Fußball-Weltmeisterschaft 2018

Favoritensterben

d'Lëtzebuerger Land vom 06.07.2018

Der amtierende Weltmeister Deutschland scheidet bereits in der Gruppenphase aus dem Turnier aus. Vizeweltmeister Argentinien unterliegt ebenso wie der Mitfavorit Spanien nach bescheidenen Leistungen im Achtelfinale. Der Drittplatzierte der WM in Brasilien 2014, die Niederlande, ist bereits in der Qualifikation gescheitert. Mit Italien fehlt ein Stammgast an der diesjährigen Endrunde. Erstmals seit 1958 findet eine WM ohne die Squadra Azzurra statt. Beobachten wir gerade eine Wachablösung im Weltfußball?

Obwohl die deutsche Nationalmannschaft bereits in den ersten beiden Gruppenspielen ungewohnte Schwächen zeigte, sind die meisten Beobachter nach dem glücklichen Sieg gegen Schweden von einem Weiterkommen der Mannschaft ausgegangen. Doch offensichtlich waren die zwischenmenschlichen Konflikte innerhalb des Kaders größer, als dessen unbestrittene Qualität. So kommt es an dieser Weltmeisterschaft zu einer Premiere: Erstmals verpasst ein deutsches Team den Einzug in die KO-Runde. Der Nationalmannschaft steht nun ein Umbruch bevor, allerdings wird sie bei der nächsten Europameisterschaft voraussichtlich wieder zu den Favoriten gehören. Weil die Deutschen über ein riesiges Spielerreservoir verfügen und der deutsche Fußball strukturell exzellent aufgestellt ist.

In Italien sieht die Sachlage etwas anders aus. Die professionellen Vereine haben – abgesehen von den großen Teams aus Mailand, Neapel, Rom und Turin – geringe finanzielle Mittel und werden teilweise von Mäzenen geleitet, deren despotischer Führungsstil nicht dem modernen Sportmanagement entspricht. Vor allem verfügen die Klubs aber über eine mangelhafte Infrastruktur, wie zum Beispiel marode Stadien.

Die italienische Fankultur war legendär. Nach Jahrzehnten der Gewalt, in denen es immer wieder zu Todesfällen kam, leidet die Serie A jedoch an rückläufigen Besucherzahlen. Allerdings hat sich der italienische Fußball bislang oft als krisenresistent erwiesen. Nach dem Calciopoli, wie der 2006 publik gewordene Manipulationsskandal genannt wird, wurde die Squadra Azzurra überraschend Weltmeister. Das Land ist trotz seiner erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Probleme immer noch fußballbegeistert. Es ist schwer vorstellbar, dass man sich an Weltmeisterschaften ohne italienische Beteiligung gewöhnen muss.

Im Gegensatz zu Italien ist der niederländische Fußball strukturell äußerst gut aufgestellt. Wie sonst hätte ein Land von kleiner bis mittlerer Größe über Jahrzehnte den Weltfußball prägen können? Allerdings ist die Elftal nach der Europameisterschaft 2016 auch dieses Jahr wieder in der Qualifikation gescheitert. In einer Gruppe mit Frankreich, Schweden und nicht zuletzt auch Luxemburg mussten die Niederländer sich den favorisierten Franzosen und denkbar knapp auch den Schweden geschlagen geben.

So tritt wieder einmal eine goldene Generation niederländischer Fußballer ohne Titelgewinn in den Ruhestand ein. Das Team um die Ausnahmespieler Nigel de Jong und Wesley Snijder, die beide in der renommierten Fußballschule von Ajax Amsterdam ausgebildet wurden, konnte mit einem zweiten und einem dritten Platz an der WM 2010 respektive 2014 sportliche Erfolge feiern. Die tragische Niederlage ist jedoch ein konstitutives Element der Geschichte der Elftal. Die legendäre Mannschaft um Johan Cruyff und Johan Neeskens, die in den 1970-er Jahren zur absoluten Weltspitze gehörte und zwei konsekutive WM-Finalspiele verloren hatte, blieb ebenso ohne Titel wie das hochkarätig besetzte Team der 1990-er Jahre mit Edwin van der Saar, Edgar Davids und Patrick Kluivert. Die Generation von Marco van Basten, Ruud Gullit und Frank Rijkaard ist die einzige niederländische Nationalmannschaft, die mit dem Gewinn der Europameisterschaft 1988 einen Titel holte.

Die Niederlande konnten in den letzten 50 Jahren in jedem Jahrzehnt eine Mannschaft stellen, die sich auf Augenhöhe mit den Teams der großen Nationen wie Deutschland, Italien oder Brasilien befand. So galt der niederländische Fußball mit dem unter Trainer Rinus Michels in den 1970-er Jahren eingeführten Spielsystem Voetbal Totaal lange Zeit als stilbildend. Auf seinen Einfluss werden beispielsweise auch die Erfolge der spanischen Nationalmannschaft zwischen 2008 und 2012 zurückgeführt. Doch scheint es nun, als hätten die Niederlande ihren eigenen Stil verloren. Bereits an der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien bemerkten Experten mit Erstaunen, dass die deutsche Mannschaft „holländischer“ spiele als die Elftal.

Ein Grund liegt sicherlich auch im internationalen Fußballgeschäft, in dem die Spieler bereits in jungen Jahren von den ganz großen Vereinen abgeworben werden. Der Erfolg der niederländischen Teams war immer ein Stück weit durch eine gemeinsame Spielidee begründet, welche den Spielern in den Jugendakademien von Ajax, PSV Eindhoven und Feyenoord Rotterdam vermittelt wurde und die sie später in der ersten Mannschaft dieser Vereine perfektionierten. Es ist auch kein Zufall, dass seit Jahren kein niederländischer Verein mehr einen internationalen Titel gewinnen konnte. So bleibt abzuwarten, ob die Elftal in den nächsten Jahren wieder eine goldene Generation hervorbringen wird.

Charles Wey
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