Ein vorbildlicher Patriot

Doppelschlapphut, Schnüffelfreiheit

d'Lëtzebuerger Land vom 14.06.2013

Heute loben wir einen vorbildlichen Patrioten. Er freut sich wie ein Schneekönig, der neueste Comic-Held aus dem nationalen Geheimdienstunwesen, dass er endlich enttarnt wurde und in der Presse protzen darf: „Ich habe die Russen an der Nase herumgeführt.“ Huch! Das mögen die Russen aber gar nicht. Dass ein tolldreistes Schlapphütchen aus dem Großherzogtum sie einfach ans Narrenseil legt und an die Amerikaner verrät, lassen Herrn Putins Bodyguards wohl nicht einfach auf sich sitzen. Sollte der begabte Simultanschnüffler Kartheiser demnächst spurlos verschwunden sein, hat sich wahrscheinlich der russische Geheimdienst um die finale Halbierung der ADR gekümmert. Der Doppelagent persönlich hat seine Fraktion ja schon einmal prophylaktisch halbiert. Die Herren Henckes und Colombera waren halt nur nützliche Idioten Moskaus. Da musste der Doppelschlapphut einfach durchgreifen. Patriotimus verpflichtet!

Doppelagent! Das ist vielleicht ein schöner Titel. Klingt wie Doktorat in Betrug und Infamie. Der Doppelschlapphut selber sieht sein Doppelleben viel idealistischer, wie er per Blog mitteilt: „Ech si jiddefalls houfreg drop, als Offizéier an der Arméi an als Geheimagent am Srel gedéngt ze hunn. Dat wor eng patriotesch Flicht an ech hunn se erfëllt.“ Da haben wir wieder die alte Mär: der Geheimdienst als übergeordneter patriotischer Verein, und der Schnüffler als der Heimat edelste Gestalt. Fügen wir in christlicher Demut hinzu: und der Bommeleeër als männliche Variante der Consolatrix afflictorum.

Von den Patrioten sind wir ja allerlei gewohnt. Eine wüste Gattung von Brüdern und Schwestern, könnte man sagen. Den Patrioten darf man nicht aufs rotweißblaue Blumenbeet treten. Sonst werden sie sehr böse. Sie neigen übrigens schnell zur Gewalttätigkeit, wenn ihre patriotischen Aufwallungen überschwappen. Die Künstlerin Sanja Ivekovic kann ein Liedchen singen von der prinzipiellen patriotischen Handgreiflichkeit. Ist es wirklich Zufall, dass eine Rakete der US-Streitkräfte „Patriot“ heißt? Eine Vernichtungswaffe als Sinnbild für überbordenden Patriotismus? Das passt. Leider.

Eigentlich müssten wir ja über den Begriff „Heimat“ reden, den die Patrioten sozusagen im Handstreich konfiszieren. Könnten Sie auf Anhieb erklären, was „Heimat“ ist? Um es versuchshalber kurz zu machen: Heimat wäre der Ort, oder der Raum, wo man sich wohlfühlt. Also wäre Heimat weder an ein Territorium, noch an Institutionen oder Traditionen gebunden. Sondern an Menschen, die man mag. Das Heimatgefühl wäre nichts anderes als die Empfindung, bei liebenswerten Menschen zu Hause zu sein. Dazu braucht es keine Ideologie und keine lautstarken Parolen. Stille Empathie reicht vollauf.

Spätestens hier wird uns der Doppelschlapphut Kartheiser energisch widersprechen. Sein Heimatbild ist von ganz anderem Format. Der kämpferische Patriot braucht Fronten und Feindbilder. Um patriotisch anzuschwellen, um sich zu blähen und zu plustern, muss er sich eine wohlfeile Paranoia zulegen. Ohne polternde Verdächtigungen wäre der Patriotismus nur Attitüde und Affekt. Im Doppelschlapphut-Jargon klingt das zum Beispiel so: „Besonnesch déi Gréng komme jo zu engem groussen Deel aus dem MLF, enger militant männerfeindlecher Lesbebewegung, déi vun Ufank un ënner anerem och de Recht op d’Ermuerdung vun ongebuerene Kanner gefuerdert huet“.

Umzingelt von lauter Mördern und Mörderinnen: Der Patriot hat ein schweres Schicksal zu meistern. Aber er wehrt sich, der stramme Heimatpropagandist. Er lässt weiße Pappsärge aus Belgien kommen und vor dem Parlament aufbauen, wo eben über das Recht der Frauen auf ein freies Leben verhandelt wird. Wer für Selbstbestimmung plädiert, ist eine unpatriotische Mörderin. Solche Feindinnen muss der Patriot mit Sargimitationen einkreisen, damit sie lernen, wie die patriotische Mafia tickt. Ja, unser Doppelschlapphut hat es immer noch nicht verlernt, den demokratischen Staat gezielt zu destabilisieren. Leider stolperte versehentlich seine halbe Parlamentsfraktion hinein in die weißen Särge, die eigentlich für unbotmäßige Weibsbilder vorgesehen waren. Das nennt man Geheimdienstpech. „Srel“ reimt eben nicht immer auf „hell“.

Am rührendsten aber wirkt der entfesselte Patriot, wenn er militärisch scharf vom „fräie Westen“ spricht: „Iwwerdeems déi Gréng de Kommunisten hir nëtzlech Idiote waren a mat hiren zum Deel vu Moskau ferngesteierte Friddensbewegungen alles gemaach hunn, fir déi westlech Verdeedegung am Kale Krich z’ënnergruewen, hunn d’Arméi an de Srel hiert Bescht gemaach, fir datt de fräie Westen och soll fräi bleiwen“. Dieses „Beste“ zumindest ist der Armee und dem Srel vollauf gelungen. Da haben die beiden verbündeten Tollpatschvereine buchstäblich ihr Freiheitsmeisterstück abgeliefert. „Obama bespitzelt die ganze Welt“, konnten wir dieser Tage lesen. Er ist so frei, der westliche Herr Präsident. Die Schlapphüte wird die verallgemeinerte Schnüffelei auf planetarischem Niveau freuen. Jetzt wissen wir wenigstens, was sie unter „fräie Westen“ verstehen.

Guy Rewenig
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