Minidramen

Blödsinn – mit Klasse!

d'Lëtzebuerger Land vom 23.03.2012

Wer hat nicht selbst schon einmal die Lust darauf verspürt, seiner Gattin ein Bein abzusägen? Ein schwieriges Unterfangen ist dies, gewiss, dieses minutenlange Hin-und-her-Sägen. Da-rauf braucht’s ein kühles Bier! Doch stellt es sich heraus, dass das Jammern und Wimmern der Gattin den Spaß an der Freude trübt, einmal ganz davon abgesehen, dass sie es anschließend nicht einmal vermag, für das wohl verdiente Gebräu zu sorgen! Um den Leser dieses Beitrags möglichst umgehend zu beruhigen: Der eben angeführte Bericht entbehrt jeglicher Ernsthaftigkeit. Kurt Bartsch ist er anzukreiden. Der Berliner Lyriker und Dramatiker ist Autor dieser völlig verrückten Szene „Das Bein“, die sich innerhalb des goldenen, überdimensionalen Bilderrahmens auf der Bühne des Kasemattentheaters abspielt.

Neben Kurt Bartsch werden auch Texte von Kurt Schwitters, Anton Tschechow, Daniil Charms oder Robert Gernhardt von Regisseurin Carole Lorang auf der Bühne in Szene gesetzt. Minidramen, so heißt der lapidare Titel der Produktion, bieten eine einstündige Achterbahn durch die groteske, satirische, bisweilen nachdenkliche Welt der modernen bis gegenwärtigen Kurzdramatik. Nach Karlheinz Braun ist das Minidrama „befreit vom Druck des Dramatischen, vom Zwang zum Bedeutenden, befreit vom Anspruch des Theaters als einer moralischen Anstalt“ (Braun, Sätze zum MiniDrama, Frankfurt/Main 1987).

Die knackige, sehr durchdachte Dichte der Texte sorgt dabei für quiekende Lacher im Publikum, ohne dass hier von plumper Komik die Rede sei. Blödsinn ja, aber Blödsinn mit Klasse. Aus einem ungelenk an der oberen Horizontalen des Rahmens befestigten Holzfensterchen wirft Pitt Simon kleine Stoffpuppen und spricht dabei mit verzogenem Ernst den Text „Die herausfallenden alten Damen“: „Eine alte Frau fiel vor lauter Neugier aus dem Fenster, schlug auf und brach sich das Genick. Aus dem Fenster lehnte sich eine zweite alte Frau und schaute zu der Genickbrüchigen hinunter, aber vor lauter Neugierde fiel sie auch aus dem Fenster, schlug auf und brach sich das Genick. (...) Als die sechste alte Frau herausgefallen war, hatte ich keine Lust mehr, ihnen zuzusehen, und ging zum Malewski-Markt, wo, wie man hörte, einem Blinden ein Wollschal geschenkt worden war.“

Es sind nicht nur die Texte, die so wunderbar komisch sind, auf hohem Niveau funktionieren und damit den Bereich oberhalb der Gürtellinie für sich in Anspruch nehmen, trotz ihres bisweilen bitterbösen Gehalts. Nein, es sind auch die drei Darsteller, die diesen Theaterabend zu einem wertvollen Moment der laufenden Saison werden lassen. Nora Koenig und Pitt Simon sind in ihrer darstellerischen Offenheit hinreißend, ihre Bandbreite an karikaturalen Grimassen ist erstaunlich. Auch die Bühnenpräsenz Jérôme Varanfrains ist hinreißend komisch. Er verkörpert die „wechselnden Gäste“ mit einem charmanten französischen Akzent. Mimisches und gestisches Potenzial unterstreicht er, als er von der Off-Stimme Germain Wagners als Regisseur des Minidramas „Das gelbe Sofa“ von Philipp Engelmann von einem Möbelstück zum nächsten gejagt wird, wiederholt und in ständiger rhythmischer Beschleunigung gleich einem dramatischen „Bommerlunder“. Der Protest lässt nicht länger auf sich warten, die Befehle des Regisseurs trommeln zu schnell auf ihn ein und „ein Franzose“ wiegelt ab mit einem Seitenhieb: „Scheiß Regie-Theater!“.

Im Programmheft äußert sich der bereits zitierte Karlheinz Braun weiterhin über die betreffende Textgattung mit den Worten: „Das Minidrama (könne) seiner Kürze halber nicht damit rechnen, auch aufgeführt zu werden“. Diese knappe Stunde im Kasemattentheater kann als großartige Antwort darauf verstanden werden. Im großen Bilderrahmen lassen Simon, Koenig und Varanfrain Kunst im kleinen Rahmen entstehen. Und weil die Minidramen noch an sechs Abenden aufgeführt werden, sollte sich dies niemand entgehen lassen, der bissige Komik mag, spielfreudige Darsteller und Theater mit ganz viel Herz – und mächtig viel Galle.

Minidramen; Regie von Carole Lorang; nach Texten von Anton Tschechow, Daniil Charms, Hartmut Geerken, Ken Campbell, Kurt Schwitters u.v.m..; Bühne von Peggy Würth; Dramaturgie von Mani Muller; dargestellt von Nora Koenig, Pitt Simon und Jérôme Varanfrain. Weitere Vorstellungen am heutigen 23. sowie am 26., 27. März und am 17., 18. und 19. April jeweils um 20 Uhr. Karten unter Telefon: 29 12 81 oder per E-Mail an ticket@kasemattentheater.lu; weitere Informationen: www.kasemattentheater.lu.
Claude Reiles
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