CD Armée de l’air von den Kitshickers

Der traute Klang der heimatlichen Garagen

d'Lëtzebuerger Land du 06.05.2004

Volle, satte 73 Minuten Musik auf einer CD, da freut man sich doch, dass unsere einheimischen Indie-Punk-Grunge-Metal – oder weiß der Himmel – Bands weitaus weniger knickerig sind, als die älteren Semester aus der Jazz-Szene. Wohltuend auch, dass es immer noch Bands gibt, die nicht darauf hoffen, eines Tages Millionen mit Werbung für Haargel zu verdienen, oder, oberste Schmach, bei irgend einem Lokalsender den Talentwettbewerb zu gewinnen.
Die Kitschickers sind jedenfalls ehrliche, ganz normale, absolut vertrauenswürdige, fast schon traditionelle Punks. Sie nennen sich zwar „alternative noise“, aber irgendwie schaffen sie es ohne weiteres, mit den ganz bösen, schon mit dem Altersheim liebäugelnden Bubis aus England und den States gleichzuziehen.
Auch wenn ich persönlich ein altmodischer Fan wummernder Bässe und perfekt abgestimmter Bass-Drums bin (die Kitschickers haben eine Vorliebe für ein Drum-Set, das leicht nach Badezimmer oder Garage klingt), muss ich zugegeben, dass die Gitarre, wenn sie genau richtig etwas falsch gestimmt ist, auch gehörig abheben lässt. Es klingt vielleicht nicht so „satt“, ist aber ungeheuer dynamisch, wunderbar rebellisch und vor allem, sehr tanzorientiert. Die Texte machte Sänger und Gitarrist Gilles Heinisch, sehr sloganhaft, aber genügend mit „Fuck’s“ und „Shut up’s“ veredelt, um nicht in die Gefahr zu geraten, als Softie beleidigt zu werden. Boris Schiertz spielt die Lead-Gitarre mit viel Gefühl fürs Schräge, Bassist Antoine Stichter ist eher der Wertkonservative der klassischen Muster, wie sie uns von den Propheten der späten Siebziger geschenkt wurden, während Chris Bock noch ein Drummer nach unserem Geschmack ist, weil er mit der gebührenden Aggressivität beweist, dass es ohne echte Verausgabung keine wahre Kunst gibt.
Was zählt, ist sowieso die Dynamik und nicht die Ästhetik. Wenn sich die Musiker gegenseitig einheizen, die Gitarren die Akkorde voll durchdröhnen lassen, der Drummer jedem Crash-Becken persönlich eins in die Fresse schlägt, ja, dann kommt eine Lust am Rhythmus auf, die ganz einfach ansteckt. Aber experimentierfreudig sind sie auch. Buddhistische Chants werden mit Inbrunst betrommelt, und auf Track sieben und neun kreischt der Gitarrist mit hendrixianischer Inbrunst.
Der Bass dödelt eher beruhigend unter der ganzen Frenesie herum, unter dem Motto „Irgend etwas muss ja noch drunter“. Toll auch, der sogenannte „Scheinberuhigungseffekt“. Die Gitarre spielt ein ganz harmlos anmutendes Figürchen, alle sind brav, alle sind nett, jeder denkt, „aha, jetzt kommt der besinnliche Teil“, und dann... zdoing... kommt der richtig laute, richtig aufgedrehte Teil. Ehrlich sind die Leute auch. Sie friemeln und basteln nicht viel an den Songs herum, probieren mehrere Versionen aus und edieren sie alle zusammen.
Das schafft eine satte Live-Atmosphäre, auch wenn das Ganze, meines Wissens, integral von März bis Juli 2003 in den Emerald Recording Studios von André Thilges aufgenommen wurde. Bei einigen Tracks merkt man auch, dass der Rhythmus gegen Ende leicht langsamer wird. Die ausgebufften, glatten Profis verhindern das durch den bekannten Pieper im Ohr, oder sie lassen die Techniker es glätten. Was beweist, dass die Kitshickers eben noch unverdorben genug sind, es nicht zu tun.
Mein persönlicher Lieblings-Track ist Nummer 12 „How can you talk if you have’nt got a brain?“, fragt eine piepsige Frauenstimme, tja, und dann spricht irgendjemand etwas mit Sicherheit Ultrablödes über die Politik und die Welt und Europa, und dann... kommt der richtig laute, richtig aufgedrehte Teil.
Mehr über die Kitshickers erfährt man auf http.//fly.to/kitshickers

Jean-Michel Treinen
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