Architektur

Lebende Häuser aus Kohlrabi

d'Lëtzebuerger Land vom 10.05.2019

Mit etwas Grün sehen sogar vermurkste Gebäude gut aus, frotzelt Jacob van Rijs: „Architektur wird nicht immer geschätzt – Pflanzen aber schon.“ Der „grüne Effekt“ sei ein „seltsames Marketingphänomen“. Dabei ist der Baumeister selbst bekannt geworden mit einem Wald in einem Hochhaus, das heißt im holländischen Pavillon für die Expo 2000. Jetzt plant er für die Floriade 2022 in Almere ein „Modell für die grüne Stadt der Zukunft“: Auf zwei Drittel der Fläche soll urbane Landwirtschaft betrieben werden.

„Pflanzen können viel mehr als nur Gebäude dekorieren oder verstecken“, betont Almut Grüntuch-Ernst: „Pflanzen produzieren Sauerstoff und Nahrung; sie absorbieren Lärm, CO2, Schmutz und Feinstaub; sie speichern Wasser und können Städte abkühlen.“ Die Architektin sucht auf der ganzen Welt Bauprojekte, die „für, mit oder aus vegetativem Material gemacht sind“. An der Technischen Universität Braunschweig hat sie zur Synergie von Architektur und Pflanzen seit 2014 drei internationale Symposien organisiert, ein Archiv aufgebaut und ein Handbuch herausgegeben. Die fortschreitende Digitalisierung und Dematerialisierung mache „Hortitektur“ immer wichtiger: „Enger Kontakt zu Pflanzen gibt uns eine volle, sinnliche Erfahrung von Leben und Zeit.“

Alte Bauweisen finden nun neues Interesse, etwa Grassoden- oder Schilfdächer. Die Khasi in Indien lassen Luftwurzeln von Bäumen zu lebenden Brücken zusammenwachsen. Davon inspiriert, arbeitet die deutsche Gruppe Baubotanik an „inosculation“: Pflanzen sollen sich mit technischen Elementen verflechten und zu Gebäuden vereinen. Immerhin sind auf diese Weise bereits kleinere Aussichtstürme gewachsen.

Der Architekt Chris Precht tüftelt an Bambus-Modulen für Hochhäuser. Mit der Abwärme will er in der Fassade Gemüse züchten. An nahrhaften Wänden arbeitet auch der Umweltingenieur Niklas Weisel, der Seile mit Samen füllt: Von einem Kubikmeter Vorhang sollen sich 100 Kohlrabi ernten lassen; möglich wären aber auch zum Beispiel Erdbeeren. Die Fassadensysteme, die Marco Schmidt an der TU Berlin entwickelt, sollen dagegen vor allem Wasser verdunsten: „Klimaanlagen verbrauchen Unmengen Strom und produzieren zusätzliche Abwärme. Wir trocknen weltweit aus. Um Gebäude zu kühlen, muss man Pflanzen Wasser verdunsten lassen.“

Europas bislang spektakulärste grüne Wolkenkratzer stehen in Mailand und heißen Bosco Verticale. Die beiden Wohntürme tragen pro Bewohner zwei Bäume, acht Sträucher und 20 andere Pflanzen – insgesamt rund 21 000 Gewächse. Das Ziel: auf einer Grundfläche von 2 000 Quadratmetern zehn Mal mehr Wald wachsen lassen. Wenn es nach dem Architekturbüro von Stefano Boeri geht, ist das erst der Anfang: Der stillgelegte Eisenbahnring um Mailand, insgesamt 300 Hektar, soll in einen Park verwandelt werden – finanziert durch weitere bepflanzte Hochhäuser.

Grün gesprenkelt wird auch Frankreichs Hauptstadt: Der Wettbewerb Réinventer Paris verlangte von Gebäuden ausdrücklich, „die Biodiversität zu vergrößern und neue Habitate für Flora und Fauna zu schaffen“. Jetzt legt zum Beispiel der Architekt David Chipperfield auf dem Dach der ehemaligen Präfektur, einem 16-Stockwerke-Klotz am Ufer der Seine, einen öffentlichen Garten an. Die Beraterin Marion Waller konstatiert: „Wenn man Immobilienentwicklern die Auflage macht, die Natur zu berücksichtigen, dann werden die meisten auch Lösungen finden. Das Problem ist, dass viele Bürgermeister nicht fragen.“

Am dringendsten ist Vegetation für die rasch wachsenden, hoch verdichteten Metropolen Asiens. Während etwa in Rom auf einen Einwohner 166 Quadratmeter Grün kommen, sind es in Tokio weniger als elf, in Bangkok nur 3,3 und in Ho-Chi-Minh-Stadt gar nur 0,7. „Wenn sich das nicht verbessert, werden die Leute hier bald durchdrehen“, sagt der vietnamesische Architekt Vo Trong Nghia. Er baut Wohnhäuser, die wie überdimensionierte Blumentöpfe aussehen: Auf dem Dach beruhigen Bäume und Schrebergärten.

Die grüne Praxis ist allerdings oft tricky. In Sydney zum Beispiel wollten sich Einwohner lange nicht mit Pflanzenfassaden von Elisabeth Kather anfreunden: „Die Australier haben eine gefährliche Natur mit Spinnen und Schlangen; die wollen sie nicht in der Wohnung haben.“

In Frankfurt brauchte es gut 20 Jahre, bis Pflanzen gefunden wurden, die in den neun Gärten innerhalb des Commerzbank-Towers tatsächlich gedeihen. „Vertikale grüne Wände sind schön, brauchen aber auch viel Pflege“, räumt Christoph Ingenhoven ein, der gerade für einen Bau an der Düsseldorfer Königsallee ein Terrassendach voller Bäume entworfen hat: „Es dauert wohl ein bisschen, bis wir etwas Natürlicheres bekommen. Wir sind erst in der allerersten Phase dieser Art von Architektur.“

Das Buch Hortitecture. The Power of Architecture and Plants hat Almut Grüntuch-Ernst im Berliner Jovis-Verlag herausgegeben: www.gruentuchernst.de/de/info/forschung/

Lebendarchitektur in Stuttgart und München: www.baubotanik.de

Paris soll grün werden: www.reinventer.paris/2015-2016/

Martin Ebner
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