Blogger in Luxemburg: männlich, mitteljung, mitteilungsbedürftig

Kevin allein zuhaus‘

d'Lëtzebuerger Land vom 20.04.2012

Okay, viele sind es nicht. Aber es gibt sie: Blogs aus und über Luxemburg. Und vielleicht sogar ein paar mehr, als mancher gedacht hätte. Ob Reisen, Fotos, Politik oder Berichte aus der Wirtschaft – im Netz tummeln sich mehr und weniger interessante Zwischenrufe, Weblogs oder Netztagebühcer genannt, die aus Luxemburg kommen. Fotoblogs zum Beispiel, in denen junge – und ältere – Fotografen ihre Arbeiten vorstellen, wie der Steinseler Yann Koenig (zipper85.wordpress.com) oder der in Basel lebende Hobbyfotograf und Molekularbiologe Charles Betz (www.betz.lu/), oder Georges Walther: http://georges.tumblr.com. Andere machen sich augenscheinlich einen Spaß daraus, ohne klar ersichtliche Präferenz alles und jeden zu kommentieren, was sie gerade interessiert. Wie Joel Adami, wohnhaft in Wien, eifrigen Luxemburger Twitterern vielleicht ein Begriff, oder der anonyme Autor von blogeescht.lu.

Seriöser wird es bei www.pianocktail.lu, wo ein Quartett aus jungen Schülern und Studenten (eine Autorin!) Nachrichten aus Kultur und Kino kommentiert. Ähnlich, mit einem Fünfer-Autoren-Gespann, funktioniert www.brainfood.lu.

Die jungen Kulturbegeisterten kämpfen jedoch mit einem Problem, das viele Blogger haben: Nach einem gewissen Anfangseuphorie lassen die Beiträge nach, ändern sich Prioritäten, bleibt wegen Job und/oder Familie zu wenig Zeit, um den Blog auf den neusten Stand zu halten. Aber für Blogs gilt erst recht, was auf Zeitungsnachrichten zutrifft: Nichts ist älter als der Beitrag von gestern, der, einmal gelesen, durch die Netzwelt getwittert, geshared oder geliked wurde.

Informativ sind zwei Blogs aus der Welt der (Finanz-)Wirtschaft: Egide Thein (www.egidethein.blogspot.com) und Guy Wagner, Chefökonom der Banque du Luxembourg (www.guywagnerblog.com). Sie kommentieren vor allem Banken- und Wirtschaftsnachrichten in und über Luxemburg. Thein, der Luxemburg als Konsul in New York vertreten, das Luxembourg Business Journal ins Leben gerufen und sein eigenes Unternehmen gegründet hat, ist von seinem Rentnersitz im sonnigen Florida mit zwei weiteren Blogs dabei (feierwon.blogspot.com/; peckvillchen.blogspot.com/), alle ziemlich aktuell. Wagner schreibt in den drei Sprachen Deutsch, Englisch und Französisch.

Nahe am Puls der Zeit sind zudem jene Blogs, deren Autoren politisch engagiert sind (vielleicht sogar dafür bezahlt werden) und deren Blog als digitale Visitenkarte für potenzielle Wähler dient. Zu nennen wäre da einer der eifrigsten politischen Blogger in Luxemburg derzeit: Manuel Huss von Déi Gréng (manuelhuss.wordpress.com). Seine Parteikollegen Christian Kmiotek (kmioteck.lu) und Philippe Schockweiler (schockweiler.blogspot.com) sind ebenfalls bloggend unterwegs. Huss allerdings ist, neben der technikbegeisterten Konkurrenz der Piraten, der Jungpolitiker in Luxemburg, der sich am meisten in sozialen Netzwerken, wie Facebook und Twitter, tummelt. Neuerdings wird der junge von einem alten Hasen Fränz Bausch unterstützt, der seinen jüngst gestarteten Blog (francoisbausch.com) außer für seine Redebeiträge zur Gegendarstellung zuhiesigen Zeitungsmeldungen nutzt. Yves Cruchten. LSAP, tummelte sich seit 2004 verstärkt im Netz (yvescruchten.net). Besonders aktiv war der junge Käerjenger Gemeinderat um 2009. Typischerweise haben derlei virtuelle Charmeoffensiven bei Politikern besonders dann Hochkonjunktur, wenn mal wieder Wahlen anstehen. Entsprechend ruhig ist es inzwischen. Der Präsident des Jugendparlaments und Freizeitläufer Sammy Wagner ist auch bloggend auf Achse: www.sammywagner.lu/. Der bekennende Linke und Beamte im Justizministerium, Jean-Laurent Redondo, betreibt ebenfalls einen politischen Blog: www.jlredondo.lu mit linken Kommentaren und Nachrichten aus Luxemburg und darüber hinaus. Last but not least haben die dank (geschickt genutzten) Medienhype bekannt gewordenen Luxemburger Piraten, mit Präsident Sven Clement (von der Médicoleak-Affäre) und Jerry Weyer am Steuerrad, ihre eigenen Blogs, www.svenclement.lu und www.jay.lu. Clement, der in Saarbrücken Wirtschaftsinformatik studiert, kommentiert überwiegend politische Nachrichten aus Luxemburg, gerne auf seine Piratenpartei bezogen. Jurastudent Jerry Weyer bietet seinen Lesern überdies Analysen aus dem Bereich des Rechts, im Fokus typische „Piraten-“Themen wie Datensicherheit, Urheberrecht oder Bürgerbeteiligung.

Sinn und Zweck der Blogs, wie aller Blogs, ist es, eine eigene Öffentlichkeit zu schaffen, Werbung in eigener Sache zu machen. Oft entsteht der Impuls für einen Blog aus einem gewissen Frust oder Unmut gegenüber den traditionellen Medien, siehe Bauschs Fahrradkommentar, der eine direkte Antwort auf einen Wort-Leitartikler ist, der dem Grünen nicht in den Kram passte.

Medienkritik zur Aufgabe gemacht hatte sich die in den letzten Monaten ruhende Seite letzeblog.blogspot.com, deren (unerreichtes) Vorbild der berühmte bildblog.de in Deutschland ist. Den deutschen Watchblog haben unabhängige Journalisten und Bürger ins Leben gerufen, um unlautere Recherchemethoden von Deutschlands größtem Boulevardblatt an den Pranger zu stellen. Offenbar mit einigem Erfolg: Mehr als 28 000 Personen folgen dem Blog und er hat etliche ethisch fragwürdige Praktiken aufgezeigt. Das Luxemburger Pendant hat das Potenzial eher nicht: Erstens konzentriert er sich nahezu ausschließlich auf das Blättchen Lëtzebuerg Privat. Aber sogar beim Boulevard (und seinen Kritikern) gibt es Niveauunterschiede. Ab und zu wird ein Artikel aus dem Tageblatt oder Luxemburger Wort unter die Lupe genommen und kritisiert, aber selten mit Substanz oder guten Argumenten.

Ein bisschen den Wachhund spielen will auch krunnemeck.lu, ein Blog mit Forum, in dem sich Leser aus dem Remicher Raum über Lokalpolitisches austauschen. Leider ist nicht immer nachvollziehbar, von woher die Informationen stammen, wenn der Autor mal wieder irgendwelche Machenschaften wittert, übrigens keine seltene Schwäche vieler Blogs, die sich als aufklärerisch oder als Gegenpol zur publizierten Meinung verstehen, aber den Anspruch wegen fehlender nachvollziehbarer Quellennachweise nicht einlösen können.

Anders als im Ausland, wo Journalisten und Zeitungen oft eigene Blogs haben, für die sie recherchieren und das niederschreiben, was sie in ihrer Redaktion vielleicht nicht sagen dürfen, gibt es in Luxemburg (noch) keine Journalisten-Blogs. Offenbar tun sich die meisten schwer, finden keine Zeit oder sehen keine Notwendigkeit, eine eigene Homepage zu unterhalten. Lediglich der Unternehmer und Headhunter Pol Wirtz (New Media Group) hat einen eigenen Blog (polwirtz.blogspot.com), auch er übrigens ein emsiger Twitter-Nutzer.

Das ist es, was fast alle eint: Die Luxemburger Blogger schreiben nicht nur auf ihrer Webseite, sie sind zudem oft auf anderen sozialen Plattformen unterwegs und klauben wie die Eichhörnchen mal hier eine Nachricht, mal da ein Video, die sie auf Facebook oder Twitter oder in ihrem Blog posten.

Was noch auffällt: Ein bisschen wie Kevin allein zuhause, vielleicht etwas älter scheint der typische Luxemburger Blogger zu sein. Na gut, womöglich wohnt er nicht mehr bei seinen Eltern, aber wer weiß das sicher bei den Mietpreisen heute? Studien über die Luxemburger Bloggerszene gibt es keine, aber es darf als gesichert gelten, dass auf Luxemburg zutrifft, was in anderen Ländern die Regel ist: dass die meisten Blogs von männlichen Autoren bestritten werden. Ob das nun an einer höheren Technikaffinität liegt oder an einem größeren Geltungsdrang, sei dahin gestellt: Am Schreibtalent liegt es sicher nicht, denn über die Qualität vieler Beiträge ließe sich streiten. Mit der Einschränkung vielleicht, dass es einigen wenigen etablierten Bloggern im Ausland immer öfter gelingt, echte Skandale zu identifizieren, hierzu eigene Analysen ins Netz-Gespräch zu bringen und damit den klassischen Medien nervöse Schweißperlen auf die Stirn zu treiben (siehe die Guttenberg-Plagiatsaffäre, deren Aufklärung von einem Blogger wesentlich vorangetrieben wurde).

Für Luxemburg lässt sich das nicht behaupten: Hiesige Weblogs sind lieb und nett. Sie tun alles, nur keinem weh. Im Großherzogtm geht es eben beschaulich zu. Aber das ist nun wirklich keine Nachricht.

Ines Kurschat
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