Hausemer, Georges: Mit dem Großherzog am Mittagstisch

Meine Heimat, die Pampa

d'Lëtzebuerger Land du 14.05.2009

Seltsam unentschlossen ist das Verhältnis des intellektuell angehauchten Luxemburgers, der die großherzoglichen Gefilde aus der Distanz betrachtet. In der Außenperspektive entwickeln patriotische Gefühle schnell die dezidierte Tendenz, unangebracht und lächerlich zu wirken. Aus der Ferne sehen die Elefanten, die die „Aktua­lität“ im „Ländchen“ dominieren, plötzlich aus wie Mücken mit eklatant unverhältnismäßiger Selbsteinschätzung – jeder, der einmal versucht hat, einem unbedarften Nicht-Luxemburger die Brisanz der leidigen Flaggendebatte nahezulegen, wird wissen, was gemeint ist. Ein halb süffisantes, halb mitleidheischendes Achselzucken gegenüber dem verständnislosen Fremden scheint da einfach die naheliegendste Haltung zu sein. Aber wehe, jemand hält die Gebrüder Schleck für deutsche Radfahrer oder ereifert sich gegen das Bankgeheimnis! Da springt selbst der hartgesottene Heimatverächter mit einem beherzten Sprung auf die Barrikaden und rasselt mit sämtlichen verfügbaren Säbeln. „Yes, it actually is a country!“ Und: „Luxemburgisch ist kein Holländisch, sondern ein moselfränkischer Dialekt!“

Nach zahlreichen Reisereportagen einerseits und seiner Vermessung der luxemburgischen Sach- und Personenwelt im Luxemburger Lexikon andererseits, als jemand also, der sein Heimatland im wahren Sinn des Wortes in- und auswendig kennt, scheint Georges Hausemer geradezu prädestiniert dafür zu sein, einem nicht-luxemburgischen Publikum das Großherzogtum näherzubringen. Mit dem Großherzog am Mittagstisch – Luxemburger Grenzgänge heißt das entsprechende Buch, das der Wiener Picus Verlag in der Reihe „Lesereisen“ herausgebracht hat. Der Autor unternimmt hier den zunächst durchaus geographisch gemeinten Versuch, sich Luxemburg von außen zu nähern. „Rund um den Schuh“ – so die Kapitelüberschrift – schreitet er die Grenzübergänge zwischen Luxemburg und den Nachbarländern ab, sucht nach verwitterten Grenzsteinen und stößt auf längst obsolet gewordene Zollhäuschen. Viel zu sehen gibt es meistens nicht. 

Der Autor hält sich mit Wertungen zurück, zählt größtenteils nur auf, was er beobachtet und wem er begegnet, notiert im Reihungsstil alles Gesehene von weggeworfenen Bierflaschen bis hin zu adretten Müttern mit Kinderwagen. Der Vorsatz scheint zu sein, wie das Auge einer Kamera unterschiedslos alles zu erfassen, was ihm in die Quere kommt; die Marke des Bieres auf dem Etikett der leeren Flasche muss also durchaus immer genannt werden, so auch die Namen auf den Briefkästen und der Wortlaut der Reklametafeln von Imbissständen. Wie gesagt, es gibt eigentlich nicht viel zu sehen. Dass der Straßenbelag in Luxemburg meist neuer ist und die Häuser von größerem Wohlstand zeugen, entspricht zwar sicher der Wahrheit, ist aber nicht weiter überraschend. Die Bestätigung des Klischees nimmt allenfalls eine interessante Wendung, wo Hausemer dieses Klischee mit historischen Einsprengseln durchsetzt (leider ohne Quellenangaben) und auf diese Weise den heutigen Reichtum des Landes mit seiner Armut vor der Stahlindustrie kontrastiert. Wirklich packend wird die Lektüre aber auch dadurch nicht.

Einen kleinen Ausgleich für das Fehlen eines Beobachterstandpunktes in der Beschreibung der Landesumrundung schaffen die kurzen Texte, mit denen sich die Grenzgänge abwechseln. Hausemer beschreibt in einem berührenden Porträt, wie er zusammen mit Roger Manderscheid dessen Öslinger Heimatort besucht, erzählt von seiner Teilnahme an der Pilgerfahrt zur Muttergottes in Wiltz und von einem Spaziergang durch die Hauptstadt, bei dem er konsequent so gut wie alle „klassischen“ Sehenswürdigkeiten vermeidet. Er würdigt eine der unbedeutendsten Fußball-Ligen der Welt und den gescheiterten Versuch eines Idealisten, in Esch ein Eisenbahnmuseum aufzubauen. In diesen kurzen Berichten, die weit mehr über Luxemburg verraten als verrottendes Kinderspielzeug und leere Zigarettenschachteln am Straßenrand, werden dann auch die Ausmaße der typisch luxemburgischen Schizophrenie erkennbar. Fast scheint es, als könne sich der Autor nicht mit dem abfinden, was er sieht. Wo er einerseits sachlich das Nichtssagende und die Alltäglichkeit seiner Heimat dokumentiert, kann Hausemer andererseits offenbar der Versuchung nicht widerstehen, statt eines Reiseberichts einen Reiseführer zu schreiben – sein Porträt von zwei luxemburgischen Köchen und ihren Restaurants zum Beispiel liest sich geradezu wie ein Werbeprospekt. 

Möglicherweise hätte Hausemer beide Schwächen seines Buches vermeiden können, nämlich dass manche Passagen an Branding denken lassen und dass andere aus wenig aussagekräftigen Aneinanderreihungen von Einzelobservationen bestehen. Eine stärkere Einbindung seines Beobach­terstandpunktes und ein häufigeres Zulassen eigener Wertungen hätten Zusammenhänge herstellen und die Auswahl der Themen motivieren können. Ob nicht-luxemburgische Leser dem Buch in seiner jetzigen Gestalt die „verblüffenden Einblicke in eine mysteriöse Welt“ entlocken können, die der Klappentext verspricht, scheint eher fraglich. 

Georges Hausemer: Mit dem Großherzog am Mittagstisch. Luxemburger Grenzgänge; Picus Lesereisen; Picus Verlag, Wien, Februar 2009; 130 Seiten; 15 Euro; ISBN: 978-3854529507. 

Elisabeth Schmit
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