Henry Miller

Mann meines Lebens

d'Lëtzebuerger Land du 24.07.2015

Ich muss es tun, jetzt, wann sonst, es ist immer jetzt. Ich muss mich outen, ich muss ihn outen.

Ich gebe zu, potenzielle Leserinnen dieser Abspaltung, Mann meines Lebens ist eigentlich schon eine Zumutung an sich. Sowas tut frau ja nicht mehr, so was wird, glaube ich, nicht mehr getragen, ertragen. Höchstens nach einer intensiven Alkoholbehandlung kramt frau einen solchen hervor. In heißen Sommernächten zerrt sie ihn aus irgendeiner Schublade, einer verstaubten Herzkammer, aus einem Tschernobyl-Sarkophag. Sorgfältig einbalsamiert. Schaut euch den an! Dann verscharrt sie ihn wieder, teuflisch grinsend, und begießt ihn mit einem tüchtigen Schluck, Prost.

Der Mann meines Lebens ist aber sehr lebendig. Nichts kann ihn umbringen, nicht einmal ich. Er ist immer jung und stark, er ist ein Energieschub, das potenteste Antidepressivum. Auch das präpotenteste, ich geb’s zu.

Er ist ein Riesenarschloch und natürlich himmlisch. Er spuckt Sterne und Scheiße, so großzügig, so großzüngig ist er. Er hält sich für Gott und die Welt, wenn er etwas findet, Taubenkacke, Rotz, Schamhaare, zeigt er es her, mit kindischem Stolz, gleich isst er es auf. Sein Hunger ist gewaltig, er verschlingt Butter, die wie der Zeh eines Leichnams schmeckt, Kalbshoden, Fasane, ganze Universen. Er rotzt oder kotzt alles wieder raus und verwandelt es in Buchstaben, die wir uns zuführen können, wenn wir wieder einen Hunger auf die Welt brauchen.

Sein Name ist - uff, bald ist es raus, ich sag’s jetzt einfach – Henry Miller. Who the fuck. Vielleicht klingelt noch irgendwas bei einer geneigten Leserin oder einem gebeugten Leser, einer oder einem noch nicht ausgestorbenen. Vielleicht noch ein schwacher Alarm. Den liest doch kein Mensch mehr!, eine Bibliothekarin bedenkt mich mit einem mitleidigen Blick. Den führt sie nicht mehr. Im Sortiment. Bin ich keiner?, protestiere ich schwach, meine Sorte ist offensichtlich ausgestorben, bald wird sie verramscht. Henry Miller. So ein alter Perverser, jemand, den man früher schockierend nannte, der Tabus bricht – wie prähistorisch! Ein paar greise Ureinwohner könnten aufzucken, das war doch der ... Henry Miller ..., pff ... Ein paar Feministinnen mit Geschichtsbewusstsein könnten aufzucken, alte Schlacht, gähn, lange geschlagen, irgendwann war er mal ein Feindbild, der Feind ist tot, wer liest noch diese altbackene Pornografie?

Ich. Ich nenne diese Ergüsse, diese großen Flüsse und Lebensadern natürlich anders. Klarerweise wird in diesen Strömen und Überflüssen alles mitgeschwemmt. Mist, Goldstaub, baumlange Schwänze. Jaja, schon gut, ist schon wieder gut, großer Schwanz und so, ich gähne. Wie oft schon habe ich den Mann meines Lebens ins Regal gestellt, angeödet. Aber dann denke ich mütterlich, große Jungs schreiben eben manchmal mit dem Schwanz. Wenn sie eine Welt damit erschreiben, her damit! Dann muss ich mich wieder ernsthaft fragen, ob der Mann meines Lebens vielleicht doch anti-feministisch, anti-semitisch, rassistisch ist. Nicht nur anti-luxemburgisch und anti-amerikanisch.

„Es reicht“, sage ich und klappe ihn zu, „halt deine große Klappe.“ Deine ausgeleierten Mösen, deine jüdischen Gnome hängen mir zum Hals raus. Aber dann geht es mir wie der jüdischen, feministischen Schriftstellerin Erica Jong, die sich vor zwanzig Jahren auf die Seite des Teufels schlug. Diese Lebenslust!

Bei der hymnischen Anrufung der Hure Germaine schmelze ich dahin. Ihre Goldzähne, ihre schief getreten Absätze ..., welch eine Liebeserklärung!

Ich habe es natürlich gut, ich nehme ihn mit ins Bett, wenn es mir passt. Ich sage Arschloch, wenn es mir passt. Wenn ich Lust auf ihn hab, alle paar Jahre, aber dann sehr, mache ich Nächte durch mit ihm, Tage auch. Ich lese meistens das gleiche Buch.

„Ich wohne in der Villa Borghese.“ Dieser Satz löst einen Schauer aus. So wie der große, erste Satz der Genesis. Der Wendekreis des Krebses ist meine Bibel. Im Wendekreis des Krebses dreht sich das Universum, um mich, um ihn, mit seinen Bandwürmern, Bandscheiben, Banditen, mit allem Drum Dran Drin. Ich bin der Bücherwurm, der sich darin mästet.

Das ist der Atem des Lebens, er riecht faulig nach Gosse, frisch wie ein neugeborener Tag. Schon gut, ich werde pathetisch, sehr.

Aber so ist Liebe eben.

Michèle Thoma
© 2017 d’Lëtzebuerger Land