Krämergeist

Zur Kasse, bitte!

d'Lëtzebuerger Land du 06.04.2012

Heute loben wir den religiösen Krämergeist. Jetzt können wir schwarz auf weiß nachlesen, wieviel ein zerstörtes Menschenleben wert ist: maximal 5 000 Euro. Diese Summe zahlt die katholische Kirche Luxemburg den Opfern sexuell gewalttätiger Geistlicher. Alles ist schön bürokratisch geregelt. Die lieben Opfer müssen nur bis zum kommenden ersten Mai ihr Entschädigungsgesuch bei der Kirchenverwaltung einreichen. Das Geld wird fließen, soviel ist klar. Nur kopfstarrige Zeitgenossen reden hier von einer geradezu barbarischen Verhöhnung der Opfer. Tatsächlich aber sollten wir die Subtilität und die Gottesfürchtigkeit dieses klugen Ablasshandels nicht verkennen.

Vor gar nicht allzu langer Zeit wäre die gleiche Kirche nämlich rabiat Schlitten gefahren mit den Opfern. Man hätte sie als sexuell Besessene abgekanzelt, als unverantwortliche Provokateure, die den armen Gottesdienern mit ihren aufreizenden Allüren das fromme Leben zur Hölle machten. Jeder von uns kennt ja das Hexen-Syndrom: schuld ist nie der Täter, sondern immer nur das spätere Opfer. Die Hexe kann übrigens kein Opfer sein. Sie ist die Inkarnation des Bösen, die Teufelsbraut. Die Hexe symbolisiert nur die ständige Heimsuchung der unschuldigen Kirche.

Da wir von Natur aus zum naiven Glauben neigen, glauben wir gerne auch folgendes: das Teuflische äußert sich heute unter verschlüsselter, schwer durchschaubarer Form. Der Beelzebub tritt längst nicht mehr in malerischer Raubtierverkleidung auf, nein, er bedient sich frech der modernen Kommunikationstechnologie. Geistliche Herren, die ihre gesamte Karriere in den Dienst der Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit stellen, werden heute nicht mehr mit luziferischen Grimassen und allerlei Gepolter herausgefordert, sondern buchstäblich um sechs Ecken auf die Probe gestellt. Der Teufel schlüpft heute offenbar zynisch ins Kostüm des Unschuldsengels. Er tritt zum Beispiel auf als Internatsschüler oder als scheinbar wehrloses Kind. Die Kirche ist nicht zu beneiden. Ständig muss sie auf der Hut sein vor den Travestiekünsten des Teufels. Viele Pfarrer tappen in die raffinierten Fallen, bevor sie sich überhaupt Rechenschaft ablegen, dass wieder mal der Teufel in geheimer Mission unterwegs ist.

Daher zeugt es von großer Klugheit, dass die katholische Kirche sich jetzt für eine heilsame Doppelstrategie entschieden hat. Zum einen ziert sie sich nicht auf der finanziellen Ebene. Eine Handvoll Moneten tut schließlich nicht weh. Dieses Geld stammt ja ohnehin vom Steuerzahler, also auch von den Opfern sexueller Gewalt. In anderen Worten: die Opfer finanzieren ihre Entschädigung selber. Und zahlen weiterhin die Gehälter der Täter. Hier erkennen wir klar, wie vorteilhaft ein Staat ist, der mit der Kirche eine innige Liaison pflegt. Wenigstens in der Domäne des schnöden Mammons geht der Kirche nichts verloren.

Zum andern besinnt sich die Kirche spektakulär auf ihre Heilsbringerrolle. Sie vermittelt deutlich, wenn nicht gar überdeutlich nach außen, dass die wirklichen Opfer die angeblichen Täter sind. All diese geistlichen Herren, die ohne eigenes Verschulden in die Fänge sexuell aufgedrehter Lockvögel geraten sind, dürfen zum Glück mit der großen Zuneigung ihrer Institution rechnen. Man behandelt sie zartfühlend und sehr engagiert wie Schwerverletzte. Der arme Bischof Mixa, von gehässigen Ungläubigen aus seinem Amt gejagt, wird vom durch und durch verständnisvollen Papst mit einem Beraterposten im Vatikan belohnt. Er darf fortan als Mitglied des Päpstlichen Rates für die Seelsorge im Krankendienst brillieren. Wäre Mixa wirklich selber ein Krankmacher, wie seine Verfolger behaupten, würde ihn der Papst wohl kaum auf Kranke ansetzen. So dumm und verkommen kann einfach kein Papst sein.

Der Trierer Bischof Ackermann, seines Zeichens Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche in Deutschland, beschäftigt gleich reihenweise überführte pädophile Pfarrer in seinem Bistum. Nun heulen wieder die Wölfe und insinuieren beispielsweise, dass somit der Begriff „Missbrauchsbeauftragter“ eine unverhofft neue Bedeutung erhält. Diesem ungesunden Gestänker möchten wir uns nicht anschließen. Der Bischof hat einfach nur die luziferischen Strategien durchkreuzt. Wenn der Teufel plötzlich arrogant in Gestalt von Kommunionkindern auftritt und das sexuelle Gleichgewicht wohlgesinnter Pfarrer gezielt ins Wanken bringt, ist das teuflische Maß tatsächlich voll. Es sieht ganz danach aus, dass Luzifer nicht einmal mehr davor zurückschreckt, blutjunge Kinder als Waffen gegen die Kirche einzusetzen.

Also, werte Opfer: flugs das Formular ausfüllen, die Entschädigung beantragen und den Missbrauchsbonus kassieren. Bald erstrahlt das Gnadenbild wieder im betörenden Glanz, der stets lächelnde Erzbischof Sushimaki wird liebevoll die Arme ausbreiten und alle verirrten Schäflein unter seine Fittiche bitten. Wer denkt bei soviel Zuvorkommenheit denn noch ans Geld? Eigentlich sollten sich die Opfer schämen, ihre Geldsucht so penetrant zur Schau zu stellen.

Guy Rewenig
© 2017 d’Lëtzebuerger Land