Helminger, Guy: Rost

Merkwürdige Geschichten

d'Lëtzebuerger Land vom 10.01.2002

Im Land-Dossier Livres zum Jahresrückblick (d'Land 51/01) resümierte Romain Hilgert auf luxemburgisch-selbstzerfleischende Art pessimistisch: "Der Luxemburger Literatur ist spätestens in den Neunzigerjahren wieder die Luft ausgegangen." Er ist näher an der literarischen Szene seines Landes als ich und verdient Kredit für seine abwertende Beurteilung, aber aus bundesrepublikanischer Distanz betrachtet, vermag ich ihm nicht zu folgen.

Im Gegenteil: Seit langem und zumal in jüngster Zeit halte ich die luxemburgische Dichtung wie die aller so genannten "kleinen Literaturen" für unterbewertet. Guy Helminger, dessen schriftstellerische Karriere eben in den Neunzigerjahren zum Durchbruch gelangte, ist einer meiner "Kronzeugen" - erst recht mit dieser Sammlung zumeist überzeugender Kurzgeschichten.

Er beginnt die Titelerzählung, die ich nicht für eine der stärksten halte, mit einem spannungerzeugenden Auftakt, der das Leitmotiv aller Darstellungen anschlägt: "Die Geschichte von Harald Rost ist eine merkwürdige." Durchgehend drückt sich dieses Merkwürdige in variierten Gewaltinszenierungen aus. Gewalt maskiert sich in unbedacht drängender Ungeduld ("Blasky"), entlädt sich bei einem Jugendlichen aus Geltungsbedürfnis tödlich ("Die Bahnfahrt"), nimmt Züge halluzinatorischer Unglücksphantasien an ("Bolsen") oder führt in "Ausflug" aus der Naturidylle zur unerwarteten Mordtat. 

Merkwürdig-makaber deutet sich Gewalt an, als einer in der Wohnung einzelne Körperteile findet und entsorgt. Der Autor verrätselt hier wie auch in einigen anderen Stories den Tatsachen-Hintergrund; das erzeugt ein beklemmendes Faszinosum, verführt aber den Leser womöglich auch im problematischsten Fall zur mystifizierenden Deutelei; in etwa nach dem Schlusssatz von "Unser Gespräch über Jesus": "Ja, er würde ein Bier trinken und dann versuchen, ausgiebig Licht in diese dunkle Sache zu bringen." 

Die Bandbreite der Helmlingerschen Gewaltbeschreibung deckt die mehr oder weniger in unserer Gesellschaft verborgene Brutalität auf, nie plakativ-direkt, aber immer nahe an leidenden, verachteten, behinderten, lebensirritierten Menschen; sie beinhaltet auch Groteskes, Obsessives und sinnlos erscheinende actes gratuits.

Die dichterische Leistung hängt hier wie stets von der erreichten Sprachkunst ab. Helminger beherrscht die Erzählstruktur der Kurzgeschichte, ein Genre, das konzentrierte Straffung und ausgeklügelte Wortgestik verlangt; er pointiert mehr andeutend als offenlegend den jeweiligen Stoff zum "einmaligen Ereignis". Seine Personen- und Milieuschilderungen gewinnen durch seine Erfahrung als wort- und rhythmuskalkulierender Lyriker an Dichte, an Sinnenhaftigkeit: 

"Es war noch immer still. Kein Laut außer dem Auftreten seiner Schuhe, dem Wegschieben der Grasstauden war zu hören. Josef Polte hatte keine Angst, aber die Stille hatte sich verändert. Weit oben wie zwei gewellte Linien vor der Sonne zog das Schwalbenpaar noch einmal übers Tal, kam ihm entgegen. In seinem Rücken spürte er ein Augenpaar. Ohne sich umzudrehen, wusste er, dass der junge Mann hinter ihm stand. Er schob seinen Zeigefinger ins offene Hemd und fächelte sich etwas Luft zu. Ein kleiner Blutstropfen färbte den Stoff." 

An anderer Stelle verbildlicht er die Seelenlage des Protagonisten: "Ich kenne die Leere, sie füllt einen paradoxerweise aus. Wie ein Eisklumpen. Oder sagen wir lieber, sie ist wie ein Schwamm, der die Wärme aus uns saugt."

Das Geschick, mit dem der Autor dramatische Handlungsabläufe diszipliniert arrangiert, verdankt sich wohl auch seiner Hörspielarbeit. Das Rück- und Überblenden in Zeiträumen, die konkrete Vergegenwärtigung ("Das Fließen ist ein stehendes Hier und Jetzt") von "beunruhigenden Bildern im Kopf", wie sie in "Bresinski" gestaltet werden, dürften auf diesen Funk-Einfluss zurückzuführen sein. Bestimmt ist es nicht das schlechteste Wertkriterium, dass man bei der Lektüre in einen Lesesog gerät, dass man des öfteren Passagen oder ganze Geschichten zwei- oder gar dreimal nachliest, um dem Erzähler auf die Schliche zu kommen. Das trifft vor allem für die Beiträge des ersten von drei Kapiteln zu - sie dürften so schnell keinen Rost ansetzen.

 

Guy Helminger: Rost; Kurzgeschichten. Éditions phi 370; 2001, Seiten; 138 Seiten, 12,27 Euro

 

 

Fritz Werf
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