Die Gemeinde als Idylle

Bürgermeister Kärcher

d'Lëtzebuerger Land du 22.09.2005

Zu seinen Glanzzeiten – wozu nicht gerade das kommunale Ausländerwahlrecht und der europäische Verfassungsvertrag gehören – besitzt das Aktionskomitee für Demokratie und Rentengerechtigkeit mehr als alle anderen Parteien ein Gespür für das gesunde Volksempfinden. Denn statt die Träume jener Picobello spielenden Mehrheit, die am Wochenende vormittags im Trainingsanzug durch den Baumarkt zieht und abends zum Piccadilly nach Stadtbredimus fährt, idealistisch zu überhöhen, versuchen die politischen Trüffelschweine der Rentenpartei, Kapital daraus zu schlagen, indem sie sie bestätigen.

Zu den Gemeindewahlen in zwei Wochen verklären sämtliche Parteien die Gemeinden zum Traum einer lokalen Heimatidylle. Die LSAP verspricht in ihrem Rahmenwahlprogramm "ein positives Gefühl von Geborgenheit, Sicherheit und Lebensfreude" (S. 5), die CSV "eine wachsende, gesunde und friedliche Gemeinschaft", kurz "echte Heimat" (S. 2). Aber keine Partei bringt diesen Traum so knapp auf den Punkt wie das ADR, das in einem einzigen Titel seines Rahmenwahlprogramms "Lebensqualität durch sichere, ruhige und saubere Gemeinden" verspricht (S. 6). So wie nach dem Krieg die Vorstadtsiedlungen von Suburbia in den USA nicht nur eine Siedlungsform, sondern auch die Lebensweise und das Weltbild des American dream widerzuspiegeln schienen, so spiegelt das Bild, das die Parteien für die Wahlen von den Gemeinden zeichnen, einen Luxemburger Traum wider.

Auch der Luxemburger Traum ist ein Vorstadttraum. Es ist der Traum von der Eigenheimsiedlung im Grünen, die Dorf und Natur ist oder mit Gewalt zum Dorf und zur Natur disneyfiziert wird. Selbst die Städte sind nicht urban, sondern nur etwas zu groß geratene Dörfer, wie zu schnell gewachsene Teenager, die in ihrem Kern aber noch unschuldige Kinder geblieben sind. Und wenn sie urban und damit möglicherweise zu Sünden-Babeln zu werden drohen, versprechen die Wahlprogramme, dass sie wieder auf dörfliche Lebensweisen zurechtgestutzt werden wie Bonsai-Bäumchen. Das hat nichts mit einer bäuerlichen Abstammung der Luxemburger zu tun, sondern ist, im Gegenteil, der Traum von Mittelschichtensiedlungen, deren Angestellten und Beamten tagsüber in die Stadt zur Arbeit und samstags in den Cactus fahren. Es ist der Traum der Dienstleistungsgesellschaft, welche die Industrie überwunden zu haben scheint wie ein primitives Frühstadium der Zivilisation. Wenn Industrie überhaupt im Gemeindewahlkampf vorkommt, dann fast ausnahmslos als lärmende und schmutzende Bedrohung der Lebensqualität in den Mittelschichtensiedlungen.

Dass in Wirklichkeit 40 Prozent der Wohnbevölkerung Arbeiter sind, passt nicht in dieses Bild. Die Grünen treiben diesen Traum selbstverständlich am weitesten. Sie schrecken, trotz besseren Wissens, nicht davor zurück ihren Wählern mit einer fetten Überschrift "eine intakte Natur” in einer der höchst¬industrialisierten Regionen der Erde zu versprechen (S. 15) und runden ihre vorindustrielle Idylle mit dem beschaulichen "Verkauf von regionalen Produkten […] auf Wochenmärkten” ab (S. 23), in deren Nähe es natürlich "sichere und nach Möglichkeit überdeckte Fahrradabstellanlagen und eine gute Beschilderung" (S. 30) gibt. Die präziseste Ausformulierung dieses Traums von Heimat als sicherer und sauberer Eigenheimsiedlung im Grünen hatte die von Premier Jean-Claude Juncker nach dem Rententisch inspirierte Panikinitiative "Wat fir eng Zukunft fir Lëtzebuerg?" des ehemaligen Mamer Bürgermeisters Henri Hosch vorgenommen. Aber sie hatte sie mit Blick auf die letzten Parlamentswahlen auch in einen malthusianistischen Alptraum gewendet, wo die nationale Idylle von Bungalows, Zweitwagengaragen, Hochdruckreinigern, Geländewagen und Barbecues in Überbevölkerung und Grenzpendlerschwämme versinkt.

Doch nach dem jähen Konjunkturabsturz war ihr Alptraum vom 700 000-Einwohnerstaat ausgeträumt, und nun kandidiert sie nicht einmal mehr in Mamer. Der Luxemburger Traum von Suburbia wäre keine Mittelschichtenidylle, wenn sie nicht "sicher, ruhig und sauber" wäre, wie das ADR  zusammenfasst. Wobei Sicherheit in den meist sehr knappen Rahmenwahlprogrammen der Parteien wie eine Beschwörungsformel wiederholt wird. Wörter wie "sicher" und "Sicherheit" kommen bei der CSV 19 mal vor, bei der DP 15 mal, bei der LSAP 14 mal, beim ADR neunmal, bei den Grünen siebenmal und bei der Linken zweimal vor. In Zeiten des globalen Kriegs gegen den Terrorismus ist natürlich Sicherheit durch Stärke gemeint. Und Wortkombinationen mit "stark" tauchen bei der DP 14 mal, bei der CSV 13 mal, bei den Grünen zehnmal, bei der LSAP neunmal, beim ADR und bei der Linken sechsmal auf. Die Parteien überbieten sich mit kommunalen Sicherheitskommissionen, Sicherheitsplänen und Sicherheitsbeauftragten, der Aufrüstung von "Pannpréiter oder Agents municipaux" (CSV, S. 11), Polizeistreifen, Überwachungs- und Kontrollanlagen sowie Gemeindezuschüssen für die Befestigung von Privathäusern (ADR, S. 7).

Spätestens seit der französische Innenminister Nicolas Sarkozy am 20. Juni in einem Armenviertel von La Courneuve zur sozialen und ethnischen Säuberung aufrief: "On va nettoyer au Kärcher la cité", ist der Zusammenhang zwischen Sicherheit und Sauberkeit nicht mehr zu leugnen. Und auch die Eigenheimsiedlungen der Angestellten, Beamten und Zahnärzte als Verkörperung des Luxemburger Traums müssennicht nur sicher, sondern auch sauber sein. Wie die motorisierten Infanteriedivisionen von Hochdruckreinigern, Aufsitzmähern und Laubsaugern zeigen, die beim ersten Sonnenstrahl in der Nachbarschaft losdonnern. Und wenn es um Sauberkeit geht, lässt sich keine Partei lumpen bei der obsessionellen Mülltrennung, der Abwasseraufbereitung, der Begrünung und Renaturierung der vor 30 Jahren begradigten Dorfbäche.

Der amerikanische Traum von Suburbia ist auch ein im Kino, in der Literatur und der Musik offen gelegter Alptraum von sozialer Anpassung, Isolation und Depression, von erdrückender Häuslichkeit, brutalen Spießern, trunksüchtigen Hausfrauen und übergewichtigen Kindern. Und vielleicht hat auch der Luxemburger Traum der sich inzwischen bis Dippach und Junglinster, Kehlen und Contern ziehenden Vorstadtsiedlungen der Hauptstadt seine Schattenseiten.

Denn die Mittelschichtenidylle in den Bungalow-Cités misst ihre kleine Welt an den eigenen sozialen, nationalen und biologischen Standards und besitzt eine hohe Integrationswut gegenüber allen, die davon abweichen. Keine Partei, die nicht paternalistisch Ausländer, Alte und Behinderte integrieren will. Nur für Arme ist kein Platz, lediglich LSAP und Linke erwähnen sie einmal. Die Grünen umschreiben Sozialhilfeempfänger schamhaft als "Klienten und Klientinnen" (S. 45) und die DP denkt beim Stichwort "Arme" daran, "verstärkt Gelder bereit zu stellen, um Kultur- und Sportvereinigungen unter die Arme zu greifen" (S. 20). Wenn aber die nicht zufällig so genannten Gemeindeväter und -mütter  sich auf der Schobermesse in den Karussellkutschen drängeln und wie Pfadfindergruppen in T-Shirt-Uniformen posieren, wird deutlich, dass ihre Vorstadtidylle mehr als bloß kinderfreundlich, nämlich kindisch ist. Es soll ein putziger, wie von Alessi gekneteter Lebensraum sein, in dem die Unschuld herrschen und der Neo-Biedermeier wie Honig alle gesellschaftlichen Widersprüche verkleistern soll. Um die Verkindlichung zu institutionalisieren, versprechen LSAP und Grüne unisono die Einrichtung von "Kindergemeinderäten" (S. 7 bzw. 13), die DP die eines "Kinderparlaments" (S. 19),  die CSV immerhin noch ein "Jugendparlament" (S. 11).

Der Traum von der sicheren und sauberen Gemeinde ist ein sozialer und  ein politischer Traum. Und deshalb wird er auch ein wenig ein parteipolitischer Traum, selbst wenn manche Parteien das zu spät begreifen werden. Denn steht die CSV für Sicherheit, so stehen die Grünen für Sauberkeit, und damit entspräche der Traum von der sicheren und sauberen Gemeinde ein gar nicht so unwahrscheinlicher Wahlsieg von CSV und Grünen.

 

Romain Hilgert
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