Von drüben gibt es jetzt Zuzug

Bratislava

d'Lëtzebuerger Land vom 23.09.2016

Es muss wohl China sein. Nach einer einstündigen, eher beruhigenden Reise durch eine Kartoffelacker-ebene finde ich mich in einem Bahnhof wieder, in dem ich nur Bahnhof verstehe. Zwar identifiziere ich die Buchstaben, die ich vorfinde, kann aber mit deren Konstellationen überhaupt nichts anfangen. Sämtliche Kommunikationsversuche scheitern an den fahlfarbenen Menschen, die mich hinter Glas hartnäckig nicht anschauen, sie sind offensichtlich vom Kommunikationsvirus noch nicht befallen.

Auf der Straße kommt es zu spektakulären pantomimischen Darbietungen, kein Mensch scheint irgend etwas zu verstehen, das in der Welt, aus der ich gerade komme, geläufig ist oder zumindest in Spurenelementen vorhanden. Diese Welt ist Luftlinie gerade mal 50 Kilometer entfernt. Sie heißt Wien, oder Westen. Ich bin im Osten. Zmrzlina steht auf der Eisbude, das Wort zergeht auf der Zunge.

Gerade erbeuten Tourist_innen Mauersouvenirbrocken. Noch ist der Osten ein richtiger Osten, wie es sich gehört, wie er den Westlern in ihrer Fantasie gehört: grau, schäbig, scheppernd, poetisch pissefarben. Höllisch quietschende Straßenbahnen aus Himmelblau und Rost. Miniaturtaxis, in die die Wilder-Osten-Reisende souverän ein und aussteigt, Menüs aus Knödel- und Krautschlaraffenland. Oder auch nur knoblauchgetränkte Fettfladen, Hektoliter Kava, kostet nichts, kostet nichts. Quasi. Und dazu lässig wie Scheichs Geldscheine zücken, die in den Händen zerfallen.

Aber leider bleibt der Rostblock nicht ewig der romantische Rostblock, in dem Frau von Drüben sich ihre wohlfeilen Rostschocks holt. Mit den spannenden Grenzritualen verschwindet die Depri-Deko. Es gibt immer mehr Galerien und Museen, eine immer authentischer werdende Altstadt mit der gerade richtigen Dosis an Pastellfarben. Armenisches Hähnchen kann man jetzt bestellen, aber auch Halusky, meine Leibspeise. Brimsennockerln. Was auch immer das heißen mag, es schmeckt großartig. Und Souvenirs, man kann wirklich geschmackvolle Souvenirs erstehen, nicht mal aus China. Das Bier ist auch gut.

In einem Gestapokeller wird Kunst gezeigt, Wächterinnen, die man bald im Museum des Surrealistischen Sozialismus wird bestaunen können, frieren in Pantoffeln. Ostfetischistinnen müssen ihre Exkursionen ausdehnen, immer weiter, in die Randbezirke mit den Plattenbauten, in denen Roma siedeln, aber auch die beigen Jogginghosenaborigenees.

Das Ethno-Angebot ist beschränkt, es gibt kaum abwechslungsreiche Hautfarben, die meisten haben die gleiche, nämlich keine. Sie fahren mit einer Bevölkerung Bus, die noch fertiger dreinschaut als die im fernen Wien, und das will was heißen. Von drüben gibt es Zuzug, es hat sich herum gesprochen, dass man hier gut feiern kann, alles geht, gratis, quasi. Die Neuen treiben die Immobilienpreise in die Höhe. Bald wird das umgekehrte Phänomen einsetzen, im österreichischen Grenzland siedeln sich slowakische Familien an. Busse und Bahn karren Slowakinnen nach Wien, sie sind sehr gefragt, rund um die Uhr halten sie Händchen mit betagten Menschen, sie wischen ihnen auch den Hintern ab. In dem Land nebenan, so erzählen sie, gibt es nicht viel zu tun. Nur wenige Branchen boomen, viele jobben als Nutten oder als Dealer.

Wien ist gar nicht mehr fern. Benötigte die Elektrische in der Kaiserzeit noch über zwei Stunden bis nach Pressburg, so steigt man jetzt nach einem Stündchen aus Billigbus, Bahn oder dem Twin City Liner, der durch die sanfte Flusslandschaft der Donauauen düst. Aber trotz Halusky sind die Wiener_innen nicht so neugierig auf das, was hinter dem Rostigen Vorhang mal verborgen war, so billig ist es nicht mehr, stellen sie fest. Dabei gibt es in ganz Wien kein Shoppingzentrum, das so elegant und cool ist wie das neue an der Donau, da wo die Schiffe anlegen. Überhaupt empfangen und behandeln die Bratislaven ihre Donau viel besser als die Wiener das tun, sie behandeln sie gebührend. Als die Königin, die sie ist.

Und auf dem großen, hügelgewellten Friedhof kuscheln sich die Gräber aneinander, es ist ziemlich heimelig hier. Ein einsamer Grabstein schaut sehnsüchtig gen Mekka. Zu Allerheiligen belebt der Wind das Lichtermeer über den Hügeln, winzige Lichtnester erblühen, Lagerfeuer.

Michèle Thoma
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