Nach zwei turbulenten Anfangsjahren orientiert sich die inklusive Ganztagsschule Eis Schoul neu. Das gefällt nicht ­jedem

Sorgenkind mit Potenzial

d'Lëtzebuerger Land vom 28.04.2011

Alle Augen sind auf Maria* gerichtet. Jetzt ist es an ihr. In der Hand hält sie einen Aufkleber: Atomkraft? Nein, danke! steht darauf. Mit fester Stimme beginnt sie zu erzählen: Sie war das erste Mal mit ihrer Mutter auf einer Demonstration. Es ist Unterrichtsbeginn in Eis Schoul. Schüler sitzen im Morgenkreis zusammen. Sie berichten einander, was sie am Vortag gemacht haben – und lernen nebenbei, die Scheu vorm Reden vor einer Gruppe abzulegen.

Öffentlich Stellung zu nehmen, scheut sich auch Unterrichtsministerin Mady Delvaux-Stehres (LSAP). Zumindest, wenn es um Eis Schoul geht. Seit Mitte März liegt die Anfrage der grünen Opposition vor, über die vor vier Jahren ins Leben gerufene Forschungsschule zu diskutieren. Aber bisher hat es das Thema nicht auf die Tagesordnung ins Parlament geschafft.

Das liegt womöglich daran, dass sie prall gefüllt war: mit der Erklärung zur Lage der Nation, aber auch mit dem plötzlichen Tod des CSV-Abgeordneten Mill Majerus. Aber vielleicht will die Ministerin der Schule auch im Moment allzu neugierige Blicke ersparen. Erst kürzlich gelangte die Schule wieder in die Nachrichten: weil Lehrer die Schule verlassen wollen. Die Ministerin hatte noch persönlich versucht, die drei Frauen, die im ersten Zyklus für die ganz Kleinen zuständig sind und für ihre pädagogische Arbeit sowohl von Kollegen als auch von den Eltern geschätzt werden, umzustimmen. Es ist ihr nicht gelungen.

Dass Lehrer den Arbeitsplatz wechseln, ist nichts Ungewöhnliches, aber die Reformschule auf dem Kirchberg trifft es doppelt hart. Denn zum einen hat Eis Schoul für ihr junges Alter bereits allerlei Personal kommen und gehen sehen. Zum anderen verabschieden sich die drei aus Überzeugung: Die Lehrer gehören zu den Pionieren der ersten Stunde und gehen, weil sie sich mit der Entwicklung der Schule nicht länger identifizieren mögen, bestätigt Schulpräsident Marc Hilger auf Land-Nachfrage.

Denn unbemerkt von der Öffentlichkeit ist Eis Schoul dabei, sich neu zu finden. Seit ihrem Startschuss im Sommer 2008 hat sich die Ganztagsschule, die als inklusive Laborschule von einer Gruppe Uni-naher Lehrer konzipiert wurde, sichtlich verändert. Vor kurzem wurden weitere Änderungen beschlossen. So wird beispielsweise die zuvor in die Schule integrierte Équipe multiprofessionelle nicht mehr Teil des Schulpersonals sein, sondern der Éducation différenciée zugeschlagen. „Das hat für uns den Vorteil, dass wir künftig auch anderes, spezialisiertes Personal anfragen können“, erklärt Hilger. Der Schule stehen zwei Ganztagsstellen zusätzliches Personal zur Verfügung für Schüler mit „besonderen Bedürfnissen“. Bisher teilten sich diese eine Psychologin sowie eine Heilpädagogin. Eine Sonderpädagogin, die das Team zwischenzeitlich verstärkt hat, verlässt Eis Schoul im Sommer. Was die Schule und das Ministerium als Verbesserung für die Kinder preisen, weil je nach Bedarf künftig flexibel Sonderpädagogen, Motoriker, Sprach-therapeuten et cetera hinzugezogen werden können, halten andere für einen Bruch mit dem Grundsatz der Inklusion – und für eine „schleichende Gleichmacherei“ mit den Regelschulen, die womöglich gegen das eigens für Eis Schoul geschriebene Sondergesetz verstoße. Denn mit der Ausgliederung fällt die enge An- und Einbindung des multiprofessionellen Personals in den Schulalltag weg – ein Unikum in der Luxemburger Schullandschaft und ursprüngliches Herzstück des inklusiven Konzeptes. Außerdem ist die Éducation différenciée für viele ein Reizwort und taugt schlecht zur Werbung für einen Unterricht, in dem behinderte und nicht-behinderte Kinder gleichberechtigt gemeinsam lernen: Der Éducation différenciée unterstehen die Sonderschulen, und bisher ist deren Dienstherrin nicht als offensive Verfechterin inklusiver Unterrichtsmethoden in Erscheinung getreten.

Eine andere Veränderung, die aber wahrscheinlich bei den meisten Eltern auf Zustimmung trifft, aber unterm Personal zum Teil für erhebliche Diskussionen sorgte, betrifft das Personalgefüge: Die Grundschule, die als basisdemokratische Initiative begonnen wurde und dieses Prinzip auch in ihrem Konzeptpapier vorsah, wird heute von einem verantwortlichen Präsidenten geleitet. Anders als in anderen Schulen ist dieser aber nicht vom Komitee gewählt, sondern wurde nach den schweren disziplinarischen Zwischenfällen im Winter 2009/2010 (d’Land vom 12.03.10) vom Ministerium auferlegt. Eine der ersten Aufgaben Präsidenten, dem im Ministerium ein Beauftragter zur Seite gestellt wurde, war es, Regeln zu etablieren: für die Personalversammlung, für Entscheidungsprozesse, aber auch für die Sicherheit. „Dass das gesamte Personal, vom Hausmeister bis zum Lehrer, bei allem mitreden konnte, hat vieles gebremst. Vor allem, wenn es um dringende pädagogische Entscheidungen ging“, sagt Marc Hilger, der die neue „Kohärenz“ in und zwischen den verschiedenen Zyklen unterstreicht.

Die Kommunikation zwischen den verschiedenen Berufen, das Abstimmen zwischen Pädagogen und Psychologen, Lehrern und Erzieherinnen sei besonders schwer gefallen. Unklare Arbeitsbereiche führten zu Reibereien und schlechter Stimmung, die sich irgendwann auf die Kinder übertrugen. „Das Jahr war ein Horrorjahr“, erinnert sich Tonia Clement, eine Mutter, die ihre drei Kinder aus Überzeugung in Eis Schoul eingeschult hat. Mit den neuen Spielregeln wurde es langsam besser. Inzwischen scheint das Schlimmste überstanden. Heute ist Marc Hilger davon überzeugt, dass eine Schule mit 35 Mitarbeitern, die sich entwickeln will, eine klare Hierarchie braucht. „Jemand muss im Konfliktfall die Entscheidung treffen.“ Für seine Aufbauarbeit bekommt der Präsident vom Elternkomitee gute Noten: „Die Schule ist auf einem guten Weg. Im Vergleich zu den Vorjahren ist es das Paradies“, sagt Sprecherin Clement überzeugt.

Umso größer war der Schrecken, als die Nachricht kam, drei Lehrer wollten die Schule verlassen. „Meine erste Reaktion war: Geht das schon wieder los?“, erzählt Clement. Mit der Sorge war sie nicht allein. Als die Hiobsbotschaft die Runde machte, erkundigten besorgte Eltern sich im Ministerium. Das ist der eigentliche Grund, warum das Ministerium sich über die Situation in Eis Schoul bisher nicht weiter geäußert hat: um das neu gefundene Gleichgewicht nicht zu gefährden. Auch die Antworten auf eine schriftliche Anfrage des Land stehen aus.

Die abwartende Haltung des Ministeriums beruhigt aber nicht jeden. Schulpräsident Marc Hilger stellt sich jedenfalls auf „aufregende Monate“ ein. Es ist schließlich vor den Gemeindewahlen. Die Schule wartet mit Spannung auf die vom Grünen Claude Adam angefragte Debatte im Parlament, die voraussichtlich am 11. Mai statffinden wird und bei der es unter anderem um die Begleitforschung gehen soll.

Diesbezüglich kann die Ministerin Fortschritte vermelden: So scheint sich endlich, nach fast drei Jahren der Ungewissheit, eine Lösung für die wissenschaftliche Zusammenarbeit anzubahnen. Die Universität Luxemburg wird Land-Informationen zufolge aller Voraussicht nach zwei Forscher mit dem Studium der Schule beauftragen. Allerdings werden in dem neuen Konzept, dessen Details derzeit verhandelt werden, unabhängige Wissenschaftler von außen die Schule studieren – und nicht, wie zunächst angedacht, die Forschung vom unterrichtenden Personal selbst durchgeführt. „Das verhindert aber nicht, dass sich ein Lehrer teilweise vom Unterricht freistellen lassen kann, wenn er oder sie forschen möchte“, betont Marc Hilger.

Eis Schoul arbeit mit einer weiteren Universität zusammen: Erziehungswissenschaftler der Uni Zürich haben die Reformschule unter die Lupe genommen, die Ergebnisse sollen in den nächsten Tagen intern vorgestellt werden. Eines verrät der Schulpräsident stolz: „Die Eltern sind zufrieden. Ihre Kinder lernen in unserer Schule gerne. Das ist es, was zählt.“ Die Qualitätsstudie hat Eis Schoul selbst in Auftrag gegeben, bewusst. „Wir haben nichts zu verstecken. Bei uns ist alles transparent. Wenn es Verbesserungsbedarf gibt, werden wir diesen gemeinsam diskutieren“, betont Hilger.

Es ist vielleicht diese Einstellung, die die Schule bislang davor bewahrt hat, in den turbulenten Anfangsjahren nicht komplett den Boden zu verlieren. Denn die Erschütterungen waren massiv: Eltern meldeten ihre Kinder wegen der Disziplinprobleme ab, Lehrer verließen gefrustet die Schule, bis sogar die Ministerin, resolute Unterstützerin des Projektes, am Rande einer Sitzung der parlamentarischen Schulkommis-sion ein Scheitern des Projektes nicht länger ausschließen vermochte. Heute sind zwar viele überzeugt, die Ministerin habe dies nur gesagt, um den Druck auf die Schule zu erhöhen, ihre Probleme selbst zu lösen. Als sich nun allerdings der nächste Konflikt ankündigte, gingen die Gerüchte von Neuem los, die Ministerin sei sich mit der Schule nicht sicher. Mit einem Schreiben wandten sich engagierte Eltern deshalb an die Schulleitung, in dem sie der Schule ihre vollste Unterstützung zusagten.

Über die Kollaboration mit dem Ministerium sagt Hilger zwar, die Ministerin habe der Schule „vollstes Vertrauen entgegen gebracht“ und sich „aus pädagogischen Fragen herausgehalten“. Fehlerlos ist das (Krisen-)Management des Ministeriums dennoch nicht: Dass die Gründung einer neuen Schule nicht einfach werden würde, hätte allen Beteiligten klar sein müssen. Dass eine inklusive Schule besonders anspruchsvoll ist und zusätzliche Kompetenzen vom Personal verlangt, ist in der eher konservativen Schullandschaft Luxemburgs auch keine echte Überraschung. Im Rückblick mag man den Schulpionieren ihre idealistischen Vorstellungen und einige schwerwiegende konzeptuelle Fehler nachsehen: Schulentwicklung wird an der Universität nicht gelehrt und bisher existiert in Luxemburg weit und breit kein Modell, an dem Eis Schoul sich hätte orientieren können.

Aber zumindest das Ministerium hätte aus den Erfahrungen mit dem Neie Lycée (heute: Ermesinde) sehr wohl ableiten können, dass ein Start mit älteren Schülern, dem obersten Zyklus, problematisch ist – und die Schule entsprechend von unten aufbauen müssen. Im Lycée Ermesinde wurden im ersten Jahr ebenfalls vermehrt verhaltensauffällige Kinder angemeldet, die in der Regelschule nicht zurecht kamen und deren Eltern keinen anderen Ausweg mehr wussten.

Auch die Rollenkonflikte waren programmiert: Die Ganztagsschule Jean-Jaurès in Esch brauchte zwei Jahre – und ein teures Coaching, um die Arbeitsabläufe zwischen Lehrpersonal und Erziehern zu klären. Bis dahin hatte der Streit aber schon reichlich Nerven gekostet, und einige Lehrer waren gegangen. Für die schwierige Identitätssuche können sie nichts, sie ergibt sich aus der traditionellen, überholten Arbeitsteilung, wonach Lehrer nur für die reine Wissensvermittlung, und Erzieher für Verhaltensfragen verantwortlich sind. Dass diese Trennung so nicht mehr funktioniert, setzt sich erst allmählich in den Köpfen durch. Die Frage, wie das Miteinander zum Beispiel auch mit erzieherischem Personal in ange-gliederten Maisons relais sinnvoll gestaltet werden kann, soll eine gemeinsame Arbeitsgruppe von Unterrichts- und Familienministerium klären. Vielleicht entsteht ja dann eine Art Vademecum, damit nicht jede Schule, die sich neu gründet, mit Allem bei Null anfangen muss.

Für Eis Schoul kam erschwerend hinzu, dass die kompetenzorientierte Schule mit hohen methodologischen Ansprüchen gestartet war – die sie in der Form nicht erfüllen konnte. Als sich herausstellte, dass mehrere der Gründungsväter und -mütter ihr Konzept gar nicht selbst umsetzen würden, dass die Praxis zudem viele ungenügend bedachte Probleme brachte, und schließlich nach den ersten schweren Streits einige das Projekt verließen, musste sich das neue Personal erst einmal zurechtfinden. „Wir haben nicht nur einen überdurchschnittlichen Anteil an Lehrbeauftragten ohne pädagogische Ausbildung. Viele von ihnen kannten noch dazu vorher nichts über inklusive Pädagogik“, so Marc Hilger. Für sie galt Learning by doing, manche hatten Bilder aus ihrer Schulzeit im Kopf.

Doch auf Eis Schoul passen diese nicht. Für viele Außenstehende wird etwa das Lernverständnis von Eis Schoul ungewohnt erscheinen. Eis Schoul räumt den Kindern eine hohe Autonomie und Mitgestaltung ihres Lernprozesses ein: So können Kinder oft selbst entscheiden, was sie wann wie lernen wollen. Statt einen festen Stoff anhand eines Schulbuches allen gleichermaßen vorzusetzen, versucht das Lehrpersonal, jedem Kind den Raum und die Zeit für sein individuelles Lerntempo zu geben. Ein Altersmix wird dabei angestrebt: Jüngere Schüler sollen von älteren Schüler lernen. Auch im Klassenrat wird Mitbestimmung groß geschrieben. Dort entscheiden Schüler gemeinsam, wie sie beispielsweise mit Mitschülern umgehen, die den offenen Unterricht stören. Auch dieser Ansatz sorgt im Team immer wieder für Debatten. Verhaltensauffällige Kinder bräuchten klare Strukturen und Leitplanken zum Lernen, die im offenen Unterricht aber fehlten, so der Einwand der Kritiker. „Es sind klare Strukturen da, jedes Kind weiß genau, wie die Spielregeln sind“, verteidigt hingegen Marc Hilger die Herangehensweise. Seitdem die Spielregeln für alle verbindlich ge- und erklärt seien, sei auch das Lernen einfacher geworden. „Wir hatten seitdem keine disziplinarischen Zwischenfälle mehr. Es ist ruhiger.“

Auch Eltern waren und sind nicht immer von der ungewohnten Unterrichtsform überzeugt. Nicht jeder versteht, was sein Kind in der Schule lernt. Dafür nehmen sich die Lehrer von Eis Schoul, die oft mehr als 30 Stunden wöchentlich in der Schule verbringen, viel Zeit, den Eltern die Methoden und die Lernfortschritte ihres Kindes zu erklären. Vor allem der Übergang zum Lyzeum, der für die meisten Schüler dann doch den Eintritt in die Regelschule bedeutet, wirft Fragen auf. „Ein Vater ist deshalb in den Unterricht gucken gekommen. Danach war er beruhigt“, sagt Elternsprecherin Tonia Clement. So falsch kann die Richtung der Pionierschule nicht sein: Auf die zwölf freien Plätze fürs kommende Schuljahr haben sollen sich bisher knapp hundert Eltern gemeldet haben.

* Name von der Redaktion geändert
Ines Kurschat
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