Zeitungshoroskope

Aberglaube mit Pressehilfe

d'Lëtzebuerger Land vom 29.06.2018

Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union sahen sich in Lissabon „mit einem Quantensprung konfrontiert, der aus der Globalisierung und den Herausforderungen einer neuen wissensbasierten Wirtschaft resultiert“. Deshalb nahmen sie sich „die Bewältigung des Strukturwandels hin zu einer Wissensgesellschaft“ vor. So wurde die Strategie von Lissabon geboren, am 24. März 2002, das heißt im Sternzeichen des Widders, und so war ihr Scheitern schon in den Sternen vorgezeichnet. Trotzdem gehört die Beschwörung der Wissensgesellschaft auch hierzulande noch immer zum Standard jeder Sonntagsrede von Wirtschafts-, Kultur oder Erziehungsministern.

Auch die von der liberalen Koalition begonnene Trennung von Kirche und Staat soll nicht nur der Privatisierung des Bistums dienen. Sie soll auch die moderne Gesellschaft als Wissensgesellschaft in einen Gegensatz zu einer rückständigen Glaubensgesellschaft stellen, die Grenze zwischen einem aufgeklärten, technischer und wissenschaftlicher Rationalität gehorchenden, demokratischen Staat ziehen und allen Glauben, Irr-, After- und Aberglauben. Wobei der aufgeklärte Rationalismus als wirtschaftlicher Standortvorteil verstanden wird.

Auch die Presse fühlt sich dem Ziel einer fortschrittlichen Wissensgesellschaft verpflichtet, den Idealen der Aufklärung, des Rationalismus und des Positivismus. Dabei pflegt sie gleichzeitig – oft vom flüchtigen Leser übersehen, vom unachtsamen Zuhörer überhört – jeden Tag scheinbar archaische Sterndeuterei. Bei RTL beginnt der Kampf zur Verbreitung des Aberglaubens schon morgens um 6.10 Uhr, wenn zum ersten, aber nicht zum letzten Mal am Tag, die Zuhörer auf einem Klangteppich von Sphärenmusik aus der Dose ihre Horoskope vorgelesen bekommen: „Widder, 21. Mäerz bis 20. Abrëll: Beim Widder ass et fir eemol erlaabt, egoistesch ze sinn a just u sech ze denken.“ „Skorpioun, 24. Oktober bis 22. November: Fir d’Skorpioune gëtt et e richteg flotten Dag, en Dag wou Dir d’Freed vum Liewen rëm nei entdeckt.“

Dem stehen die Zeitungen nicht nach. „Der Kampf gegen ‚Fake News‘ ist in aller Munde, die Journalisten stehen da an vorderster Front“, verkündete der Leitartikel der Jubiläumsnummer des Lëtzebuerger Journal am 9. Mai heroisch. Aber verliert das liberale Blatt diesen Kampf jeden Tag in seinen Horoskopspalten? Dort heißt es auf der Seite „Life & Style“: „Zwillinge, 22.05-21.06: Heute haben Sie wenig Elan, sich den täglichen Herausforderungen zu stellen. Entsprechend wächst die Verlockung, einem widrigen Alltag auszuweichen.“ Für die solchermaßen Verunsicherten folgt gleich eine Kleinanzeige für „Kartenlegen, Hellsehen, Astrologie“ mit der entsprechenden Nummer zur Telefonberatung.

Das Tageblatt forderte in seinem Leitartikel vom 19. Januar, dass „der integrative Charakter von Journalismus darin bestehen [muss], sich einer ernst gemeinten Wahrheitssuche zu verpflichten“. Die ernst gemeinte Wahrheitssuche betreibt die Gewerkschaftszeitung auch in ihrer Horoskoprubrik auf den Seiten „Loisirs“: „Jungfrau (24.8-23.9.): ‚Wäre doch nur jeder Tag wie dieser‘, seufzen Sie am Abend, wenn Sie glücklich ins Bett sinken. Noch in Ihren Träumen werden Sie ausschließlich Schönes erleben.“ Oder: „Zwillinge (21.5.-21.6): Ein Zoobesuch wäre in den nächsten Tagen genau das Richtige. Durch die Beobachtung der Tiere erschließen sich Ihnen neue Erkenntnisse, die noch bedeutsam werden.“

„Les médias traditionnels ne sont pas morts“, beteuerte der Direktor von Le Quotidien am 8. März trotzig. „La lutte contre les fake news doit commencer dès le plus jeune âge, car même dans une cour de récréation, on peut déjà raconter n’importe quoi.“ Doch weshalb die Dummheit im Schulhof suchen? Rät doch die Seite „Détente“ des Quotidien dem „Capricorne, 23 décembre - 20 janvier: Travail: un succès, une realisation se préparent en coulisses. Prêtez attention aux projets en relation avec le lointain. Amour: certains natifs concrétiseront un projet de cohabitation ou même de mariage. Santé: restez vigilant, nez et gorge fragiles.”

Auch Le Jeudi lässt seine Leser in jeder Nummer auf seiner Seite „Récréation le Club“ an die Wahrhaftigkeit der Sterndeutung glauben und bietet ihnen ihr Wochenhoroskop an. Die Gratiszeitung L’Essentiel veröffentlicht ihr tägliches Horoskop auf der Seite „People“ und illustriert die Tierkreiszeichen mit winzigen Porträts von Schauspielern, die im jeweiligen Sternzeichen geboren sind. Die Revue bietet auf ihrer Seite „Freizeit“ neben den Fotos herrenloser Katzen ein Wochenhoroskop, wo die Tierkreiszeichen farblich auf die Elemente Feuer, Erde, Luft und Wasser abgestimmt sind, und gibt nicht nur für jedes Tierkreiszeichen den jeweiligen Glückstag der Woche an, sondern auch drei Glückszahlen, die wohl zum Kauf von Lotterielosen ermuntern sollen. In all diesen am laufenden Meter abgedruckten Horoskopen schlagen anonyme Ma­gier den Ton von Experten an und erteilen ihren kindisch ratlosen Lesern Anweisungen, wie sie sich den Launen des Schicksals und der Vorgesetzten anpassen können.

Die öffentliche Hand fördert die Verbreitung der Hellseherei und ihrer Fake News mit staatlicher Pressehilfe. Das Ausführungsreglement vom 6. April 1999 zum Gesetz über die Pressehilfe definiert ausdrücklich: „Les plages consacrées aux loisirs concernent les rubriques à caractère divertissant tels que mots croisés, bandes dessinées, horoscopes, histoires drôles, romans, feuilletons etc., ainsi que les programmes des chaînes de télévision et de radio.“ Die Unterhaltungsseiten samt Horoskopen werden bis zu 15 Prozent aller bezuschussten Seiten subventioniert.

Denn Wissensgesellschaft und Aberglaube schließen sich nicht aus, sondern ergänzen sich. Statt Bildung und Urteilsvermögen für alle strebt die Wissensgesellschaft bloß technische Kompetenzen zur Produktivitätssteigerung an. Der Guru des Wirtschaftsministeriums und der Handelskammer, Jeremy Rifkin, lobte in seinem Bericht über die Dritte Industrielle Revolution, dass Luxemburg binnen 15 Jahren „has quintupled its public R&D support, with a strong focus on advanced ICT (HPC and BDA) to help power the engine of a knowledge-based economy”. Folgerichtig feierte die Presse vergangene Woche einen 17-jährigen Athenäumsschüler als Held, weil er ein Programm geschrieben hat, um mit dem Telefon Imbisswagen zu orten, auch App, Smartphone und Food truck genannt.

Theodor W. Adorno, der Anfang der Fünfzigerjahre die Horoskopspalten der Los Angeles Times studierte, erkannte in Aberglaube aus zweiter Hand: „Astrologie zeigt sich wahrhaft verschworen mit den Verhältnissen selbst. Je mehr den Menschen das System ihres Lebens als Fatum erscheinen muß, das blind über ihnen waltet und gegen ihren Willen sich durchsetzt, um so lieber wird es mit den Sternen in Verbindung gebracht, als ob dadurch das Dasein Würde und Rechtfertigung erlangte. Zugleich setzt die Einbildung, die Sterne böten Rat, wenn man nur in ihnen zu lesen vermöchte, die Furcht vor der Unerbittlichkeit der sozialen Prozesse herab. Diese Furcht wird von den Sternkundigen gelenkt und ausgebeutet. Der Zuspruch, den die unerbittlichen Sterne auf ihr Geheiß spenden, läuft darauf hinaus, daß nur, wer vernünftig sich verhält, sein inneres wie äußeres Leben völliger Kontrolle unterwirft, irgend die Chance hat, den irrationalen und widersprüchlichen Forderungen des Daseins gerecht zu werden. Das heißt aber: durch Anpassung. Die Diskrepanz von rationalen und irrationalen Momenten in der Konstruktion des Horoskops ist Nachhall der Spannung in der gesellschaftlichen Realität selbst. Vernünftig sein heißt in ihr nicht: irrationale Bedingungen in Frage stellen, sondern aus ihnen das Beste machen.“

Besorgt fragte das Luxemburger Wort am 29. Januar den Generalsekretär des Europäischen Journalistenverbands, Ricardo Gutierrez, was man gegen „das Verbreiten von wissentlich falschen Informationen unternehmen“ soll. Helfe da etwa „Fact-Checking – also Journalistenbüros, die die Wahrhaftigkeit von Informationen ständig überprüfen?“ Im Gegensatz zu den meisten anderen Zeitungen und Sendern verzichtet der Sankt-Paulus-Verlag auf regelmäßige Horoskoprubriken. Nicht etwa, weil er sich entschieden von jeder Form von Aberglaube distanzierte, sondern weil das Bistumsunternehmen seinen eigenen ­römisch-katholischen Okkultismus anbietet, statt der astrologischen Vorhersage die augustinische Vorherbestimmung oder zumindest die göttliche Vorsehung und dabei weder unbefleckte Empfängnis, noch Transsubstantiation oder Wiederauferstehung einem Fact-Checking unterzieht.

Trotzdem befallen das Luxemburger Wort manchmal Zweifel. In seiner Ausgabe vom 4. Februar 2017 fragte es sich unter Berufung auf das französische Schwesterblatt La Croix: „Peut-on être chrétien et croire à l’astrologie?“ So erfahren wir, dass das Alte Testament noch Spurenelemente divinatorischer Praktiken enthalte, doch der Katechismus verurteile Horoskope und Astrologie, weil sie die heidnische Idee des Schicksals ausdrückten. Thomas von Aquin habe das mit den Horoskopen zwar nicht so eng gesehen, doch „les chrétiens se gardent généralement de lire les rubriques astrologiques“, sie begäben sich stattdessen vertrauensvoll in die Hände der göttlichen Vorsehung.

Romain Hilgert
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