Der Museumskomplex Wendel erzählt die Geschichte der Kohleförderung in Lothringen

Glück auf!

d'Lëtzebuerger Land du 17.05.2013

Der Weg nach Petite-Rosselle ins Bergbaugelände Wendel führt durch Völklingen, vorbei am dortigen Weltkulturerbe, zu dem die Hochöfen 1994 erklärt wurden. So emblematisch wie die Silhouette von Völklingen ist die Museumsanlage auf dem Bergbaugelände Wendel nicht. Was nicht etwa auf fehlende Erhaltungsmaßnahmen zurückzuführen ist, sondern darauf, dass sich auch vor der Stilllegung der Kohlengrub das Meiste unter Tage abspielte. 1856 wurde der erste Kohleblock aus dem Schacht Saint-Charles in der Wendel-Grube gefördert. Die Grube selbst wurde 1986 stillgelegt, der letzte Schacht 2001 geschlossen. Die Geschichte der Kohleförderung in Lothringen zu erzählen, wo es einst 52 Schächte gab, das ist der Auftrag des Museumskomplexes, der aus dem frei begehbaren Außengelände, dem Musée Les Mineurs und des Schaubergwerks La Mine besteht.

Das Museum, erst 2012 eröffnet, ist im ehemaligen Bergarbeitergebäude untergebracht, dort wo alle Arbeiter zu Schichtbeginn und -ende durchmussten. Die Dauerausstellung erklärt anhand von Bildern und Tonaufnahmen die Hierarchie in den Umkleiden und Waschräumen. Dort, wo früher rund um die Uhr das Wasser lief – weil ständig für einen Teil der zigtausend Grubenarbeiter Schicht­ende war – preisen Fotos von glücklichen Kindern in der betrieblichen Krippe oder beim Strandurlaub und medizinisches Gerät die Sozialpolitik der nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlichten Bergbauunternehmen an. Stickarbeiten sind Zeugnis der Ausbildung in den lokalen Haushaltsschulen, in denen die Mädchen für die Zukunft als Bergarbeiterfrauen ausgebildet wurden. „C’est tonton qui a ramené ça au musée“, erklärt ein Jugendlicher einem anderen vor der Vitrine mit dem alten Kegelspiel. Daneben, ein Tresen, wie er in dem einen oder anderen „Bopebistrot“ der Region vielleicht noch vorzufinden ist. Waschzuber, Holzkochmaschine und Gartengerät zeugen vom Alltag in den Wohnsiedlungen, auch dort wurde die Hierarchie zwischen den verschiedenen Berufsgruppen strikt eingehalten: Die Ingenieurvillen verfügten über Badezimmer, die Arbeiterfamilien wuschen sich in der Küche.

Dass trotz Bergarbeiterstatut, das eine Wohnung, Strom und Heizung sowie die kostenfreie medizinische Versorgung garantierte, der Alltag nicht so rosarot war, wie die Museumsleitung die Duschräume hat streichen lassen, zeigt sich erst in der Anfang Mai eröffneten temporären Ausstellung über die Bergarbeiterfrauen. „Un mineur en bonne santé, j’en ai jamais vu“, erklärt eine von ihnen im Videozeugnis, warum die medizinische Versorgung kein Luxus, sondern bittere Notwendigkeit war. Eine andere kritisiert vorsichtig, dass sie zwar dafür sorgte, dass ihr Mann für das Unternehmen „funktionierte“, ihr Beitrag zur Produktivität im Unternehmen aber kaum jemals anerkannt wurde. Die abendlichen Französisch-Kurse zu besuchen, dazu habe sie keine Zeit gehabt, erzählt eine Zuwanderin. „Ich hatte acht Kinder zu versorgen.“ So fällt es den Frauen zu, einen kritischen Blick auf die industrielle Vergangenheit der Region zu werfen, deren Beitrag zum wirtschaftlichen Wiederaufbau nach dem Krieg und zum europäischen Friedensprojekt Ceca an anderer Stelle im Museum gefeiert wird. Erinnerung an glorreiche Zeiten, als die Idee von der Vollbeschäftigung keine Wahnvorstellung war, während die Arbeitslosigkeit in Lothringen heute über zehn Prozent liegt.

Umso stolzer sind die Museumsmitarbeiter auf das Schaubergwerk, das auf dem Grubengelände für 6,5 Millionen Euro eingerichtet wurde. Seit 2006, erklärt der Führer, der selbst 31 Jahre lang täglich in den 1 200 Meter tiefen Schacht stieg, ist dort eine einzigartige Maschinensammlung zu sehen. Einzigartig deshalb, weil die tonnenschweren Riesenmaschinen mit der Schließung der Gruben anderenorts mitgeflutet wurden; sie vor der Flutung zu heben, wäre zu teuer gewesen. Der simulierte Abstieg im Förderkorb führt in die nachgebauten Galerien von La Mine, wo die Techniken zum Abbau der Kohleflöze je nach Neigung – flach fallend, tonnlägig und seiger, heißt das im Bergbaujargon – gezeigt werden. Für Fans schweren technischen Geräts ist der Rundgang sicher ein Erlebnis. Die anderen prägt wahrscheinlich die Begegnung mit den Führern wie Claude Mouillet am meisten, der mit schwarzem Humor von der Museumsvisite des ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy erzählt. Oder trocken erklärt, warum sich der Abbau der immer noch riesigen Kohlereserven in Lothringen nicht mehr lohnt: Die Sicherheitsvorkehrungen machen die Förderung zu teuer. „Eine Tonne Kohle aus China ist halb so teuer. Aber da sterben ja auch jeden Tag fünf bis sechs Bergarbeiter“. „Mein Vater und mein Bruder waren beide Bergarbeiter, und dennoch hatte ich keine Ahnung, wie schwierig die Arbeitsbedingungen waren“, so eine Besucherin nach dem Rundgang. „Viel geredet haben sie darüber allerdings auch nicht.“ „Nachdem ihr das gesehen habt, würdet ihr Bergarbeiter werden, wenn ihr dafür eine Wohnung, Strom und Heizung erhalten würdet?“, fragt Mouillet die Teenager. Die Antwort erfolgt zögerlich und unschlüssig, die Frage selbst ist wohl eher rhetorisch. Denn das Schaubergwerk auf dem von den Houllières de Lorraine zur Verfügung gestellten Gelände ist, wie die Völklinger Hütte im Nachbardorf, Zeugnis dafür, dass die Schwerindustrie in der Region museumsreif ist. Was die abertausenden ehemaligen Bergarbeiter heute machen? „Die sind im Vorruhestand“, sagt Mouillet. „Wie mein Sohn. Er ist 43.“ Ihr Statut haben sie behalten. Die Frage, wie lange sich das die staatlichen Sozialversicherungssysteme leisten können, macht ihnen Sorgen.

Musée Les Mineurs Wendel, Petite Rosselle, Dienstag bis Sonntag, 9.00 bis 18.00 Uhr. Das Schaubergwerk La Mine ist nur mit Führer zu besichtigen. Infos unter www.musee-les-mineurs.fr
Michèle Sinner
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