Volkszählung in Deutschland

Huch, wir sind gar nicht so viele

d'Lëtzebuerger Land du 07.06.2013

Die Deutschen haben sich selbst gezählt. Am 9. Mai 2011 fand, nach 24 erhebungsfreien Jahren, wieder eine richtige, von langer Hand geplante Volkszählung statt. Letzte Woche wurde in Berlin das Ergebnis vorgestellt: Roderich Egeler, Präsident des Statistischen Bundesamtes, musste bekannt geben, dass die Bundesrepublik zum Stichdatum 1 500 000 Einwohner weniger zählte als angenommen. Frau Merkel vertritt demnach nicht 81,7 Millionen Menschen, sondern „nur” 80,2 Millionen.

Der deutsche Zensus 2011 fußt zum einen auf bestehende Datensätze, etwa Angaben der Einwohnermeldeämter oder von der Bundesagentur für Arbeit. Zum anderen auf eine klassische Befragung vor Ort, die etwa 10 Prozent der Bundesbürger betraf. Dass doch ziemlich große Minus betreffend die amtliche Einwohnerzahl hat unterschiedliche Ursachen. Da ist zuerst einmal der Grundsatz, dass „offiziell“ nicht immer gleichzusetzen ist mit „richtig“ oder „genau“. Das gilt leider ganz besonders für Einwohnermelderegister, die darunter leiden, dass Wegziehende sich nicht immer ab- und Neuankömmlinge sich nicht immer (sofort) anmelden. Da kann es dann schon mal passieren, so auch in Deutschland, dass eine Stadt einige Prozent Einwohner hat, die sie noch gar nicht kennt, oder dass sie sich mit Bewohnern schmückt, die nicht mehr ansässig oder sogar nicht mehr am Leben sind. Stichwort Karteileichen.

Dazu kommen Fehler bei der Fortschreibung. Basis bleibt immer die vorherige Zählung, in Deutschland war die natürlich schon ein bisschen in die Jahre gekommen. Schließlich besitzt jedes Bundesland sein eigenes Statistisches Amt – der Föderalismus lässt grüßen –, ein Umstand der bei der Summierung ein weiterer Ungenauigkeitsfaktor sein kann. Rheinland-Pfalz verzeichnet übrigens dank seines zentralen und gut geführten Einwohnermelderegisters die geringste prozentuale Abweichung im Vergleich zur Bevölkerungsfortschreibung.

Das Einwohnerminus von 1,5 Millionen ist im übrigen zu über 70 Prozent der Ausländerbevölkerung geschuldet: Die Bundesrepublik zählte im Mai 2011 mehr als eine Million Ausländer weniger als gedacht – Thilo Sarrazin wird’s freuen. Noch ein Blick auf unsere direkten Nachbarn: Laut Volkszählung zählt Rheinland-Pfalz nicht einmal mehr 3 990 000 Einwohner; 2004 waren es noch über 4 060 000. Noch größer wird die Enttäuschung im Saarland gewesen sein. Mit 999 623 Einwohnern ist die Eine-Million-Grenze unterschritten, etwas früher als vorhergesagt. Für immer?

Wir sollten die Ergebnisse der deutschen Zählung mit Interesse, aber nicht mit Häme zur Kenntnis nehmen. Luxemburg kannte lange Jahre ähnliche Probleme mit seinen Bevölkerungsdaten. Wer erinnert sich nicht an eine Episode aus dem Jahr 1991, als Esch/Alzette 27 000 Einwohner für sich in Anspruch nehmen wollte, der damalige Statec-Direktor jedoch auf „nur“ 24 018 Einwohner bestehen musste, mit dem amüsanten Hinweis, er habe selbst nachgezählt. Zehn Jahre später zählte das Statistische Amt 76 700 Stadt-Luxemburger, derweil das städtische Bevölkerungsbüro bereits an der 83 000er Marke kratzte. Dann war dann noch diese Sommernacht im Juli 2007, während der unsere Gesamtbevölkerung einen Sprung um sage und schreibe 11 800 Einwohner nach vorne machte. Aus der (geschätzen) Einwohnerzahl von 464 400 Personen vom 1. Januar 2007 wurden 476 200 Personen, eine Anhebung um gut 2,5 Prozent. Als ob in Deutschland nicht 80,2 Millionen Einwohner, sondern gut 82,2 Millionen leben würden.

Claude Gengler
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