Die kleine Zeitzeugin

Sich flexibel fürchten

d'Lëtzebuerger Land du 03.05.2019

Einst blühten Kirchhofrosen auf den Wangen eines armen, siechen Mädchens, Gevatter Tod lungerte schon herum. Da, so stand es geschrieben in meinem in sg. alter Schrift verfassten Kinderbuch, erschien in Gestalt der getreuen Kuh Rosa ein Schutzengel. Die gute Kuh spendete Lebenssaft, Lebenskraft, ein großer Napf Milch wurde dem armen Mägdelein ans Sterbebett gebracht. Und siehe, die Kirchhofrosen verdufteten und bald schon hatte die Maid leuchtend rote Apfelbäckchen.

Die gute Milch: Um groß und stark zu werden, führte Menschenkind sich ein großes Glas derselben zu, auf ex. Am besten lauwarm von heiliger Mutterkuh. Was Kälbchen gut tat, bekam Jungfer, Jüngling, hehrer Greisin, stattlichem Mannsbild, die Nachkriegskinder wurden damit aufgepäppelt. Milch war noch nicht die Sündenziege aller möglichen zivilisierten Krankheiten. Sie war ein Zaubertrunk, wie der bei Obelix. Ein Highlight im Schulalltag des geknechteten Schulkinds war der Auftritt des Schulwarts mit der Kiste voller voller Milchflaschen, die Hälfte davon, der Hit, war gar aus Schokolade. Später ging es weiter mit cool so genannten Milk Bars, im WALTER auf dem Boulevard Royal, den die Coolen von der Schule frequentierten, gab es exzellente Milk Shakes. Ganz ohne Warnhinweise und Allergentabellen. Gut, wir waren noch nicht milchschnittengemästet, und vielleicht hielten wir deshalb durch, und vielleicht haben wir ja jetzt, was wir haben, deswegen.

Schaudernd wenden wir uns jetzt ab, Milch geht gar nicht, alles was älter ist als zwei soll sich von diesem regressionsbehafteten Trunk abwenden. Und während Wikipedia, wo wir erfahren, dass Mäusemilch nicht industriell hergestellt wird, noch vorwiegend Positives über den dort zwar betrüblich als trübe Emulsion Bezeichneten auflistet, droht die Vegan- Seite mit dem Tod.

Wüstenbewohner_innen kommen allerdings mehr und mehr auf den Geschmack, in einer saudischen Turbo-Produktionsanlage stehen mehr als 50 000 Hochleistungskühe. Auch die Chines_innen gelüstet es zunehmend, was sie mit bald schon westlichen Blutwerten bezahlen. Ihre Gene werden gar ganz konfus. Die unter uns, die steinalt werden, aber dabei behände von Gräslein zu Kulturgut hüpfen wollen, gießen ihren Kaffee zunehmend mit einem Gebräu von der Farbe vergilbter Zähne. Das wir umgangssprachlich euphemisch Milch nennen, so schnell kommt man ja nicht runter. Hafer-, Hanf- und Reis- und Soja- und Kokosmilch zum Beispiel.

Und dann kommt jemand wieder drauf, dass Soja auch nicht so ... Möglicherweise, wahrscheinlich, auch schuld. An dem und dem und dem, mindestens. Die armen, kleinen Spermien sterben aus, beispielsweise. Palmöl ist ebenfalls nicht das Gelbe vom Ei. Aber dafür ist das Gelbe vom Ei mittlerweile wieder das Gelbe vom Ei. Das Ei wird rehabilitiert, das Fett auch, und die mageren Zeiten bekommen ihr Fett ab. Natürlich geht es nicht nur ums Essen, es geht um alles, es geht jetzt immer um alles. Ums Ganze und Globale. Wir können uns nicht mehr zurückziehen und uns was reinziehen oder uns auch nur raushalten.

Also bitte keine Papiertüten! Papier ist das neue Plastik, unser Freund, der Baum, ist alles andere als begeistert, die Öko-Bilanz der Papiertüte ist verheerend.

Mensch muss also flexibel bleiben, er kann sich nicht mal mehr eine gute stabile Angst züchten, eine lebenslänglich treue. Er muss dauernd umsteigen, life-long angst learning. Öfter mal was Neues! Die alte ist nicht mehr gut genug, taugt nicht mehr als Angst, natürlich ist ein neuer Angst-Hype am Markt. Masern ist das neue Ebola. Öfter mal was Altes!

Schon wird er wieder verdrossen, kippt seinen Milchkübel runter und wiederkäut an alten Ressentiments. Alles egal was. Die Milchseen müssen aufgeschlabbert werden, die Milchprodukte verstoffwechselt, der Kapitalkreislauf der Milchstraße soll funktionieren, das ist es wohl. Und die mit dem Soja sind nicht besser. Und die, die uns Wind oder Zauberautos aus der Steckdose verkaufen, auch nicht.

Zeit, sich eine gute alte Kippe anzuzünden. Hat sicher auch noch jede Menge innerer Werte, noch unentdeckter.

Michèle Thoma
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