Was ist und soll ein Museum?

Yoga vor den Bildern

d'Lëtzebuerger Land vom 23.03.2012

Wie viele Museen gibt es in Luxemburg? „Ungefähr 65“, lautet die Antwort aus dem Kulturministerium, wo man das ja eigentlich wissen muss. Das ist eine ansehnliche Zahl, bei einer Bevölkerung von einer halben Million. Berlin, zum Vergleich, hat seinen 3,5 Millionen Bürgern lediglich 175 Museen zu bieten, Brüssel hat 100 Museen für 1,1 Millionen Einwohner. Und es kommt noch besser: Wer die Webseite museum.lu besucht – „le portail des musées au Luxembourg“, der Selbstbeschreibung nach –, findet dort unter „Museés“ sogar 76 Einträge. Das macht 0,15 Museen pro tausend Einwohner. Um diesen Schnitt zu erreichen, müsste die deutsche Hauptstadt die Zahl ihrer Museen verdreifachen, die belgische ihre um zwei Drittel erhöhen. Steht dem Großherzogtum womöglich eine spannende Zukunft als kultur- und museumstouristische Destination bevor?

Das kann schon sein. Doch wenn im Kulturministerium die Zahl der Museen nur ungefähr bekannt ist, und wenn von heute bis Sonntag beim alljährlichen Wochenende der offenen Tür, der Invitation aux musées, nur 38 von 76 Häusern mitmachen, dann liegt das daran, dass „Museum“ in Luxemburg keine geschützte Bezeichnung ist und nicht mal die Hälfte der ungefähr bekannten Museen professionell geführt wird. Ihre Bandbreite reicht in der Realität vom staatlichen Nationalmuseum mit gesetzlich definierter Mission über Regionalmuseen, die zeigen, was vor Ort mal war, wie das Rümelinger Bergbaumuseum, bis hin zu Privatschauen wie dem nur jeden dritten Sonntag im Monat für dreieinhalb Stunden geöffneten Internationalen Gendarmerie- und Polizeimuseum, das in Capellen Polizistenmützen ausstellt.

Aber immerhin: An der Invitation aux musées beteiligen sich immer mehr Museen. Im vergangenen Jahr waren es nur 34 gewesen, 2010 lediglich 25. Das will etwas heißen, denn das Museumswochenende ist mit einigem Aufwand verbunden. Dass die Organisatorin, die Vereinigung d'Stater Muséeën, zum Beispiel vorgibt, jedes teilnehmende Haus müsse mindestens drei geschulte Leute für Besucherführungen aufbieten, ist von den kleinen Museen viel verlangt – noch dazu bei Gratis-Eintritt. Und ob die Besucherstatistik des verlängerten Museumswochenendes allen viel Mut macht, fragt sich: Das Victor-Hugo-Museum in Vianden zum Beispiel zählte letztes Jahr an den drei Tagen insgesamt 45 Besucher, das Aulebäckermusée und das Ausgriewermusée (beide in Nospelt) 23 beziehungsweise 21 Gäste. Trotzdem sind alle drei auch dieses Jahr wieder mit von der Partie.

Möglicherweise liegt das auch daran, dass seit ein paar Jahren unter den Museen generell ein Sich-Infragestellen eingesetzt hat und manche kleine Häuser die Teilnahme am Museumswochenende selbst bei relativ niedrigen Gästezahlen für unverzichtbar halten. Den Nachdenk-Prozess hat zum Teil das Kulturministerium ausgelöst, als es 2008 jeden, der sich hierzulande „Museum“ nennt, zur Teilnahme an einer offenen Plattform einlud, auf der Fragen gestellt wurden wie: Was ist ein Museum? Was erwarten meine Besucher? Oder: Ich habe mit großem Aufwand renoviert, wie ziehe ich jetzt Besucher an? Und: Wo will ich in zehn Jahren stehen? Im Kulturministerium war man damals von der Resonanz selber überrascht. An den Strategiebesprechungen beteiligten sich von Anfang an über 40 Museen, andere kamen später. Am Ende kannte jeder jeden, die Webseite museum.lu entstand und so manche Kooperation entwickelte sich. Zum Beispiel zwischen den Mosel-Museen in Schengen, Ehnen und Bech-Kleinmacher oder den beiden Bauernmuseen in Peppingen und in Benzelt.

Der zweite auslösende Faktor war das Kulturjahr 2007: Es führte zu einer allgemeinen Professionalisierung im Kulturbereich überhaupt und dazu, dass immer mehr kleine Einrichtungen begannen, sich an den großen zu messen. Im Konzertbetrieb war plötzlich die Philharmonie die Benchmark, im Museumsbetrieb waren es die großen Häuser in der Hauptstadt.

Doch: Wie es aussieht, gibt es dabei einen gewissen Zielkonflikt. Denn wirft man einen Blick auf die Besucherstatistiken der großen Hauptstadt-Museen, dann zeigt sich zum Beispiel, dass die jedes Jahr im Oktober stattfindende Nuit des musées, obwohl dort Eintrittsgeld erhoben wird, weitaus mehr Interessenten anzieht als das Wochenende der offenen Tür mit freiem Eintritt dies im ganzen Land vermag: Oszilliert die Besucherzahl zur Invitation aux musées seit 2007 um 10 000, wurden zur Museumsnacht seit dem Jahr 2006 im Schnitt um die 16 000 Gäste gezählt. Ein Event im Hauptstadt-Nachtleben nach Art der Jazz Rallye ist eben etwas anderes als eine Museumsbesichtigung bei Tage – mögen die Live acts, die die Museen während der Museumsnacht bieten, thematisch auch allesamt am Profil der Museen und an deren Sammlungen orientiert sein. Mittlerweile ist die Nuit des musées so gut besucht, dass sie sogar ihre Kosten einspielt.

Damit aber stellt sich die Frage, was ein Museum denn ist und inwiefern es auch als eine Art multifunktionelles Kulturzentrum agieren soll, erneut. Viele Häuser über Land haben „Produkte“ entwickelt, in denen neben „Museum“ auch noch Essen und Trinken, Kindergeburtstagsfeiern oder, wie in der Villa Vauban Yoga vor den Bildern angeboten werden. Aber: Wächst dadurch das Interesse an dem im Museum Gezeigten; öffnen solche Erlebnisse die Besucher „nachhaltig“ für ein Haus, das mit seinen Sammlungen und Präsentationen in erster Linie eine wissensvermittelnde Rolle hat? Das ist nicht so klar, wurde hierzulande allerdings auch noch nicht untersucht. Aus Erfahrung aber wissen zum Beispiel die Verantwortlichen des Casino – Forum d’art contemporain in Luxemburg-Stadt, dass von den Eltern, die ihre Kinder zu einer Geburtstagsfeier in die Kunsthalle gebracht haben oder sie von dort abholen, nur fünf Prozent die Gelegenheit nutzen, um gleich noch die jeweils aktuelle Ausstellung zu besichtigen.

Dass Museen Marketing betreiben und ihre Angebote an die Öffentlichkeit ausweiten, ist keine neue Entwicklung. Und dass ein im ländlichen Raum gelegenes Museum es sogar noch leichter haben kann, sich im Bewusstsein der im Umkreis Wohnenden als Mehrzweck-Kultureinrichtung einzunisten, als ein Hauptstadt-Museum, das im Wettbewerb um Aufmerksamkeit steht, beweisen Publikumserfolge wie im Possenhaus in Bech-Kleinmacher oder im Grevenmacher Kulturhuef mit seinen beiden Museen.

Aber wenn die Rolle der Museen als Wissens-Orte gestärkt werden soll, wäre mehr nötig als eine freiwillige Diskussionsplattform. Zum Beispiel kommt man nicht an der Feststellung vorbei, dass derzeit sechs Museen im Lande den Zweiten Weltkrieg thematisieren. Nicht nur das Militärgeschichtliche Museum in Diekirch tut das, sondern auch das General-Patton-Museum in Ettelbrück, die beiden Ardennerschlacht-Museen in Wiltz und Clerf, das Musée 40/45 in Simmern und – ganz neu – das 385th Bomb Group Museum in Perlé. Wäre die Konzentration in einem Haus nicht sinnvoller – um der Qualität der Wissensvermittlung willen?

So eine Frage zu beantworten, würde allerdings voraussetzen, dass eine Instanz, das Kulturministerium zum Beispiel, vorher definierte, was ein Museum sein soll. Konsequent wäre, sich dabei an den Standards des Icom, des International Council of Museums, zu orientieren. Zwar besitzt Luxemburg in der Person des Direktors des Kunsthistorischen Nationalmuseums einen Icom-Repräsentanten. Die Richtlinien der Organisation für die Konservation einer Sammlung, die wissenschaftliche Forschung an ihr und die Kommunikation des daraus Gewonnenen auf sämtliche der 76 unter museum.lu gelisteten Häuser anzuwenden, müsste dagegen politisch entschieden werden.

Vermutlich aber wäre es noch jedem der traditionell der CSV angehörenden Kulturminister zu weit gegangen, jene Museumsbetreiber zu brüskieren, die bald aus Nostalgie, bald zum Erhalt eines Nachlasses, der eben da war, eine Einrichtung eröffneten, die sie mit „Museum“ überschrieben. Mit Emotionen aber lässt sich ein Museum schwerlich gut führen. So dass der tolle Schnitt an Museen pro tausend Luxemburger Einwohner relativ zu sehen ist, wie auch das Ausbaupotenzial für das Großherzogtum als kultur- und museumstouristische Destination.

Peter Feist
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