Wenn man krank wird in Belval

Doc around the clock

d'Lëtzebuerger Land vom 07.04.2011

Wenn der urbane Traum Belval allmählich Wirklichkeit wird, dort nach und nach auch Wohnungen bezogen werden und die ersten Gebäude der künftigen Cité des sciences Gestalt annehmen – dann könnte passend dazu 2012 in der Nähe der Rockhal eine Gesundheitseinrichtung der neuen Art ihre Türen öffnen. Eine erweiterte Maison médicale könnte man sie nennen. Denn die drei Medizin-Häuser, die es bisher gibt – in der Hauptstadt, Esch/Alzette und Ettelbrück –, sind nur geöffnet, wenn die Haus-ärzte ihre Praxen geschlossen haben: wochentags ab 20 Uhr und bis zum nächsten Morgen, sowie ganztags an den Wochenenden. Das Haus in Belval dagegen wäre jeden Tag rund um die Uhr in Betrieb. Was sonst nur die diensthabenden Spitäler bieten.

Wer vermutet, dass diese Idee weder im Gesundheitsministe-rium geboren wurde, noch in der Gesundheitskasse, liegt richtig. Immerhin war vor einem halben Jahr bekannt geworden, dass die drei Maisons médicales bisher nur zur Hälfte ausgelastet sind. Weshalb sollte man das Angebot dann noch ausbauen und dem Gesundheitssystem neue Kosten aufladen?

Der Ideengeber des Vorhabens sieht diesen Aspekt mit den Augen eines Unternehmers: Die Luxemburger Patienten-Kunden seien anspruchsvoll. Doch biete man ihnen das Richtige, dann kämen sie auch und kämen anschließend immer wieder. Mit diesem Ansatz hat Jean-Luc Dourson, Chef und Inhaber der Laboratoires Ketterthill, in den letzten Jahren wie kein anderer der Privatlaborbetreiber im Lande durch ein Netz lokaler Centres de prélèvement „das Blut markfähig“ gemacht. Die Maison médicale bis in Belval wäre ähnlich patienten-orientiert: Dort müssten nicht nur Allgemeinmediziner arbeiten, sagt Dourson im Land-Gespräch. Ihm schwebt eine „Vernetzung“ ganz verschiedener freiberuflicher Ärzte vor, die dem Haus erlauben würde, sich auf Notfälle zu spezialisieren. Kardiologen zum Beispiel könnten sich für das Projekt interessieren, glaubt Dourson. Ambulante chirurgische Eingriffe durchzuführen, sei ebenfalls denkbar.

Auslöser für das Vorhaben ist nicht zuletzt das reformierte Labor-gesetz: Konnten Privatlabors, egal wie groß sie waren, bisher nur als Ein-Mann-Unternehmen eines Freiberuflers geführt werden, können sie seit 1. April auch als Kapitalgesellschaft bestehen. Dourson verweist darauf, schon eine Laboratoire luxembourgeois d‘analyses médicales S.A. gegründet zu haben. Mit ihr sondiert er nun den Analyse-Markt jenseits der Grenzen. Die bestehende Technikplattform von Ketterthill im Gewerbegebiet Um Monkeler in Esch/Alzette aber ist zu klein für Doursons Expensionspläne, zumal die Plattform künftig rund um die Uhr biomedizinische Analysen vornehmen soll. In Belval will er doppelt so viel Platz haben: 5 000 Quadratmeter. „Und weil in dieses Gebäude voraus-sichtlich auch eine Apotheke einziehen wird, finde ich, dass zu einem Labor, das rund um die Uhr arbeitet, und einer Apotheke noch gut ein Rund-um-die-Uhr-Notfalldienst passt.“

Ob aus der Idee tatsächlich etwas wird, hängt nicht von einer Regierungsentscheidung ab. Wenn Dourson sich auf ambulante Fälle konzentriert, könnte das kein staatlicher Spitalplan verhindern. Die Frage ist eher, wie machbar das Vorhaben innerhalb des bestehenden Systems wäre. Denn ein derartiges Ärztehaus würde nicht nur zur Konkurrenz für das Süd-Spital CHEM. Würde Dourson in Belval Mediziner tatsächlich so vernetzen, wie ihm vorschwebt, entstünde daraus auch eine Konkurrenz zu den niedergelassenen Ärzten. Ob das auch jenen liberalen Medizinern gefiele, die nicht in Belval arbeiten würden, bliebe abzuwarten.

Konsens in der Ärzteschaft aber wäre schon deshalb nötig, weil laut der bestehenden Konvention zwischen dem Ärzteverband AMMD und der Gesundheitskasse CNS Medizinerzusammenschlüsse nur innerhalb ein und derselben Fachdisziplin möglich sind. Dass die CNS für die Leistungen einer „vernetzten“ Maison médicale aufkommt, ist damit eigentlich ausgeschlossen. Die Bedeutung von Doursons Projekt könnte dann vor allem eine politische sein: Es würde die Frage aufgeworfen, wie viel „for profit“ und wie viel „non profit“, wie viel Staat und wie viel Markt, im heimischen Gesundheitwesen erlaubt sein sollen und wie solidarisch es dort zugehen soll. Eigentlich stellt diese Frage sich schon länger. Ebenso lange wird ihr ausgewichen. PF

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