Fußball-Weltmeisterschaft 2018

Europäer unter sich

d'Lëtzebuerger Land vom 13.07.2018

Fußball wird zwar weltweit gespielt, den WM-Pokal gewinnen am Ende jedoch stets Nationalmannschaften aus Europa oder Südamerika. In Russland stand mit Japan nur ein Vertreter aus Asien im Achtelfinale, während sich alle afrikanischen Teams schon nach der Vorrunde aus dem Turnier verabschieden mussten. Im Viertelfinale schieden mit Uruguay und Brasilien auch die letzten südamerikanischen Vertreter aus. So steht die Weltmeisterschaft 2018 ganz im Zeichen der Europäer. Diese Dominanz erklärt sich durch historische, kulturelle, wirtschaftliche, politische und strukturelle Entwicklungen.

Im Zuge des Kolonialismus wurde das Fußballspiel im 19. und 20. Jahrhundert weltweit verbreitet, allerdings in ganz unterschiedlichen Kontexten und Geschwindigkeiten. In Lateinamerika, wo der durch die Kolonisatoren verübte Genozid an der indigenen Bevölkerung und der europäische Imperialismus sowie die Massenmigration eine durch europäische Nachfahren dominierte Hegemonialgesellschaft hervorbrachten, wurde Fußball schnell adaptiert. Die Wahl Uruguays zum ersten Gastgeber einer WM-Endrunde 1930 beschleunigte diesen Prozess.

In Afrika dagegen hatten die Kolonialherrscher lange Zeit kaum Interesse, die entrechteten Bevölkerungen an der europäischen Kultur teilhaben zu lassen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg unterstützen die französischen Kolonisatoren die Verbreitung des Fußballs auf dem Kontinent. Dementsprechend etablierte sich das Spiel in Afrika vergleichsweise spät und erst im Zuge der Unabhängigkeitsbewegungen mit zunehmender Intensität.

In Asien wiederum konnte der Fußball sich lange nicht wirklich durchsetzen. In Indien und Pakistan übernahm die Bevölkerung Cricket von den Kolonialherrn. In China wurden Tischtennis und Federball populär, in Japan entwickelte sich der amerikanische Baseball zur dominanten Sportart. Mittlerweile hat sich Fußball aber auch in Asien als Massensport durchgesetzt.

Während in Europa und Lateinamerika die historische Entwicklung des Fußballspiels auch durch die früh gegründeten Landesverbände geprägt wurde, mussten sich die im Zuge der Dekolonialisierung gegründeten Nationalverbände in Asien und Afrika in ein bestehendes System integrieren und sich den Machtverhältnissen im Weltfußballverband Fifa anfangs unterordnen. So erklärt sich auch, dass die europäischen Verbände sich trotz ihrer numerischen Minderheit in der Fifa ihre überproportionale Repräsentation an den WM-Endrunden sichern konnten. In Russland stellt Europa 14 Teams und somit mit Abstand die meisten Teilnehmer. Afrika, Asien und Südamerika wurden von je fünf, Nord- und Mittelamerika von drei Mannschaften vertreten.

Die Verteilung der Startplätze, die über die wichtigen Kontinentalverbände, wie etwa die Uefa, abgewickelt wird, entspricht allerdings auch den sportlichen Kräfteverhältnissen im Weltfußball. Spieler mit internationalem Format kommen immer noch aus Europa und Lateinamerika. Zudem ist der Spitzenfußball auf Vereinsebene ausgesprochen eurozentrisch. Ein Spieler, der eine große Karriere anstrebt, muss zwangsläufig ein Engagement in einer der fünf stärksten Ligen in Europa zum Ziel haben. Die besten Fußballer der brasilianischen Seleçao spielen ebenso für europäische Topvereine wie jene aus Senegal oder Japan. Entsprechend international zusammengesetzt sind denn auch die Kader von Topvereinen wie Paris Saint-Germain, FC Chelsea oder Inter Mailand. Während die WM von europäischen und südamerikanischen Nationalmannschaften dominiert wird, ist der europäische Fußball in hohem Maße globalisiert. Dies bezieht sich nicht ausschließlich auf die Herkunft der Spieler, sondern darüber hinaus auch auf die Besitzverhältnisse und die Tätigkeiten im Bereich Marketing und Sponsoring.

Besitzer von Paris Saint-Germain ist Qatar Sports Investments, die Investment-Sparte des Staatsfonds Qatar Investment Authority, zuständig für strategische und direkte Investitionen des Emirats Katar. Geopolitische und wirtschaftliche Interessen der katarischen Al-Thani-Dynastie ermöglichen es dem Pariser Verein, die besten Spieler aus Brasilien, Deutschland oder Uruguay zu verpflichten. Der FC Chelsea wiederum gehört dem russischen Unternehmer Roman Abramowitsch, der den Verein als eine Art persönliches Hobby leitet. Die Mailänder Traditionsklubs AC und Inter befinden sich im Besitz chinesischer Investoren, die über den Fußball einen Zugang zu den europäischen Märkten suchen. Seitdem europäische Fußballvereine zu beliebten Investitionsobjekten internationaler Geschäftsleute geworden sind, verfügen die Klubs über nie dagewesene finanzielle Ressourcen, von denen auch die nationalen Verbände direkt oder indirekt profitieren.

Der europäische Klubfußball hat sich im Zuge der neoliberalen Entwicklungen in den letzten Jahrzehnten zunehmend für ausländische Spieler und ausländisches Kapital geöffnet. Während sich die europäi-
sche Vereinslandschaft so sichtbar globalisiert hat, steht der Weltfußball mehr denn je im Zeichen der Dominanz und der Zentralität Europas.

Charles Wey
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