Kriegsmuseum Dresden

Kulturgeschichte der Gewalt

d'Lëtzebuerger Land vom 17.05.2013

Dürfen die denn das? Am Eingang zur Albertstadt in Dresden, einem der größten Kasernengelände Europas und Standort der deutschen Offiziersschule, haben Friedensbewegte einem Panzer ein Strickkleid verpasst. An der bunten Handarbeit vorbei geht es ins Militärhistorische Museum, das sich noch viel mehr herausnimmt.

Der amerikanische Architekt Daniel Libeskind hat einen riesigen Keil aus Stahl, Glas und Beton durch das protzige Arsenal getrieben, das seit 1914 Museum der Sächsischen Armee, der Reichswehr, der Wehrmacht und schließlich der DDR-Armee war. Dieser Angriff, der 62 Millionen Euro gekostet hat, vernichtete ein Drittel der alten Bausubstanz, vor allem aber den Geist der ehemaligen Ruhmeshalle. Die Bundeswehr wünschte keine Waffenschau für „alte Männer mit Hut“, sondern ein „modernes kulturhistorisches Museum“, das „multiperspektivisch, kritisch und auf der Höhe der Forschung“ eine „differenzierte Auseinandersetzung mit Militär, Krieg und Gewalt“ bietet.

Ein „ehrliches Museum“ verspricht der Leiter Matthias Rogg, ein Oberst in Uniform. „Nazis sollen sich bei uns nicht wohlfühlen“, sagt Kurator Gorch Pieken, ein Historiker mit Lederjacke und Pferdeschwanz. Junge Wissenschaftler haben in dem Haus zwei Rundgänge angelegt: In den Resten des Altbaus behandeln drei chronologische Abteilungen die Perioden Spätmittelalter bis 1914, die Weltkriege und die Neuzeit, wobei der Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert liegt. Im Neubau greifen 12 Stationen unterschiedliche Aspekte der Militärgeschichte auf, zum Beispiel „Formation der Körper“, „Tiere beim Militär“, „Militär und Sprache“ oder „Militär und Mode“.

Der Besuch beginnt im vierten Stock mit einem Ausblick auf Dresden: Libeskind hat seinen Keil auf den Punkt ausgerichtet, wo am 13. Februar 1945 die englische Bombardierung der Altstadt angefangen hatte. Im gleichen Raum wird an die Zerstörung Rotterdams und der polnischen Stadt Wielun durch deutsche Luftangriffe erinnert. Politisch korrekt geht es dann auch in den unteren Etagen weiter: Holocaust und Zwangsarbeit, Kunstraub und Ermordung von Kriegsgefangenen, Kolonialkriege und Wehrmachtsbordelle – alles da.

Auf zwei Hektar Ausstellungsfläche zeigt das Museum, das mehr als eine Million Objekte besitzt, rund 10 000 meist besonders beeindruckende Exponate. Gerade das kann stressen: Früher durfte man staubige Säbel-Regale oder Reihen von Kanonen schon mal guten Gewissens auslassen. Jetzt läuft man dauernd Gefahr, eine Überraschung zu verpassen. Etwa die Vitrine mit Drogen, die rostige Schreibmaschine aus Hitlers Bunker oder das Kleid der ur-grünen Friedensaktivistin Petra Kelly. Außerdem halten Installationen von Künstlern die Besucher auf Trab: Sie sollen den rekonstruierten Geruch eines Schützengrabens schnuppern, mit Lebensmittelkarten einkaufen oder einen Fluchtkoffer packen.

Die von Libeskind geschaffenen Durchbrüche führen immer wieder zu verblüffenden Begegnungen. Beim Kriegsspielzeug steht zum Beispiel ein Puppenhaus aus den 1940er Jahren, das ein Mädchen in London mit Verdunkelungsvorhängen und kleinen Gasmasken für die Bewohner ausgerüstet hatte – und aus dem Schacht nebenan droht eine echte V2-Rakete. Überhaupt arbeitet das Museum viel mit Gegenüberstellungen. So wird im Raum „Krieg und Gedächtnis“ eine Vitrine zu den Auschwitz-Prozessen mit kitschigen Heimatfilm-Plakaten der 1950er Jahre konfrontiert. Neben dem Wrack eines Bundeswehr-Jeeps aus Afghanistan liegen Stimmkarten von Politikern, die im Bundestag für diesen Einsatz votiert hatten. Zu jedem Zeitabschnitt werden unterschiedliche Lebensläufe präsentiert, etwa eines Generals und eines gewöhnlichen Soldaten oder auch die Biografie einer NS-Rasseforscherin und die einer sozialistischen Künstlerin.

Gegen so viel Ausgewogenheit kann man nicht viel einwenden, und so wird das Museum mit Lob überhäuft. Gerade bekam es den „Luigi Micheletti Award“ der European Museum Academy. Seit seiner Eröffnung im Oktober 2011 zog es bereits über 500 000 Besucher an. Die ersten Sonderausstellungen waren Stalingrad und Rechtsextreme Gewalt in Deutschland. Die nächsten sollen die Napoleonischen Kriege behandeln, den Ersten Weltkrieg, aber auch Gewaltgemeinschaften und Militär und Sexualität.

Das Museum, das dem Kommando Streitkräftebasis untersteht, kann es Pazifisten natürlich trotzdem nicht recht machen. Dass darin so viel Leid und Tod und fast keine Werbung zu sehen ist, hält Thomas Mickan von der Informationsstelle Militarisierung für „neomilitaristische Geschichtsschreibung“: Die Bundeswehr distanziere sich von der Vergangenheit, „um heutige militärische Gewaltausübung als schmerzhafte Lernerfahrung darzustellen und so zu legitimieren“. Krieg und Gewalt würden als ewige, quasi natürliche Erscheinungen präsentiert. – Beim Blick auf die Geschichte lässt sich dieser Eindruck allerdings kaum vermeiden.

Militärhistorisches Museum Dresden: www.mhmbw.de
Martin Ebner
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