Guy Helminger

Jenseits der Klischees

d'Lëtzebuerger Land vom 22.04.2010

Eigentlich gehe er nie in Cafés, sagt Guy Helminger bei seiner Ankunft, aber in diesem Lokal kennt man ihn natürlich dennoch. Der Kellner grüßt freundlich (das ist noch vor der Sache mit den Pommes) und die Frau am Nebentisch ist sich sicher, dass man sich schon irgendwo getroffen hat. Waren die Kinder im selben Kindergarten? Köln sei ein Dorf, heißt es. Man braucht sich jedoch nicht lange mit „dem Guy“, wie er sich im Emailaustausch scherzhaft nennt, zu unterhalten, um zu merken, dass in diesem Fall auch seine Persönlichkeit Teil der Gleichung ist.

Hier im „Stadtgarten“ in der Venloer Straße veranstaltet der gebürtige Escher, der seit der Mitte der achtziger Jahre in Köln lebt, mit seinem Schriftstellerkollegen Navid Kermani alle zwei Monate die Kölner Version des Literarischen Salons International. Die Rolle des Gastgebers war ihm also nicht fremd, als ihm im vergangenen Dezember RTL Luxemburg die Moderation der Sendung Kultur anbot. Viel Zeit, sich zu entscheiden und sich in die Arbeit vor der Kamera einzufinden, blieb nicht. Er habe in diesem Angebot eine schöne Möglichkeit gesehen, sich intensiver mit der luxemburgischen Kulturszene zu beschäftigen und etwas Neues auszuprobieren, erklärt er seine Zusage. Mit der Ansage: „Léif Kulturna­tioun, gudden Owend! Keng Panik am Duerf; ech sinn et nëmmen.“ – flimmerte schon am 9. Januar die erste Sendung des neuen Formats über die Bildschirme, die seither jeden Samstag ausgestrahlt wird.

Guy Helminger ist wahrscheinlich der Einzige, der dieses relativierende „nëmmen“ als angemessenes Mittel zur Kennzeichnung seiner Person betrachten würde. Er schreibt Romane, Erzählungen, Reiseberichte, Gedich­te, Theaterstücke, Kinderbücher –; an dieser Stelle ist man geneigt, vorsichtshalber ein „usw.“ anzufügen. Diese beeindruckende Vielfältigkeit und Produktivität ist ein Grund, aber längst nicht der einzige, warum Guy Helminger eine Sonderstellung unter den Luxemburger Autoren einnimmt. Spätestens seit er 2004 beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet wurde, gehört er nicht nur in Luxemburg, sondern auch in seiner Wahlheimat zu den bekannteren Schriftstellern. Einen Erzählband und einen Roman hat er bei Suhrkamp veröffentlicht, – die Erfüllung eines Jugendtraums –, und sicher nicht die Standardkarriere für einen luxemburgischen Literaten.

Sein Erfolg in Luxemburg wie in Deutschland, seine Umtriebigkeit und seine Freude an der Vermittlung kulturellen Geschehens scheinen Guy Helminger zum Moderator für eine Kultursendung zu prädestinieren. Er legt viel Wert darauf, den gemeinschaftlichen Aspekt der Sendung hervorzuheben: Ohne die Redaktion gäbe es die Sendung natürlich nicht. Ihm ist aber trotzdem viel daran gelegen, das Konzept des Formats mit seiner persönlichen Note zu versehen. Es sei damit ein wenig wie bei Lyriklesungen, meint er mehrmals. Niemand wolle pausenlos zuhören, wie jemand bloß seine Gedichte vorträgt. Man müsse den Vortrag manchmal unterbrechen, etwas über die Gedichte (oder die eingespielten Beiträge) erzählen, Biografisches und Anekdoten mit einfließen lassen um so den Vortrag aufzulockern und das Publikum bei der Stange zu halten. Was mit seiner „persönlichen Note“ gemeint ist, versteht man jedoch am besten, wenn man sich diejenigen Sendungen ansieht, in denen Guy Helminger einen Gast interviewt. Ihm ist wichtig, dass dabei kein schnödes Frage-Antwort-Spiel herauskommt, sondern ein wirkliches Gespräch. Dazu gehört auch, dass er nicht den Talkmaster mimt, sondern sich pro Folge mit nur einem Gast unterhält, dass er sich also die Zeit nehmen kann, sich nicht nur für dessen Arbeit, sondern auch für seine Persönlichkeit und seine Motivation zu interessieren („Wie tickt der? Warum macht er das?“).

Die Begrüßung der „lieben Kulturnation“ hat Guy Helminger beibehalten. Das sei natürlich auch ironisch gemeint, versichert er lachend. Aber eben nicht nur. Offenbar ist es gerade der äußere Standpunkt, der seinen Blick für das Ernstzunehmende am kulturellen Leben in Luxemburg geschärft hat. „Ich habe keine nationalistische Ader, aber wenn es um die luxemburgische Literatur geht, bin ich ein luxemburgischer Autor.“ – so deutlich hört man ihn, der sich sonst gerne einen „Autor aus Luxemburg“ nennt, kaum Partei ergreifen. Luxemburg hielten immer noch viele, die das Großherzogtum nur von der anderen Seite der Mosel her kennen, lediglich für das Land der Banken. Mit einer ernst zu nehmenden Kultur rechneten die wenigsten. Er ärgere sich über die Arroganz verwunderter Anfragen, ob es dort zum Beispiel tatsächlich Rockbands gebe.

Was der Schriftsteller zugesteht, ist, dass die kargen Möglichkeiten, die ihm das kulturelle Leben Luxemburgs vor fünfundzwanzig Jahren bot, mit ein Grund dafür waren, dass er nach Deutschland zog. Auch heute noch findet er genügend Gelegenheit, sich gegen einen Mangel an Professionalisierung kultureller Veranstaltungen in Luxemburg zu wehren –, wenn man etwa Autoren um Schulbesuche bittet, ohne sie honorieren zu wollen. Insgesamt aber ließen sich die Klischees von einem kulturell bedeutungslosen Luxemburg längst nicht mehr halten.

So sieht Guy Helminger die Moderation von RTL Kultur vor allem als Gelegenheit, einem luxemburgischen Publikum, eben jener an sich völlig heterogenen „Kulturnation“, die eigene Kultur näher zu bringen. Letztlich richte sich das Format ja nicht an eine Elite, sondern an ein breites Publikum und im Endeffekt ginge es um nichts anderes, als den Fernsehzuschauer dazu zu bewegen, sich die Ausstellungen, Theaterstücke, Bücher, von denen in der Sendung berichtet wird, selbst einmal aus der Nähe anzusehen.

Irgendwann ist der Burger dann aufgegessen und die Cola ausgetrunken. Da es den Teller Pommes wirklich nur für Kinder gibt (NB: Kölner Kellner scherzen nicht über die Verfügbarkeit mundgerecht portionierter Erdfrüchte), geht einer von uns auf die Suche nach einem Snack und der andere zu einer Lesung.

Elise Schmit
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