MeS, Kathrin: ... als fiele ein Sonnenschein in meine einsame Zelle

"Heute lebst du noch"

d'Lëtzebuerger Land du 04.12.2008

Am 30. Juni 1943 kommt die 22-jährige Kommunistin Yvonne Useldinger, geborene Hostert, nach einer mehrmonatigen Haft im Trierer Landgerichtsgefängnis ins Frauen-KZ Ravensbrück. Im Dezember 1944 zieht sie mit anderen Häftlingen, die in den Produk­tionshallen von Siemens als billige Arbeitskräfte herhalten müssen, in einen eigens für die Siemensarbeiter errichteten Block. Mit diesem Umzug beginnen ihre Aufzeichnungen in dem Tagebuch, das sie bis zur Auflösung des Lagers im April 1945 führen wird: „3 XII 44. Umzug nach S. L. 2a“. Die Zeit ist knapp, das Festhalten privater Aufzeichnungen lebensgefährlich. Im KZ ist kein Raum für Träumereien und ausgedehnte Reflexionen; die Schreiberin muss sich kurz fassen. In diesem Tagebuch ist kein Satz zuviel.

Yvonne Useldinger entwickelt früh ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein. Ihr Vater, der nach jahrelangem politischem Engagement für die Linke 1934 in die Kommunistische Partei eintreten wird, versammelt die Familie nach Hitlers Machtübernahme zu einem „Rundtischgespräch“. Er macht den Kindern klar, dass es in absehba­rer Zeit zum Krieg kommen wird.

Nachdem sie zunächst nur Flugblätter ausgeteilt hat, wird Yvonne Hostert 1936 Mitglied der Sozialistischen Jugend, zu deren Vorstand sie bald danach gehört. Bei einer Kundgebung gegen das Maulkorbgesetz, wo sie selbst eine Rede hält, lernt sie den späteren Abgeordneten und Bürgermeister von Esch, Arthur Useldinger, kennen, den sie 1940 heiratet. Nach dem Kriegsausbruch beteiligt sich das Ehepaar an der Organisation illegaler Treffen der KPL; sie leisten Aufklärungsarbeit und verfassen Flugblätter. Arthur Useldinger muss sich verstecken. Im Juli 1942 wird Yvonne Useldinger nach einer Razzia der Gestapo verhaftet und ins Trierer Gefängnis gebracht, wo sie unter schwierigsten Umständen ihre Tochter zur Welt bringt. 1943 kommt sie – ohne ihr Kind – ins KZ. Bei der entwürdigen­den Aufnahmeprozedur müssen die Häftlinge nackt an den SS vorbeidefilieren. „Warum sind Sie denn so ma­ger?“ wird Yvonne Useldinger gefragt. Sie entgegnet lapidar: „In Hitlers Gefängnissen wird man nicht fett.“ 

Beim Lesen des Lagertagebuchs wie auch der „Biografischen Bemerkun­gen“ der Herausgeberin entsteht schnell der Eindruck, dass es gute Gründe gibt, die Aufzeichnungen von Yvonne Useldinger einer gesonder­ten Betrachtung zu unterziehen, wie es Katrin Meß in ihrer Dissertation unternommen hat. Unabhängig davon, dass eine Verallgemeinerung der KZ-Erfahrung den vielen Einzelschicksalen nicht gerecht wird, weswegen sich Katrin Meß zu Recht ge­gen eine zu starke Typologisierung von „Lagerliteratur“ wehrt, beeindruckt und beschämt die Standhaftigkeit der jungen Luxemburgerin, die selbst an­gesichts von Gaskammern und Leichenkarren ihren Widerstand gegen das Naziregime nicht aufgab. Mit anderen politischen Häftlingen bildet Yvonne Useldinger eine Gemeinschaft, die die Insassen mittels Flugblättern über den Fortgang des Krieges informiert, gefährdete Mithäftlinge schützt oder versteckt und die Produktion von Kriegsgerät sabotiert. 

Die Dissertation von Katrin Meß verbindet die Herausgabe des Tagebuchs, das im Original abgedruckt und sowohl transkribiert als auch ausführlich kommentiert ist, mit einer historisch-biographischen Kontextualisierung und dem Versuch einer Kategorisierung mit literaturwissenschaftlichen Mitteln. Die Entscheidung, die politische Situation im Luxemburg der Vorkriegszeit und der Kriegsjahre aus der Sicht des Ehepaars Useldinger zu beschreiben, ist in diesem Zusammenhang sinnvoll und auch aufschlussreich für Leser, die die entsprechenden historischen Vorkenntnisse bereits besitzen. Meß’ Auseinandersetzung mit fachlichen Streitfragen jedoch, etwa, wie angebracht der Terminus der Authentizität als Kriterium zur Bewertung von Augenzeugenberichten ist oder mit welchen strukturellen Kategorien man das Tagebuch charakterisieren kann, werden fachlich nicht interessierten Lesern vermutlich eher langatmig erscheinen.

Die einzelnen Einträge des Tagebuchs werden von der Herausgeberin zwar gewissenhaft aufbereitet, doch lässt die insgesamt stark bio­graphisch ausgerichtete Edition am Ende doch einige kritische Perspektiven vermissen, die vielleicht anregender gewesen wären als das dem deutschen Universitätsstil geschuldete Name-dropping. Erstens geht Katrin Meß kaum auf die Weiterentwicklung des politischen Standpunkts ihrer Autorin nach dem Ende des Krieges ein. Gerade vor dem Hintergrund der KZ-Erfahrung wäre die Frage nicht irrelevant gewesen, warum Yvonne Useldinger angesichts von Stalins Machenschaften nach wie vor am Kommunismus festhielt. Zweitens scheint es verwunderlich, dass der Titel des Buches ausdrücklich die Staatsangehörigkeit von Yvonne Useldinger benennt, während die Problematik der nationalen Identität – besonders im Zusammenhang mit dem sprachlichen Ausdruck – von Meß überhaupt nicht berührt wird. Dass eine luxemburgische Verfolgte in der Sprache ihrer Unterdrücker schreibt, wo ihr doch mindestens zwei Alternativen zur Verfügung gestanden hätten, wäre wohl wenigstens erwähnenswert. 

Drittens schließlich leidet die Herausgabe an einer Schwäche, die Beiträge über Luxemburg im Zweiten Weltkrieg seit Jahrzehnten nicht abhanden kommt. Der sonst sehr ausführliche Kommentar schweigt sich über die Identität einer gewissen „Maggy M.“ beharrlich aus: Die Autorin des Tagebuchs wünsche, dass hier keine näheren Angaben gemacht würden. In einer Fußnote verrät Katrin Meß, dass aus anderen Berichten aus dem Ravensburger KZ hervorgehe, dass „Maggy M.“ sich durch Denunziantentum bei ihren Mitinsassen in Verruf gebracht habe. Es ehrt Yvonne Useldinger, dass sie auch in hohem Alter diese Frau nicht preisgeben und sich damit selbst zur Denunziantin machen wollte. Für die Textedition wird diese moralische Geradlinigkeit jedoch zum Problem. So wichtig die Herausgabe des Tagebuchs von Yvonne Useldinger zweifelsohne ist, sie verweist doch auf ein immer noch bestehendes Ungleichgewicht: Die wissenschaftliche Aufbereitung der Kollaboration in Luxemburg und von Luxemburgern im Zweiten Weltkrieg ist noch lange nicht abgeschlossen.

Kathrin Meß: ... als fiele ein Sonnenschein in meine einsame Zelle. Das Tagebuch der Luxemburgerin Yvonne Useldinger aus dem Frauen-KZ Ravensbrück. Metropol Verlag, Berlin 2008. ISBN 978-3-940938-01-5

Elisabeth Schmit
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