Belebende Wirkung eines Nekrologs

Obdachlosenheiligsprechung

d'Lëtzebuerger Land vom 10.05.2013

Heute loben wir die mitunter belebende Wirkung des Nekrologs. Wer kein Dach über dem Kopf hat, muss sich um ein Übermaß an Zuwendung nicht sorgen. In der Regel lassen wir ihn allein mit seinen betrüblichen Lebensumständen. Er soll sehen, wo er bleibt. So bleibt er dann haften an jenem nebulösen Ort, den wir so malerisch „Rand der Gesellschaft“ nennen. Diese poetische Umschreibung soll wohl andeuten, dass dieser Rand immerhin noch zur Gesellschaft gehört, auch wenn er sehr weit entfernt ist von jenen, die sich in der Mitte tummeln und die Ränder nur vom Hörensagen kennen.

Am Rande der Gesellschaft liegt die soziale Temperatur unter Null. Die eisigen Verhältnisse reden wir uns aus, indem wir uns einreden: Diese vom Leben arg geprüften Menschen haben ja eine gewisse Widerstandsfähigkeit entwickelt. Sie sind hart im Nehmen, viel härter als wir verwöhnten Weicheier in unseren gut geheizten und phänomenal isolierten Häuschen. Wenn wir sehr mutig sind, fast schon tollkühn, fügen wir vielleicht noch hinzu: Ach, wir leiden zunehmend an verallgemeinerter Immunschwäche, wir sozial rundum Versorgten, die Wohnungslosen residieren immerhin an der frischen Luft und sind viel resistenter gegen Krankheiten jeder Art.

Nicht zu vergessen, dass wir zur Weihnachtszeit, wenn am Rande der Gesellschaft sibirische Zustände herrschen, unseren Gefühlsüberschwang karitativ kapitalisieren: Da aus katholisch-kommerziellen Gründen unser Geldbeutel sehr locker sitzt, spenden wir von Herzen gern für die armen Kreaturen am Rande der Gesellschaft. Es gibt sogar Restaurantbetreiber, die ganze Kollektive von Obdachlosen in ihre schönen Gaststätten einladen. So kommt man garantiert in die Zeitungen, samt Foto von der Inneneinrichtung, vielleicht sogar mit der gesamten Speisekarte, ja, in diesen humanen, herzensguten Gastronomiebetrieben wollen auch wir Wohlbehüteten gerne unsere nächsten Familienfeste ansiedeln, es ist ja Weihnachten, wir schmelzen ja im Stundentakt vor seelischer Rührung.

Später in der Eiszeit, wenn auch der Herr Kammerpräsident, der so exemplarisch mit Obdachlosen vor den Pressefotografen paradiert, sich wieder für lange verabschiedet hat (bis zur nächsten bitterkalten Weihnachtszeit, dann taucht er gewiss wieder auf, der warmherzige Politiker), hocken die Glücklosen und Unbeachteten wieder am Rande der Gesellschaft und dürfen sich ihren Reim machen auf unser Talent, Sozialpolitik radikal durch auffälliges Spendentheater zu ersetzen. Wir sind die Starken, weil wir spenden, sie bleiben einfach die ewig schwachen Spendenempfänger.

Und dann stirbt plötzlich einer der Abgeschobenen und Vernachlässigten und wird über Nacht zum Star. Wie bitte? Ja, Sie haben richtig gelesen, ein Obdachloser segnet das Zeitliche und wird in den Himmel gelobt. Die Nekrologe überschlagen sich fast vor Mitgefühl und wunderschön formulierter Trauer. Er war doch einer von uns, der Herr Randbewohner, wir haben zwar Jahre lang nichts mehr von ihm gehört, er war ja so diskret, der arme Kerl, aber jetzt, da er tatsächlich tot ist, wollen wir ihm doch gern ein paar pompöse Lobeshymnen hinterherschicken. Ein bisschen postume Menschlichkeit kostet ja nichts. Da lassen wir uns nicht lumpen. Jetzt wird er definitiv verewigt, der ewige Verlierer.

„Luxemburgs bekanntester ,Clochard’ Boros ist tot“, schreibt die Online-Ausgabe des Luxemburger Wort. Da geht ein Publikumsliebling von dannen, denken wir, ein allseits umschwärmter pop hero. „Dass dieser Boros ein einmaliger Mensch war, zeigen die vielen Beileidsbekundungen, die sein Tod auf Facebook hervorgerufen hat. Dass die Todesmeldung überhaupt über das doch wunderbare Facebook-Netz weitergereicht wurde, ist an sich schon der Beweis dafür.“ Das Facebook als Beweis für Einmaligkeit: dieser „wunderbare“ Requiescat-in-pace-flashmob ist wohl das allerneueste Sozialkorrektiv.

Am Ende erlaubt sich das Luxemburger Wort noch schnell eine beeindruckende Lektion in Sachen Obszönität. „Wie könnte man ihn in Erinnerung behalten?“, wird voller Anteilnahme gefragt. Drei Alternativen werden den 2 804 abstimmenden Lesern vorgeschlagen. „Vielleicht sollte man ganz einfach eine Straße nach ihm benennen.“ Das ist natürlich ein bisschen gewagt angesichts eines Menschen, der dazu verdammt war, ein halbes Leben lang auf der Straße zu leben. „Ein Denkmal am Bahnhof wäre eher angebracht.“ Auch nicht überzeugend, urteilen die Umfrageteilnehmer, man sollte den Heiligenschein wohl nicht ein paar Nummern zu groß gestalten. „Man sollte den Foyer Ulysse für Obdachlose in Foyer Adalbert Boros umbenennen.“ Das ist eine hervorragende Idee, finden 51 Prozent der Befragten.

Und so schließt sich der Kreis der hohlen Barmherzigkeit: Da kommt er her, da soll er bleiben. An diesem trostlosen Ort kann man ihm in aller Abgeschiedenheit huldigen nach Herzenslust. Wir können den Rand der Gesellschaft ja flugs vergolden mit einem knackigen Namen für eine Obdachlosenunterkunft. Aber der Rand soll bitte Rand bleiben.

Guy Rewenig
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