So toll, so grenzenlos

Europa, fünf Sterne

d'Lëtzebuerger Land vom 23.05.2014

Europa, so toll, so grenzenlos. Schnell mal in einer malerischen Stadt mit Fresken Wein trinken, einen regionalen. Oder an einem fischreichen skandinavischen See entlangstiefeln. Oder frühstücken in Florenz, dann Kunst, und abends gehen wir zuhause mit dem Hund spazieren. Und nicht mal den Pass zücken. Europa, so toll, so grenzenlos. Europa, fünf Sterne.

In einer angesagten Stadt mit einer angesagten Szene studieren, einen Master machen. Und nach dem Master ein Praktikum absolvieren, vielleicht in Helsinki. Oder noch einen Master machen, dann sind die Berufseinstiegschancen besser. Oder vielleicht doch erstmal eine ehrenamtliche Tätigkeit, ein Benevolat, in einer NGO, so kommt man eher irgendwo rein. So kriegt man eher ein Praktikum, wenngleich man da nichts verdient. Also zum Beispiel ein Praktikum in Madrid, coole Stadt. Und die Madrileninnen oder Athener kommen in der Zwischenzeit zu uns. Die wollen zwar Geld verdienen, richtiges Geld, mit dem sie eine Familie ernähren können oder wenigstens sich selbst. Eigentlich wollten sie ja gar nicht weg, wollten nicht unbedingt ihr Smog-Athen gegen ein verregnetes Luxemburg eintauschen. Aber jetzt sind sie hier, oder in Berlin, oder in Kopenhagen. Und in Bulgarien fehlt die bulgarische Ärztin. Der Job in Plowdiw reizt die europäischen Kollegen nicht so extrem.

Hat es je eine Generation in Europa gegeben, die so kosmopolitisch ist? So eloquent flexibel weltgewandt, junge Leute die durch Europa und die Kontinente flitzen wie nichts? Mit rumänischen Straßenkindern spielen oder verrutschte Regenhänge in einem karpatischen Bergdorf sichern. Griechische Hunde retten oder Menschen, in Lampedusa Hände hinter Stacheldrähten filmen. Es gibt so viele Projekte, die EU finanziert und fördert so einiges, man muss eben Initiative haben und Grips und sich rein hängen. Dann geht so manches.

Jedenfalls wenn man ein bisschen Geld hat, zum Beispiel, um die Reisekosten zu bezahlen oder die Unterkunft. Oder wenn die Eltern ein bisschen Geld haben. Wenn man Eltern hat, die zwar keine ausgestorbenen Bildungsbürger mehr sind, aber die Kreativität für das höchste Gut halten. Ihre Nachkommen sollen sich entfalten. Niemand bezahlt die Nachkommen dafür, dass sie obdachlose Prostituierte interviewen. Aber rasend interessant ist es, und die Eltern erzählen es stolz ihren Freunden, die ähnlich interessante Kinder haben. Es macht sich auch gut im Lebenslauf, der viel bunter und abwechslungsreicher ist als die absehbaren Lebensläuflein früher. Europa!, sagen diese jungen Menschen, auch wenn sie alles an Europa kritisieren: das Großkapital, die Banken, die verwöhnte Generation ihrer dekadenten Eltern. Europa gehört ihnen trotzdem, das wissen sie, auch wenn nichts ihnen gehört. Außer Sprachen, die Fähigkeit, schnell in Züge oder Flugzeuge zu steigen und sich mit den angetwitterten Freunden zu treffen. Vielleicht zu einer Demo gegen UKIP oder JOBBIK.

Den anderen, deren Eltern und Schulen keinen Bildungs- und Kreativitätsauftrag in sich spürten, geht Europa am Arsch vorbei. Das ist nichts für sie, das hat mit ihnen nichts zu tun. Europa? Das ist für die Hipsters und alternativen Kids aus den guten Gegenden, die Latein können und Sprachreisen machen und die wirklich coolen Klamotten tragen, auch wenn sie noch so abgerissen ausschauen, die immer etwas Gescheites zu sagen haben, auch wenn es der größte Blödsinn ist.

Europa? Sie gehen nirgendwohin, nicht mal in den RTL-Dschungel zum Kakerlakenessen. Sie bleiben in ihren Vororten und Hinterhöfen und bei ihren Vorurteilen, sie sehen argwöhnisch zu, wie andere kommen.

An den Küsten des Mittelmeers hocken Jungs, über ihren Häuptern blitzen Millionen Sterne. Es ist die andere Seite des Mittelmeers, nicht unsere, nicht die mit dem Wein und den Fresken. Sie sind durch Wüsten gewandert, sie überwinden Mauern und Stacheldrähte. Sie müssen wie in den Märchen die schlimmsten Prüfungen bestehen, aber es wartet keine Prinzessin auf sie.

Europa, fünf Sterne.

Michèle Thoma
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