Jugendbeschäftigung

Erfahrungswerte

d'Lëtzebuerger Land du 05.05.2011

Wer meint, am neuen Nationalen ­Reformprogramm (PNR), das Wirtschaftsminister Jeannot Krecké (LSAP) vergangenen Freitag vorstellte, habe im Vergleich zur vorläufigen Version von vergangenem Herbst lediglich das Datum geändert, irrt. Ein ­wenig.

Beispiel Beschäftigungsrate: Die Beschäftigung der Gebietsansässigen soll von aktuell 70,7 bis 2020 auf 73 Prozent steigen. Als Zwischenetappe sollen bis 2015 71,5 Prozent erreicht werden. Im Herbst 2010 gingen die Autoren zwar von der gleichen Zielsetzung aus. Doch die Ideen, wie dieses Ziel erreicht werden soll, haben sich in der Zwischenzeit ein wenig geändert. Während sich die Autoren im November auf die Arbeitsmarkt-Problemgruppe der wenig qualifizierten „Se-nioren“, also der 60- bis 64-Jährigen, konzentrierten und dort viel Potenzial vermuteten, wie die Beschäftigungsrate durch speziell auf sie zugeschnittene Fortbildungsprogramme gehoben werden könnte, steht im Frühling 2011 die Jugend im Fokus.

Aber auch jetzt ist das Papier, auf dem der PNR gedruckt wird, geduldig. Denn welchen Erfolg man sich von der Jugendförderung verspricht und was sie bisher gebracht hat, bleibt unerwähnt. Dabei waren und sind CAE (Contrat appui-emploi), CIE (Contrat d’initiation-emploi) und besonders das CIE-EP (CIE expérience pratique), das qualifizierten jungen Leuten die Tür zur Arbeitswelt öffnen soll, nicht unumstritten. Das Feedback von der Basis ist nicht schlecht. Doch auch das lässt viel Raum für Interpretation, was Wirkungsgrad und Angemessenheit der Maßnahme betrifft.

Die Ende 2009 gegründete Software-Firma Bee Wee Media beschäftigt in Walferdingen und im Shop in Ettelbrück ein Dutzend Mitarbeiter. Zwei von ihnen über ein CIE-EP, die via die Adem-Webseite Anelo.lu rekrutiert wurden, und deren Gehalt zu 40 Prozent bezuschusst wird. „Als junge Firma haben wir nicht die nötigen Kapitalrücklagen, um junge Mitarbeiter über den klassischen Weg auszubilden“, gesteht Firmenmitbegründer Sven Breckler ohne Umschweife ein. Für ihn ist die Bezuschussung Ausgleich für die Mehrarbeit, die den anderen Mitarbeitern durch Betreuung der Jobstarter entsteht. Dabei ist nicht deren Jugend per se das Problem. Breckler selbst ist 27, seine beiden CIE-EP-Mitarbeiter Philippe und Eric* sind gerade mal zwei Jahre jünger als er. „Wir brauchen flexible, anpassungsfähige Leute, die bereit sind neue Techniken zu erlernen“, fügt er hinzu. Dazu seien ältere Job-Kandidaten, welche die Adem regelmäßig zum Vorstellungsgespräch vorbei schicke, zu den Gehältern, die die junge Firma zahlen könne, allerdings nur selten bereit.

Bringen die jungen Informatiker bei Bee Wee ein hohes Maß an Flexibilität und frischem Fachwissen mit, mangele es ihnen andererseits oft an den erforderlichen sozialen Kompetenzen. „Pünktlichkeit ist ein Riesenproblem“, sagt Breckler, „das hätte ich selbst nie gedacht“, schüttelt er den Kopf. „Sie melden sich nicht ab, wenn sie krank sind. Oder sagen den Kunden nicht Bescheid, wenn sie einen Termin oder eine Deadline nicht einhalten können. Das sind Dinge, die sie nach dem freien Studentendasein innerhalb der ersten Monate wirklich erst erlernen müssen.“

Was den Jungunternehmer Breckler am meisten verblüfft, ist die fehlende Einsicht, dass die sozialen Kompetenzen ebenso wichtig sind wie das Fachwissen. Die Verbindung zwischen der eigenen Leistung, dem Wohlergehen der Firma, der eigenen Zukunft und der eigenen Arbeitsstelle, die davon abhängt, „die stellen sie nicht her.“ Das sei bei Berufserfahrenen völlig anders.

Im Team von Bee Wee, wo auch Philippe und Eric sofort Mitverantwortung für Projekte übernahmen, versucht Breckler mit Status-E-Mails gegenzusteuern. Jeden Abend müssen die noch eher unerfahrenen Mitarbeiter zusammenfassen, was sie den Tag über gemacht haben, welche Probleme aufgetreten sind, was für den Tag danach auf dem Programm steht, welche Schwierigkeiten auftreten können. „Dann kann ich schon mal im Voraus Probleme aus dem Weg räumen oder regeln, was versäumt wurde“, sagt Breckler.

Am CIE-EP und der Webseite Anelo, gefällt ihm – neben dem finanziellen Anreiz – dass sich die Jobanwärter dort selbst einschreiben, von sich aus aktiv werden. „Das setzt eine ­gewisse Grundmotivation voraus.“ Philippe und Eric will er gerne am Ende ihrer CIE-EP-Verträge einstellen. Wenn dann beides stimmt – Fachwissen und soziales Verhalten. Die CIE-EP-Gehälter, die Philippe und Eric erhalten, seien auch jetzt nur geringfügig niedriger als die der anderen Mitarbeiter.

Philippe, für die Optimierung von Codes zuständig, hat sich bei Anelo eingeschrieben, obwohl ihm die letzte Prüfung für seinen Bachelor-Abschluss in der Informatik an der Uni Luxemburg fehlte. Da hatte er bereits sein Abschlusspraktikum bei Bee Wee Media absolviert. Die Firma hatte ihm damals Potenzial bescheinigt und einen Job in Aussicht gestellt. Doch wegen der fehlenden Prüfung kam es nicht zur Einstellung. Als ihn Bee Wee dann als Kandidaten auf Anelo.lu wiedertraf, stellte man ihn mit CIE-EP ein. „Ich hatte noch ein anderes Angebot.“ Ein „normales“. Trotzdem zog er Bee Wee Media vor. „Weil mir die Aufgaben besser gefallen.“ Anscheinend so sehr, dass er gar nicht nachfragte, ob es sich bei dem anderen Angebot eventuell um einen unbefristeten Vertrag handelte oder nicht.

Der Benutzeroberflächen-Spezialist Eric hat sich nach dem Abschluss seines Bachelor-Studiums in Informatik an der Uni Luxemburg bei mehreren privaten Jobvermittlungswebseiten eingetragen und war zweimal zum Vorstellungsgespräch eingeladen: Ergebnis negativ. Freunde wiesen ihn auf Anelo.lu hin. Er trug sich ein. Tags drauf kontaktierte ihn Bee Wee und stellte ihn ein – seine Praktikumsreferenzen waren erstklassig. Dass er nun von der CIE-EP-Bezuschussung profitiert, stört ihn wenig. Er sieht es realistisch: „Lieber so Erfahrung sammeln, als auf ein anderes Angebot warten, ohne Erfahrung zu sammeln“, stellt er fest. Denn genau da liege das Problem: „In 99 Prozent der Stellenangebote werden Leute mit Erfahrung gesucht. Da hat man als frischer Hochschulabsolvent überhaupt keine Chance.“

So schnell vom Markt geschnappt wie Philippe und Eric werden noch lange nicht alle Anelo-Anwärter.Seit die Plattform lanciert wurde, haben sich Adem-Angaben zufolge 820 Kandidaten eingetragen, im Vergleich zu 255 Arbeitgebern. Insgesamt wurden 237 CIE-EP abgeschlossen. 27 wurden nach Ablauf des CIE-EP in unbefristete Verträge verwandelt, 33 wurden von dem einen oder anderen Vertragspartner gekündigt und 177 Verträge laufen derzeit noch.

Zwei dieser CIE-EP-ler, Eric Van Driessche 25, und Diana Carvalheiro 26, arbeiten bei Dexia-Bil. Für beide ist es der erste Arbeitsvertrag. Warum sie sich bei Anelo.lu eingeschrieben haben? „Das war die Voraussetzung“, sagt Van Driessche nüchtern. Er hat im Rahmen seiner Masterstudiengangs Finanzen an der Uni.lu sein Abschlusspraktikum bei Dexia absolviert, doch den Vertrag gab es über Anelo. So hat er ohne Unterbrechung nach dem Praktikum weitergearbeitet, hebt er hervor.

Carvalheiro hat nach dem Abschluss ihres Masters in Wirtschafts- und Finanzwissenschaften bereits ein einjähriges Praktikum bei einer Unternehmensberatungsfirma in Portugal absolviert, ist also nicht ganz ohne Berufserfahrung. Dennoch sagt auch sie: „Ohne Erfahrung ist es schwer, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.“ Und ist deswegen froh, dass sie vor zwei Monaten den CIE-EP Vertrag mit Dexia abgeschlossen hat. Die junge Frau arbeitet im Bereich Private Banking, ist Assistentin eines Vermögensberaters, steht dadurch auch im Kontakt mit Kunden, exekutiert Börsenorder.

Van Driessche hat sich in acht Monaten zum Verantwortlichen der Krankenhauszweigstelle in Kirchberg hoch gearbeitet und lobt die Entwicklungsmöglichkeiten, die ihm die Bank seit seiner Einstellung gegeben hat. Er ist damit der Vorzeige-CIE-EP-Mitarbeiter im Betrieb. Denn insgesamt beschäftigt Dexia-Bil 35 junge Mitarbeiter mit CIE-EP-Vertrag. Ob das viel oder wenig sind, ist Ansichtssache. Im Vergleich zu 1 800 Mitarbeitern insgesamt seien es nicht übermäßig viele, findet Christian Strasser, Head of Human Resources. Dass das Mutterhaus in Paris von der Dexia-Bil eigentlich erwartet, dass die Mitarbeiterzahl und die Personalkosten gesenkt werden, ist bekannt. „Doch hierbei geht es in erster Linie darum, jungen Leuten die Chance zu geben, sich im Arbeitsumfeld zu bewähren“, unterstreicht Strasser. Deren wahres Potenzial könne man nicht immer im Jobinterview ermitteln, das zeige sich meistens erst im Arbeitsalltag. Dass die Bank das Programm nutze, um reguläre Stellen mit bezuschusstem CIE-EP-Personal mit befristeten Verträgen zu besetzen, streitet Strasser ab. Ohne CIE-EP hätte die Bank keine 35 jungen Leute, sondern höchstens 20 erfahrene Mitarbeiter eingestellt, die schnell eingewiesen und rentabel arbeiten würden.

Er räumt ein, dass die Gehälter der CIE-EP-ler unter denen liegen, die der Bankenkollektivertrag bei vergleichbareren Qualifikationen und Aufgaben vorschreibt. Ausschlaggebend sei das nicht gewesen: „Wir zahlen die Gehälter nach den Adem-Vorgaben. Aber obendrauf erhalten sie Boni und Vergünstigungen wie alle anderen Mitarbeiter auch – ohne Zuschuss.“ Erklärtes Ziel Strassers ist es, mindestens 90 Prozent, wenn nicht mehr, der 35 Kandidaten mit unbefristeten Verträgen dauerhaft an die Bank zu binden. „Alles andere würde ich als Misserfolg werten“, sagt er. Die Gehälter der Kandidaten wie Van Driessche, gegenüber denen sich die Bank bereits zur Einstellung verpflichtet hat, wurden bereits angepasst. Probleme mit Pünktlichkeit und Sozialverhalten, wie sie Breckler erlebt, gibt es bei der Bank weniger. Die CIE-EP-ler von Dexia tragen Anzug und Krawatte, nicht Jeans und Turnschuhe. Doch ihre Interpersonal skills müssen auch sie während der 13-tägigen Einweisung trainieren.

Eine weitere Bank, mit deutlich weniger Beschäftigten aber mehr CIE-EP-Mitarbeitern, wollte sich nicht zum Thema äußern. Ende 2011, heißt es im PNR, soll ausgewertet werden, ob die Maßnahmen ein Erfolg waren und fortgesetzt werden.

Beschäftigungsrate:Jugendliche (15-19 Jahre):2009: 10,4 Prozent2010: 7,3 ProzentJugendliche (20-24 Jahre):2009: 43,3 Prozent2010: 35,1 Prozent

Erwerbslose (unter 30 Jahren):März 2011: 3 991

Budgets für CAE, CIE und CIE-EP:2010: 10,2 Millionen Euro2011: 13 Millionen Euro

Anzahl Verträge 2010:581 CAE, davon 326 abgeschlossen1 354 CIE, davon 638 abgeschlossen165 CIE-EP, davon 31 abgeschlossen

Erfolgsraten 2010:CAE: 27 ProzentCIE: 40 ProzentCIE-EP: 43 Prozent

* Namen auf Wunsch geändert
Michèle Sinner
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