Ostbezirk

Überwiegend blau...

d'Lëtzebuerger Land du 14.10.1999

Vergleichsweise überschaulich ist sie schon, die Lage im kleinsten Wahlbezirk. Der Osten, der mit dem Einzug Mondorfs in die Riege der Proporzgemeinden diesmal über vier Gemeinden verfügt, wo Politik scheinbar großgeschrieben wird (Echternach, Grevenmacher, Junglinster), liegt gewöhnlich im nationalen Trend, auch diesmal. Eine aufstrebende DP, die, bis auf einen Rückschlag in Echternach, ihre bereits 1993 gestärkten Positionen noch einmal kräftig ausbauen konnte, in Mondorf gleich auf Anhieb die absolute Mehrheit (53,7 Prozent) schaffte, die sie in Grevenmacher mit 46,4 Prozent (Zuwachs von 15 Prozentpunkten) nur knapp verfehlte. Eine CSV, die sich überall auf dem Rückzug befindet, mit zum Teil empfindlichen Verlusten, wie in Grevenmacher (minus zehn Prozentpunkte), und der nur in Junglinster dank Stagnation eine gewisse Schadensbegrenzung gelingt. Dann die LSAP, der die Überraschung durch die Rückeroberung von Echternach gelingt und die ihren Stimmenanteil in Junglinster mit 25 Prozent fast verdoppelt. Schließlich die Grünen und das ADR, die kaum präsent sind, außer in einigen wenigen Majorzgemeinden und in Junglinster, wo beide mit neun Prozent in etwa ihre nationale Stärke erreichen. Eigentlich wäre damit schon fast alles gesagt, wären da nicht die Personen hinter den Zahlen und so manche Eigentümlichkeiten im Wählerverhalten. Die Politik wird im Osten noch stärker als anderswo durch Persönlichkeiten und lokale Phänomene geprägt, nicht nur in den Majorzgemeinden. Die Vorgänge in Echternach, wo die DP mit über sieben Prozentpunkten in etwa genau soviele Stimmen verliert wie bei den Parlamentswahlen im Juni und die LSAP fast neun Prozentpunkte hinzulegt, zeigen, wie launisch der Wähler sein kann. 1993 bekam die DP über vierzig Prozent der Stimmen, diesmal die LSAP. Das Wechselbad, das dazu führen wird, dass der von vielen für politisch tot erklärte Jos Scheuer (LSAP), der sich nur im letzten Moment zu einer Kandidatur auf der LSAP-Liste für die Parlamentswahlen überreden ließ, Jos.A.Massard (DP) als Bürgermeister im Dënzelt ablösen wird und der DP auch noch den mit 26,9 Prozent schwächlichen Koalitionspartner CSV abspenstig macht, hat kaum etwas mit großer Politik zu tun. Die lokale DP, der nachgesagt wird, sie habe sich ihr Grab selbst gescheffelt, indem sie die populäre Bürgermeisterin Mady Schaffner aus dem Verkehr zog und durch Jos Massard ersetzte, hat es sich mit der lokalen Geschäftswelt verdorben, u.a. durch ein überdimensioniertes Einkaufszentrum, das erst kurz vor den Wahlen aufs Eis gelegt wurde. In Grevenmacher, wo die DP unter Führung des langjährigen Gemeinderats Robert Stahl einen mehr als beachtlichen Erfolg feiern konnte, rächte sich vor allem, dass der nicht mehr angetretene Bürgermeister Norbert Konter (CSV) seine Nachfolge nicht geregelt hatte und die CSV-Leute führungslos ins Rennen gingen. Mit minus zehn Prozentpunkten fällt die Quittung für dieses Versäumnis doch sehr hoch aus. Grevenmacher, das 1993 den Übergang zum Proporzsystem nur widerstrebend hinnahm, weil der Verlust des „kollegialen Stils" im Gemeinderat befürchtet wurde, knüpft jetzt wieder mit der liberalen Tradition des bis 1988 patriarchalisch-paternalistisch regierenden „député-maire" Vic Braun an, übrigens politischer Ziehvater des neuen Bürgermeisters, der dem Grevenmacher Gemeinderat seit der Ära Braun angehört. Robert Stahl hat durchaus das Zeug, in die Fußstapfen der legendären liberalen " députés-maires " à la Robert Schaffner, Dr Charles Wagner, Vic Braun, Robert Gitzinger, Carlo Wagner usw. zu treten, die seit den Parlamentswahlen im Juni bereits durch Jeannot Belling (Remich) und Maggy Nagel (Mondorf) erneuert und bereichert wurde. Robert Stahl kann sich wählerisch bei der Suche des Koalitionspartners geben, da sowohl CSV und LSAP einen Sitz verloren (die LSAP büßte mit fünf Prozentpunkten freilich weniger als die CSV ein, liegt aber bei nur 19,3 Prozent, gegenüber den 34 Prozent der CSV). In Mondorf hat Maggy Nagel die Nachfolge des zu früh verstorbenen Roland Delles mit Brio übernommen und die Bäderstadt noch weiter zu einer liberalen Hochburg ausgebaut. Sie genießt offenbar eine ähnlich große Popularität wie ihr Vorgänger. Ihr wuchtiges Resultat, das mit der absoluten Mehrheit von 53,7 Prozent zu Buche schlug, läßt die bis 1993 ebenfalls mit einer absoluten Mehrheit regierende CSV unter dem ehemaligen Bürgermeister Roby Schmit mit ihren 30,6 Prozent schon fast klein und mickrig aussehen. Die LSAP krebst mit nur 15,7 Prozent vor sich hin. Maggy Nagel hat übrigens auch das Kunststück geschafft, dass neben ihr noch zwei weitere Frauen auf der DP-Liste in den Gemeinderat gewählt wurden und die sechsköpfige DP-Vertretung damit paritätisch zusammengesetzt ist, was eher erstaunlich ist im konservativ geprägten Osten. In Junglinster, das nur wenig Gemeinsamkeiten mit dem Rest des Bezirks teilt und eher wie eine Schlafgemeinde der Hauptstadt wirkt, herrschen natürlich ganz andere Verhältnisse. Von vielen, inklusive dem bisherigen Koalitionspartner DP, wird der Stil des bisherigen CSV-Bürgermeisters Denis Dimmer als unerträgliche und selbstherrliche Alleinherrschaft empfunden. Dimmer, der das 93er CSV- Ergebnis von 29 Prozent nur mit Mühe und Not über die Runden retten konnte, dürfte diesmal Schwierigkeiten haben, einen Steigbügelhalter zu finden. Die DP, die am Sonntag fast sechs Prozent hinzulegte und mit ihren 27,3 Prozent gefährlich nahe an die CSV heranrückt, hat keine große Lust, weiter mit Dimmer zu machen, wie Georges Gudenburg, Präsident der Lokalsektion, bereits am Wahlabend unmissverständlich deutlich machte. Fränz Ries, ehemaliger Bürgermeister von Rodenburg und DP-Schöffe unter Dimmer, hat diesmal sehr gute Aussichten, ihn im Bürgermeisteramt zu beerben. Die LSAP, die nach langen Jahren als Mauerblümchen wieder Aufwind verspürt, konnte mit 25 Prozent ihr Resultat fast verdoppeln und möchte wieder mit der Tradition des ehemaligen LSAP-Bürgermeisters Aly Schroeder anknüpfen. Allerdings führte sie unter John Breden einen relativ aggressiven Wahlkampf, der das Zusammengehen mit einer der beiden bisherigen Koalitionsparteien nicht gerade erleichtert. Déi Gréng, die damals als GLEI/GAP unter Jup Weber und Dr Martin Probst mit dem Spitzenergebnis von 24,2 Prozent für die eigentliche Überraschung sorgten, sind auf 9,2 Prozent zurückgefallen und büßten zwei ihrer drei Sitze ein, zu wenig um ernsthaft mitzumischen. In den Majorzgemeinden wird mit einiger Spannung das Ergebnis der Stichwahl am Sonntag in Remich erwartet. Der frischgebackene „député-maire", Jeannot Belling (DP), konnte sich zwar im ersten Durchgang klar gegenüber dem anderen lokalen Abgeordneten, Lucien Clement (CSV), durchsetzen, einem der wenigen noch verbleibenden Hoffnungsträger der CSV im Osten. Aber Bellings Mannschaft schnitt nicht so gut ab wie erwartet und er wird wahrscheinlich Allianzen schmieden müssen, unter anderem mit dem Grünen Henri Kox, will er seinen Bürgermeisterstuhl verteidigen. Über sieben der neun Mandate im Remicher Gemeinderat wird im „ballotage" am Sonntag entschieden. Überhaupt ist die Stichwahl eine häufige Erscheinung in den Majorzgemeinden im Osten. In Befort und Dalheim etwa schaffte kein einziger Kandidat die Wahl im ersten Durchgang und in Consdorf lediglich ein einziger. Besonders problematisch scheint die Lage in Dalheim zu sein, wo der bisherige Bürgermeister, Marcel Schmit(DP), den Unmut der Bevölkerung zu spüren bekam, die Anstoss nahm an einem architektonisch gewagten Gemeinde- und Schulneubau des Architektenteams Hermann [&]Valentiny. Als Form des Protests ist wohl auch die in vielen Majorzgemeinden ungewöhnlich hohe Zahl an ungültigen Stimmzetteln anzusehen, z.B. in Betzdorf, Flaxweiler, Lenningen, Mertert und Wormeldingen. In den Winzerdörfern Ahn, Ehnen und Machtum, die Sektionen der Gemeinde Wormeldingen sind, waren bis zu 25 Prozent der Stimmzettel ungültig ! Aber an der Mosel ist man nicht gerade wählerisch, wenn es darum geht, den Politikern den Laufpass zu geben. Dies bekam auch der langjährige Remerschener Bürgermeister Fernand Weber zu spüren, der im Clinch mit seinem Namensvetter Roger Weber wegen einer Immobilienaffäre liegt. Bürgermeister Weber muss sich in relativ ungünstiger Position der Stichwahl stellen, währenddem sein Kontrahent bereits im ersten Wahlgang gewählt wurde !

Mario Hirsch
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