elefanten mit den übergroßen Ohren neu und nimmt sich damit einer Figur an, die scheinbar bestens ins Repertoire passt.

Anstelle der sprechenden Maus Timothy werden Dumbo der Kriegsveteran Holt Far-
rier (Colin Farell), seine beiden Kinder Milly (Nico Parker) und Joe (Finley Hobbins) sowie die Akrobatin Colette Marchant (Eva Green) zur Seite gestellt. Gemeinsam gehen sie gegen den intriganten Großunternehmer Vandevere (Michael Keaton) vor, der in dem fliegenden Elefanten das große Geld sieht und dem jedes Mittel Recht ist, sein Ziel zu erreichen ...

Die wohl gewichtigste dramaturgische Abweichung der Realverfilmung liegt im reichen Aufgebot des Schauspielensembles: Burton interessiert weniger die Tierwelt als vielmehr die Austragung der menschlichen Konflikte. Mithin hält sich der Film auch nur sehr lose an seine Vorlage, indem er die menschlichen Charaktere in den Vordergrund rückt und seinen titelgebenden tierischen Helden in der filmischen Handlung selbst zur Randfigur macht. Auch die Subjektivierungsstrategien, wie die vereinzelt eingestreuten Point-of-View-Einstellungen des Elefanten, tun dieser Verlagerung keinen Abbruch. Dadurch kann man, obschon die Schauspielleistungen eher schwach sind, in der Neuauflage eine ansatzweise spannende Figur ausmachen: Da gibt es nämlich Vandervere, den skrupellosen Unternehmer und Inhaber vom Dreamland, einem gigantischen Vergnügungspark, der unschwer an Disneyland erinnert. Zunächst fühlt man sich irritiert: Begehren Dumbo und seine Freunde hier gegen das industrielle Massenspektakel auf; greift der Film gleichsam seinen Schöpfer an? Nein, das wäre doch etwas zu viel gewagt: Der Film übt Kritik nur an der Oberfläche; auch die konsensfähige Botschaft, dass Tierquälerei für Attraktionszwecke schlecht ist, bleibt recht simpel und nicht genügend ausgeschöpft – und sobald Dumbo sich, von rasanten Kamerabewegungen begleitet, schwingend in die Lüfte erhebt, ist jeder selbstkritische Ansatz wieder vergessen, woran nicht zuletzt die mitunter fast schon sakral anmutende Filmmusik von Burtons Hauskomponisten Danny Elfman erheblichen Anteil hat.

Der Film feiert seinerseits die Attraktion des bewegten Bildes und dessen Tricktechnik, daran lassen sowohl die an Busby Berkleys Musicals angelehnten Tanzchoreografien wie auch die selbstreflexive Schlusspointe keinen Zweifel. Das Kino also als der Ort, wo das Unmögliche wahr wird, wo Menschen mit computeranimierten Tieren interagieren – dadurch weiß der Film zu verzaubern, gewinnt dem Klassiker allerdings nicht viel Neues ab, dabei ist die aktuelle Version mit fast zwei Stunden Laufzeit fast doppelt so lang wie das Original. Vertreter des heute viel zu inflationär gebrauchten Begriffs der amerikanischen Autorenoriginalität, die hier nach den markanten Zügen von Tim Burtons Handschrift suchen, werden trotz der längeren Spieldauer nur schwer fündig.

Auch Erwachsene können mit Kinderaugen staunen, heißt es im Film an einer Stelle; diesem Anspruch wird Dumbo wohl gerecht. Ältere Generationen dürfen sich zurückerinnern und jüngere Zuschauer entdecken die Geschichte in neuen Bildern, die auf der Höhe der modernen Spezialeffekte sind. So reiht dieser Film sich abermals nahtlos in die Reihe der aktuellen Disney-Neuverfilmungen (noch dieses Jahr folgen Aladdin und im Sommer The Lion King) ein, beutet nostalgische Gefühle aus und schwelgt derart in Wehmut, dass jeder ansatzweise sozialkritische Gestus untauglich gemacht wird. Dumbo dürfte wohl gerade deshalb Tim Burtons größter kommerzieller Erfolg werden.

Marc Trappendreher
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