Musée d‘histoire de la Ville

Das letzte Tabu

d'Lëtzebuerger Land vom 23.03.2012

Nach 20 Jahren verlässt Vizedirektorin und Kuratorin Marie-Paule Jungblut das hauptstädtische Geschichtsmuseum, um ab August die Leitung des Historischen Museums in Basel zu übernehmen. Sie hat wie keine andere und vielleicht mehr als die auch für die Villa Vauban zuständige Direktorin Danièle Wagener das Erscheinungsbild des 1996 eröffneten Museums geprägt. Das ist ihr gro[-]ßes Verdienst, denn zwischen dem Nationalmu[-]seum für Geschichte und Kunst und dem verwunschenen Festungs- und Identitätsmuseum auf Drei Eicheln musste das Museum nicht nur Artefakte, sondern auch eine Daseinsberechtigung finden.

Die 48-jährige Historikerin Jungblut trug entscheidend dazu bei, dass das Museum heute eine starke Identität als kulturelle Einrichtung hat. Denn es veranstaltete zwar traditionell gehaltene, aber sehr informative Geschichtsausstellungen mit sorgfältigen Katalogen, vom Leben in der Bundesfestung Luxemburg (1815-1867) und Luxembourg Paris Luxembourg 1871 über das Verhältnis zur Pariser Commune bis zu L’architecture moderniste à Luxembourg: les années 30. Andere Ausstellungen waren eher Dienstleistungen im Auftrag von staatstragenden Jubilaren, wie dem Staatsrat, den Pfadfindern oder dem Athenäum. Bei so viel Betriebsamkeit ging in dem unübersichtlichen Altbau des Museums die Dauerausstellung zur Stadtgeschichte manchmal unter.

Doch zu Markenzeichen des kommunalen Geschichtsmuseums wurden Ausstellungen zur Zeitgeschichte und vor allem zu für kontrovers gehaltenen Themen wie Luxemburg, die Luxemburger über nationale Identität, Mord und Totschlag über Verbrechen, Glaubenssache über Religion, Et wor alles net esou einfach über Widerstand und Kollaboration, Le grand pillage über die Zwangsenteignung durch die Nazis, Bilder, die lügen über Mani-pulation in den Medien oder Incubi succubi über Hexenverfolgung (die grammatisch richtig „incubi succubae“ hätte heißen müssen). Ausstellungen wie Mord und Totschlag, Sei sauber! oder Incubi succubi wurden auch in ausländischen Museen gezeigt.

Obwohl die ultimative Pädophilie-Ausstellung bisher ausblieb, schien sich die Themenwahl manchmal an der in der Presse beliebten Suche nach dem „letzten Tabu“ zu orientieren. Zur reißerischen Tabujagd gehört auch der moralisierend-denunziatorische Diskurs, der jedermann mit Ausnahme der Tabujäger der Intoleranz, des Rassismus, der Kollaboration und der Manipulation überführen soll. War das aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich, beschränkte sich das Geschichtsmuseum lieber auf das erklärungslose Aneinanderreihen oder Gegenüberstellen von Exponaten, um es den vielleicht Erkenntnis suchenden Besuchern ganz liberal zu überlassen, Assoziationen herzustellen.

Marie-Paule Jungblut, die auch Museologie lehrt, beschäftigte sich viel mit der Inszenierung der Geschichte, dem „Ausstellen und [dem] Immaterielle[n]“, worüber sie auch in Aufsätzen und Beiträgen für Studientage reflektierte. Doch wollte das Museum wieder einmal ein letztes Tabu brechen, erlag es manchmal der Versuchung, sein Publikum mit demagogischen Mitteln anzulocken. Dann ließ es die Geschichte nach angelsächsischem Vorbild von einem Bühnenbildner als Flohmarkt oder Geisterbahn vorführen, welche die Besucher vielleicht mehr überrumpelten als aufklärten.

Am 8. Juni wird die nächste Ausstellung, ABC – Luxembourg pour débutants... et avancés, ein Sequel zu Luxemburg, die Luxemburger über nationale Klischees eröffnet; anschließend ist bis zum 30. März 2014 eine Ausstellung Handel im Wandel über ein Herzensanliegen des Schöffenrats, die hauptstädtische Geschäftswelt, geplant. Danach wird sich zeigen, ob Marie-Paule Jungblut das Museum nachhaltig geprägt hat oder ob ihre Nach-folger sich auch mit etwas weniger Spektakulärem begnügen werden.

Romain Hilgert
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