Gemeinden haben die Kinderbetreuung entdeckt. Die Kosten sind vor allem für kleinere Landgemeinden schwer zu schultern

Aus klein wird groß

d'Lëtzebuerger Land vom 29.09.2017

Keine Wahlplakatreihe ohne sie: Glückliche Kinder mit Vati und Mutti, und auch die Großeltern dürfen nicht fehlen. Kein Programm, das heutzutage ohne ein Kinder-Kapitel auskommt. Bei der DP in Luxemburg-Stadt zählt die Kinderbetreuung zu den „Top-Prioritäten“, ebenso bei der LSAP in Düdelingen, Déi Gréng in Kayl-Tetingen oder der CSV in Ettelbrück-Warken, Déi Lénk in Differdingen will gar eine Kinderstadt bauen. „Wir kümmern uns um ihre Kinder“, das ist die Botschaft von rechts bis links.

„Kinderbetreuung ist aus dem Aufgabenheft der Gemeinden nicht mehr wegzudenken“, bestätigt Emile Eicher, Präsident des Gemeindesyndikats Syvicol. Schließlich würden „immer öfter“ Mann und Frau arbeiten. Dafür seien Betreuungsstrukturen „Voraussetzung“. Eigentlich sind Gemeinden gesetzlich gar nicht verpflichtet, Kinderkrippe und -hort für ihre Bewohner anzubieten. Doch inzwischen gehören öffentlich subventionierte Kindergärten zum Allgemeingut. „Die Nachfrage ist groß und die Entwicklung so rasant, das kann keine Gemeinde ignorieren“, sagt Eicher. Selbst die kleinste Gemeinde Luxemburgs, Saeul im Kanton Redingen, hat eine Maison relais. 1,4 Millionen Euro kostete der Bau, der kürzlich mit Pomp und Foto in der Lokalpresse eingeweiht wurde und für den bis zu 88 Kinder zugelassen ist. Zunächst sollte sie gemeinsam mit der Nachbargemeinde Böwingen-Attert gebaut werden, aber die Gemeindeführung von Saeul wollte nicht mitzuziehen. Heute ist man in dem 780-Einwohner-Dorf stolz darauf, einen eigenen Hort zu haben.

Dass die 13 Gemeindemütter und 92 -väter Kinderbetreuung oben auf ihre To-Do-Liste setzen, war nicht immer so. Ausgelöst wurde der Bauboom, der bis heute anhält, mit dem Reglement zur Maison relais von 2005 und der Einführung der Chèques-service 2008 und der damit verbundenen Aussicht auf Subventionen. Von 2009 bis 2016 schnellten die Hortplätze in den Gemeinden von rund 23 000 auf 49 850 nach oben. Und es ist kein Ende abzusehen. Nach einer ersten Phase, in der die Politik darauf drängte, rasch Infrastrukturen zu bauen, und Pädagogik nachrangig war, hat mit dem Gesetz zur Qualitätsverbesserung 2016 eine zweite Phase begonnen. Der Personalschlüssel wurde verbessert, die Träger sind angehalten, ihr Personal regelmäßig weiter zu schulen, der Staat soll öfters kontrollieren.

Das kostet. Zwischen 2009 und 2017 stiegen die staatlichen Ausgaben für Kinderbetreuung um sagenhafte 281 Prozent, von rund 87 auf 330,6 Millionen Euro. Der Staat übernimmt die Hälfte der Kosten für den Bau einer Krippe sowie 75 Prozent der Betriebskosten, doch die verschärften Auflagen belasten auch die Gemeindekassen, zumal die kleinen. Viele Gemeinden haben ihre Infrastrukturen vor wenigen Jahren gebaut, die jetzt teilweise nicht mehr regelkonform sind, weil der Spielplatz zu klein ist oder der Schlafraum nicht groß genug. In seinem Gutachten zum Gesetz warnte der Syvicol vor den Belastungen, die den Gemeinden durch die Qualitätsoffensive blühten: Mehr Platz zum Spielen ist super für die Kleinen, bedeutet aber höhere Kosten und längere Wartezeiten für die Großen. Selbst finanzstarke Gemeinden wie Luxemburg kommen wegen des Bevölkerungswachstums kaum nach mit dem Bauen (S. 2–3).

In Esch-Alzette wurden seit 2002 zwölf Maisons relais gebaut, in jedem Ortssteil eine. Und trotzdem gibt es Wartelisten. Bis 2019 sollen noch einmal 560 Hortplätze entstehen. In der Nordgemeinde Clerf, wo Syvicol-Präsident Eicher bislang den Bürgermeister stellt, verdoppelte sich die Zahl der zu betreuenden Kinder binnen drei Jahren von 120 auf 260. Dort müssen Eltern auf private Angebote oder Tageseltern ausweichen, bis die geplante Struktur fertig ist. Junglinster muss ausbauen, ebenso Frisingen, Kehlen und Simmern, die ab 2018 mit Nommern zur Gemeinde Habscht fusionieren soll. In Lorentzweiler oder Rambruch, einer aus 13 Dörfern bestehenden Landgemeinde, deren Bevölkerung sich zwischen 2011 und 2017 von 3 898 auf 4 200 erhöhte, wurden die Betreuungsstrukturen mehrfach ausgebaut. Mit den 20 Gratisstunden sprachliche Frühförderung nimmt der Druck auf die Gemeinden weiter zu, auch wenn es hierzulande keinen gesetzlichen Anspruch auf einen Kindergartenplatz wie in Deutschland gibt. Doch die Erwartungshaltung vieler Eltern sei „nunmal da“, sagt Eicher.

Nicht jede Gemeinde hat so weitsichtig gedacht wie etwa Lorentzweiler und vorsorglich um bestehende Infrastrukturen Land gekauft, um bei Bedarf ausbauen zu können. Viele Gemeinden haben jahrelang kaum professionell Landesplanung betrieben, das rächt sich. Andere versuchen, mit integrierten Projekten Flächenverbrauch und Kosten einzugrenzen. In Belval wurde kürzlich der Grundstein für einen 23 150-Quadratmeter-Schulcampus gelegt. Rund 54 Millionen Euro sollen Maison relais, Grund-, Sonderschule und Sporthalle kosten. Leudelingen baut eine Schule mit integriertem Hort, ebenso Düdelingen, in Clerf ist sie in Planung, Echternach plant zwei „Bildungshäuser“. Um Fehler der Vergangenheit und Konflikte zwischen Erzieher und Lehrpersonal zu vermeiden, ziehen Gemeinden ausländische Berater zu Rate – die mit weiteren Kosten zu Buche schlagen. Andere versuchen mit Fusionen oder dorfgrenzenüberschreitenden ProjektenBaukosten zu drücken: So wollen Simmern und Hobscheid zusammen eine Maison relais planen. Wormeldingen und Flaxweiler teilen sich die Betreuungsstrukturen im Rahmen des Schulsyndikats.

Was in Wahlbroschüren glänzt und von Politikern leichtherzig versprochen wird, ist in Wirklichkeit eine imemr schwieriger zu stemmende Herkulesaufgabe, zumal viele Gemeinden händeringend Personal suchen und kaum noch finden, um die geforderte Qualität anbieten zu können. Offene Erzieherstellen füllen in Tageszeitungen oft mehrere Seiten. Die erweiterte verpflichtende Weiterbildung wird vom Träger übernommen (wenn einer da ist, für Tageseltern gilt das nicht, siehe Kasten). Doch für diese Arbeitszeiten muss Ersatz gefunden werden, ebenso für Mutterschafts- und Erziehungsurlaub oder für Krankenzeiten. Ersatz, der zunehmend schwieriger aufzutreiben ist. Zumal in Regionen wie dem Norden, erzieherische Personal inzwischen gebeten ist, auch noch die Löcher in den Grundschulen zu stopfen. „Die Rechnung kann nicht aufgehen“, sagt Eicher skeptisch. Das Erziehungsministerium will mit berufsbegleitenden Kursen Anreize bieten, dass sich Personal schneller fortbildet und rascher zur Verfügung steht. Wegen der Riesennachfrage kann gut geschultes Personal sich seinen Arbeitgeber weitgehend aussuchen. Das hat zur Folge, dass Vertretungen oder Posten, die stundenweise etwa zur Essensausgabe oder frühmorgens benötigt werden, immer schwieriger zu besetzen sind.

Auf der Strecke könnten kleinere private Betreiber bleiben, für die sich der Wettbewerb mit den Konventionierten zuspitzt, ohne die der Bedarf insbesondere bei den Kleinkindern aber nicht zu decken ist: Die Privaten sichern fast ein Fünftel des Gesamtbedarfs an Betreuungsplätzen ab. Die Zuwachsraten bei den Privaten belief sich 2016 auf rund elf Prozent, im konventionierten Bereich waren es 2,3 Prozent. Mit der Angleichung der Tarife für die Dienstleistungsschecks auf einheitliche sechs Euro bleibt der ungleiche Wettbewerb: Die Privaten bezahlen alle Investitionen selbst, dürfen aber im Regime Chèques service diese Kosten nicht über höhere Elternbeiträge umlegen. „Für den Preis finden sie aber kaum noch Erzieher“, sagt Maria Castrovinci, Kindergärtnerin und Präsidentin von Felsea, dem Dachverband der privaten Betreiber. Weil der Gesetzgeber die Qualitätsanforderungen rückwirkend gelten lassen wollte, drohte ihr Verband im ungewöhnlichen Schulterschluss mit dem Syvicol gar, vor Gericht zu ziehen. Im Moment verhandeln Träger und Staat darüber, wie die Anforderungen umzusetzen sind. Um ihre Verhandlungsposition zu verbessern, hat die Felsea eine unveröffentlichte Folgenabschätzungsstudie bei Pricewaterhouse-Coopers in Auftrag gegeben. Die Privaten wollen Eltern stärker zur Kasse bitten.

Schließlich sind da noch die Sprachförderung – und der Tarifabschluss für Erzieher im konventionierten Sektor, der die Lohnentwicklung bei den Privaten indirekt beeinflusst: „Wir haben Erzieher, die verlangen als Einstiegsgehalt 4 000 bis 5 000 Euro brutto. Das können wir nicht bezahlen“, sagt Castrovinci. Die Folge: (Luxemburgischsprachige) Erzieher und zunehmend auch Erziehungshelferinnen (Auxiliaire de vie) wandern, wenn sie es nicht eh getan haben, zu den besser zahlenden konventionierten Trägern ab. Das wiederum droht genau die sprachliche Segrega-
tion zu verstärken, die Erziehungsminister Claude Meisch (DP) eigentlich bekämpfen will. Die größte Oppositionspartei sieht die sprachliche Gratis-Frühförderung äußerst skeptisch, auf nationaler Ebene. In den Gemeinden zieht die CSV beim Betreuungsausbau ungebremst mit. Die CSV-Familienpolitikerin und frühere Bürgermeisterin von Junglinster, Françoise Hetto-Gaasch, macht sich keine Illusionen: „Einmal geschaffene Ansprüche lassen sich schlecht zurückdrehen.“

Zukunftsängste

Unter den Tageseltern rumort es kräftig. Die neuen Qualitätsanforderungen im Bereich der Kinderbetreuung setzen ihnen besonders zu. Pädagogisches KonzeptTätigkeitsberichteWeiterbildungenalles das bezahlen sie aus eigener Tasche. Damit nicht genug: Die Summendie sie über den Chèques-service für ihre Leistungen bekommendecken ihre Kosten kaum. Zwar hat die DP-LSAP-Grüne-Regierung die Tarife nun heraufgesetzt: von 350 maximalem Tagessatz auf 375 Euro pro Stunde und Kind. 425 Euroalso 50 Cent mehrlegt der Staat als Nachttarif beiwenn die Kinder vor sieben Uhr morgens und nach sieben Uhr abends bei einer Tagesmutter unterkommt. So sollen Elterndie im Schichtdienst arbeitenauf Betreuungsdienste zurückgreifen können. Für eine Mahlzeit steuert der Staat künftig 450 Euro bei.

„Das ist lächerlich und eine Frechheit“findet Françoise Hetto-Gaaschfamilienpolitische Sprecherin der CSV. Langfristig könnten die Tageseltern die im Vergleich zu den Einrichtungen niedrigeren Tarife nicht schulternist sie überzeugt. Dabei seien Tageseltern eine „reelle Alternative“ zu Krippen und Kindergärtenweil sich „nicht jedes Kind in großen Gruppen“ wohlfühle und Tageseltern „eine familiäre Atmosphäre bieten“. Gerade für eine gesunde Entwicklung von Kleinkindern von Null bis drei Jahren sei eine „kontinuierliche Bezugspersonzu der das Kind eine Beziehung aufbauen kann“ unabdingbar. Hetto-Gaasch ist gegen die 20 Gratisstunden für die sprachliche Frühförderung und befürwortet stattdessen eine flächendeckende Kinderversorgung ab dem dritten Lebensjahr. Allerdings wurden die Maisons relais und auch die Dienstleistungsschecksdie den Run auf die außerfamiliäre Betreuung ausgelöst habenvon ihrer Parteikolleginder damaligen Familienministerin Marie-Josée Jacobseingeführt.

Hetto-Gaasch steht in Kontakt mit dem Dachverband der TageselternDageselteren Network. Deren Sprecherin Stella Falkenberg klagte bereits vor einem JahrTageseltern würden als „Lückenbüßerinnen“ missbraucht: „Überall dawo die Einrichtungen die von Eltern gewünschte Flexibilität nicht erbringensollen wir einspringen. Aber zu einem unrealistisch niedrigen Preis.“ Von den 699 (2016) staatlich anerkannten Tageseltern rechnen fast alle über Dienstleistungsschecks ab. Ihr Verband fordert denselben Tageshöchstsatzwie er für private und staatlich subventionierte Betreuungseinrichtungen giltalso sechs Euro pro Stunde und Kind. Das Ministerium lehnt dies ab mit der Begründungviele Tageseltern seienaußer eines 120-Stunden-Kursesnicht ausgebildet. Das sprachliche Förderprogramm dürfen Tageseltern nicht als Dienstleistung anbietenselbst wenn sie nachweislich die Anforderungen erfüllen.

Gleichwohl gilt beispielsweise die Verpflichtung zu mehr Weiterbildung auch für sie. Doch selbst wenn sie hoch qualifiziert sindweil sie etwa zur Erzieherin ausgebildet sindkönnen sie dies nur insoweit geltend machenwie die Eltern bereit sinddafür einen höheren Preis zu bezahlen. Insbesondere im Süden aber machen sich Tageseltern mit Dumpingpreisen zum Teil selbst Konkurrenz. Die Konsequenz istdass Tageseltern es sich zweimal überlegenob es sich für sie lohntdie Tätigkeit weiter auszuüben. 2016 stieg die Zahl neu zugelassener Tageseltern um dreifrüher waren es zwischen 70 und 80 pro Jahr. 2016 stellten Tageseltern insgesamt 3 247 Betreuungsplätze (2015 : 3278)erstmalig sinkt damit ihre Zahl. ik

Ines Kurschat
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