Mutterkühe

Heilige Kuh

d'Lëtzebuerger Land du 19.08.2016

Wird die Kuh zu einer Ikone? Auf FB verbreitet sich ein Video mit fröhlichen, befreiten Kühen, eine Kuhaktivistin vergießt dazu Tränen, die Videokonsumentin schließt sich ihr an. Freiheit! Gras, grünes! Hüpfende Kühe! Fröhlich wippende Kuhschwänze wie fröhlich wippende Pferdeschwänze in der Ära Pettycoat.

Dumme Kuh! In der Intelligenzkonkurrenz liegen Kühe nicht vorn. Die schlauen Schweinchen sind Intelligenzbestien, auch die streetwisen Ratten und Tauben haben was drauf. Ganz sicher ist die emotionale Intelligenz nicht erfasst worden. Eine gute Dumme, wie abwertend das klingt. Güte, ein Wort so altbacken wie Mütterlichkeit, manchmal scheint es noch in einer Todesanzeige auf, bezeichnet die schönste Eigenschaft überhaupt. Der gute Blick aus Kuhaugen, in dem alles drin ist, das Gras und das Messer. Ein tiefes Verständnis, auch ein Einverständnis. Oder nur Ergebenheit?

Was gibt es Besänftigenderes auf Göttins Erdboden als das Muh-Mantra, der dumpfe Klang tief aus dem Erdschoß? Das Tuten von Schiffen im Nebel, die Schiffskörper wogen der Irrenden entgegen, Trösterinnen der Betrübten. Eine sanfte Verfolgung hebt an, eine Lebensbegleitung.

All das wissen die Inder schon ewig, die Hochachtung, mit der sie den wandelnden Gerippen in ihren Straßen begegnen, die sie zwar nicht essen, aber auch nicht immer füttern, zeugt davon. Die Aura, die die Kuh umgibt ist eine Aura des Friedens und der Liebe.

Kühe sind mütterlich… ob Mütter Kühe sind? Die Befreiungstheologin will keinen Muttermist verzapfen, die Muttererde ist schließlich ein ideologisch heiß umkämpfter Schlachtplatz.

Denn wer und wie waren diese Kühe, bevor sie die halbe Welt mit ihrer ausgebeuteten Mütterlichkeit ernähren mussten? Damals waren ihre Euter klein, die Beine lang, der Rücken kräftig. Heutzutage werden von einem Kuh-Topmodel funktionale Fundamente erwartet, ein Körperbau, der schliffig sein soll, ein Ausdruck aus dem Kuhtopmodelvokabular. Und ein Euter im pathologischen Kuh- Dolly-Buster-Format.

Die infantile Weltbevölkerung wird mit der ihrem Nachwuchs geraubten und erlisteten Muttermilch überernährt, was ihr nicht gut bekommt. Chines_innen muh-tieren dramatisch, und was den Saudis bevorsteht, die ihre Körpermasse ohnehin innerhalb einer Generation verdoppelt haben, ist noch nicht absehbar. In Saudiarabien steht eine Intensivstation mit 80 000 Insassinnen. Auch in Frankreich sind 20 000 Kühe locker drin. Laborspezialistinnen und Hightechniker bewegen sich in Hochleistungstrakten, in denen Verdauungstrakte kaum noch wahrnehmbare Spuren hinterlassen. Es stinkt nicht, wie geruchsverwirrte Stadtmädchen das früher mal nannten.

Früher, als die Weiden noch nicht verwaist waren. Als die Muttergöttinnen sich dort in glorreicher Trägheit, man nennt es derzeit Tiefenentspannung, dem Verdauungsprozess hingaben. Mit ihren berühmten vier Mägen. Als auf den Dorfstraßen die von ihnen gespendeten Fladen von der Sonne gebacken wurden. Früher, als die Schätze dicker Bauern vor den Höfen prangten. Goldblonde, aber auch saftige, schwarze Misthaufen, die einen ätzenden Geruch verströmten, Die kleine Kleine Zeitzeugin stapft in den Sommerferien abends zur Weide, treibt die Herde zusammen, marschiert hinter ihr durchs Dorf, stolz, hin und wieder berührt die Kuhdirigentin mit dem Stock die Hinterbacken. Sie schaut zu, wie sie sich zum Trog drängen, dann erstaunlich gefügig in den schwarzen Stall, zu den Ketten. Einmal treibt sie eine Kuh auf ihrem letzten Gang durchs Dorf, zum nahen Metzger.

Klarabella habe ich viel lieber als die zickige Daisy gemocht, mit ihrer Friedlichkeit war sie aber kaum ergiebig für heiße Plots.

Ob das der gebührende Schluss ist für meinen kleinen Lobgesang auf dieses Wunderwesen, das mal Teil unseres Lebens war, das der durchschnittliche Europäer immer wieder zu Augen bekam, vielleicht auch nur als kleiner schwarzweißer Fleck in der Landschaft? Bevor es zum verkabelten, intensiv überwachten Bestandteil des Turboviehbestands mutierte? Überwacht von geknechteten Bauern, die zu Fleisch- und Milchproduzenten mutierten. Die seit Jahrzehnten zwischen Butterbergen und Milchseen um ihr Überleben melken.

Eine Heiligsprechung lässt noch auf sich warten.

Michèle Thoma
© 2017 d’Lëtzebuerger Land