Jacobs, Jean-Paul: Glanz und Elend der Poesie

Kleinodien

d'Lëtzebuerger Land vom 19.11.2009

Contenance ist alles. Die Form wahren, selbst wenn Bomben explodieren und sich Mumien am Arsch kratzen und die Perücke der Kammersängerin im Beichtstuhl in Flammen aufgeht. Die ästhetischen Vorlieben Friedrichs des Großen mögen streitbar sein, aber ohne Hofknicks geht nix, ganz gleich, ob man eine Wasseramsel oder ein Dichter ist. Dada? Gaga? Vielleicht ein bisschen von beidem. Auf jeden Fall aber: stilvoll.

Glanz und Elend der Poesie heißt der neue Gedichtband von Jean-Paul Jacobs, seines Zeichens Servais-Preisträger von 2005. Schon beim Blick auf den Titel freut sich der Literat über die literaturgeschichtliche (und darüber hinaus – oho! – komparatistischen) Referenz (und, was es noch schöner macht: Reverenz) und der Kritiker über ein Buch, das er mit rückhaltloser Begeisterung lesen, lieben und loben darf. Ja, wirklich. Was für ein anmutiges, was für ein skurriles, was für ein im ursprünglichen Sinne des Wortes witziges, was für ein formvollendetes, elegantes und galantes Buch! Jacobs’ Gedichte sind feinsinnige Miniaturen, mit großem Sach- und Wortverstand ziselierte Kleinkunst, sie sind eklektisch, aber unverstaubt, überzuckert und kandiert, aber frivol und spitzbübisch, kitschig, aber nie überladen –, eine Sammlung sorgfältig ausgearbeite­ter Preziosen, die eine märchenhafte Welt heraufbeschwören, wo sich allerhand illustres Personal tummelt und die Szenerie mit reichlich Gekringel und seltsamem Zierrat geschmückt ist. König Rupprecht von Wittstock („der glücklose erfinder des herrenfurzes“), Papst Clemens VI. und die Königin von Saba lustwandeln ungeniert durch die sorgsam gedrechselten Poeme, als wären es der jeweils hauseigene Schlossgarten.

Was Jacobs auf knapp hundert Seiten entfaltet, ist nicht nur ein Panoptikum an Kuriositäten und Finessen, sondern auch (und vielleicht vor allem) eine Feier aller höfisch-höflichen Umgangsform. So manch elegisches Ach leitet die Anrede an eine mehr oder minder charmante Dame ein, die die Bemühungen des Autors um eine schöne Formulierung eben mal wegraucht, ihn mit ihren komplexen Reizen überfordert oder sich, trotz aller Abgebrühtheit, unversehens als „opulente liebhaberin von berceusen“ zu erkennen gibt. Ob die „liebe arabella von ticino“, die Fürstin von Thurn und Taxis oder die schöne Nichte des eitlen Falkners, der sogar seinen Falken vergessen hat: um sie alle bemüht sich der Dichter mit unermüdlicher formaler Strenge, selbst wenn er hin und wieder für einen missglückten Diener („vor der sich entblößenden ährenleserin“) schlechte Noten erntet. Eine gar zu abweisende Dame von der Mosel muss sich dann auch gefallen lassen, dass sich der Dichter mit einer grazilen Drehung von ihr abwendet: „wenn der wein so kalt ist wie ihr herz madame/ dann hat er genau die richtige temperatur/ und ich trinke ihn gern mit einer anderen.“

Glanz und Elend der Poesie mag sprachlicher Schabernack auf höchstem Niveau sein, aber seelenloser Unfug ist es nicht. Wahrhaft liebenswert wird das Bändchen gerade dort, wo sich zeigt, dass es dem Dichter hier nicht einfach darum zu tun ist, sich in der Zelebrierung einer möglichst kunstvollen Exzentrizität zu üben. Das „Elend“ der Poesie ist vor allem das Elend des Dichters: seine Einsamkeit und Trostlosigkeit angesichts leerer Barhocker zum Beispiel („hier ist es auch gut/ was soll schon noch werden“) und seine immer wieder durchscheinende Angst vor der Nichtigkeit seines Schaffens („elegant zu lesen/ und schnell zu vergessen“). Diese Angst ist eben keine weitere elegante Pose, kein weiterer Manierismus, sondern die Brechung, durch die der poetische Kosmos als spielerischer Gegenentwurf zu einer absurden und kontingenten Welt erscheint. Die­se Kombination aus bis zur Selbstverleugnung gehender Untröstlichkeit, der Liebe zum Gesuchten, Namen seltener Vogelarten und ähnliche verbale Arabesken, – und dem unbedingten Willen zu einer Poetik der schönen Form macht die Lektüre dieses hervorragenden Bändchens zu einem Heidenspaß und zu einem Muss für jeden, der sich auch nur halbwegs für die Werke luxemburgischer Autoren interessiert.

Jean-Paul Jacobs: Glanz und Elend der Poesie. Gedichte. Mit Zeichnungen von Matthias Pelzer. Graphiti D-19. Éditions Phi, Differdingen 2009. ISBN 978-2-87962-271-2.

Elisabeth Schmit
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