Die kleine Zeitzeuginn

Plötzlich war sie weg

d'Lëtzebuerger Land vom 17.05.2019

Doris Day ist tot, was?, aha, wow, bis jetzt war sie also da? Wie eine jener Tiefgefrorenen, die vor Jahrzehnten dem Tode trotzen und ein ewiges Leben anstreben wollten, taucht sie aus dem Gedächtnis auf. Jetzt, wo sie nicht mehr da ist.

Propper, frisch, keine Locke muckt auf. Ein aseptisch munteres Geschöpf, das bestimmt nie schwitzte oder sonst Unanständiges tat an der Seite ziemlich herrlicher Herren der Schöpfung, die sie aber ordentlich im Zaum hielt. Ein schmuckes, aprilfrisches Wesen mit einer Frisur, die immer eine Frisur war, wer auch immer sie bettbeflüsterte. Doris Day, ein Name wie ein neu geborener Tag, der goldige Blondschopf, das Grübchengesicht, Sommersprossen natürlich, strahlen direkt vom Cover eines Jungmädchenromans der Fünfziger.

Kein schmachtendes Kindweibchen und schon gar kein Vamp, solche, bei denen man stets das Schlimmste befürchten musste, was dann auch meist eintrat, das gehörte einfach dazu, dafür zahlte man ja auch. Exzesse, gebrochene Herzen, gebrochene Leben. Ein Tod, der sich genauso gut verkauft wie früher das Leben. Marilyn Monroe, Romy Schneider, die Callas. Sinnlich und sündig, wie das damals hieß, und dann natürlich tragisch tränenumflort. Rock und Katholizismus.

Doris Day spielte in dieser Liga nicht mit. Sie wirkte lasterlos in einer Zeit, in der es noch Laster gab – gerade halten sie wieder Einzug, heißen aber anders. Ulkig war Doris Day in ihren Rollen, die ihr so auf den Leib geschneidert schienen, dass man die Schauspielerin mit ihnen verwechselte. Eine Rolle der Kecken, Kessen, Niedlich-Frechen, eine beliebte Mischung, nicht bedrohlich. Sie war eher lustig als lüstern, eine Lustigkeit, die Pfadfinder-Chefinnen stand, das patente Mädel, das etwas drauf hat, kein Hausfrauchen, sondern eine, die ihren Mann stand, aber ohne allzu abschreckend verschreckend demonstrativ eingesetzten Verstand.

Die Adrette aus Filmen, die wir uns aus Nostalgie jetzt ab und zu geben, Komödien ohne Tiefgang, aber doch nicht seicht, herrlich leicht, prickelnd wie ein Sekt, von dem man keinen Kater kriegt.

Jetzt ist sie gestorben, wow, jetzt erst. Das Bild, das wir von Doris Day haben, ist nicht zerknittert, es gab keine botoxische Mutation, an der wir hätten teilnehmen können. Sie ließ uns nicht an sich teilnehmen, in unserem Gedächtnis glänzt ein ewig goldenes Girl.

Mitte der Sechziger war sie weg vom Show-Fenster. Das blendende Zahnpastalächeln, wie man damals sagte, unter dem starrgoldenen Helm, alles blendend, der Leib, den wir natürlich nur dosiert und dressiert zu sehen bekamen, in all den Baby Dolls und Pyjamas und Pettycoats.

Der Zeitgeist war schließlich plötzlich ein anderer. Galane à la Clark Gable und Rock Hudson wichen Stadtneurotikern und Easy Ridern, kaputten Vietnam-Kriegern und sexy Italo-Gangstern. Sylvia Plath steckte ihren Kopf in den Gasofen, Janis Joplin röchelte orgiastisch. Vom verderbten Europa ganz zu schweigen, in Paris wurde der letzte Tango getanzt. Flower Power statt Blümchensex, das nette kumpelhafte Mädchen, das es aber auch faustdick hinter den Ohren hatte, war plötzlich out, jungfräuliche Altbackenheit wurde ihr attestiert. Den Switch zur reifen Loverin mochte sie nicht vollziehen, sich zum Beispiel als geile Mrs. Robinson neben den berühmtesten Reifeprüfling zu legen, war nicht ihr Ding.

Die Ära der Négligés ging zu Ende, sie zog sich diskret zurück, aber keineswegs aus dem Leben. Doris Mary Ann Kappelhoff lebte weiter – so lange wie unser Großherzog. Ohne uns mit Sinnkrisen und immer trostloser werdenden so genannten Love Stories zu behelligen. Ohne sich hinter Sonnenbrillen zu verschanzen. Ohne uns auf dem Weg in Schönheits- oder Entzugskliniken zuzuwinken. Sie führte mit ihrem Sohn ein Hotel, vor ein paar Jahren nahm sie Songs auf. Über den Tod wollte sie nicht reden, ihn nicht organisieren, der Tod interessierte sie nicht. Sie ihn auch nicht, vielleicht ein gutes Rezept. Bis jetzt.

Doris Day ist tot, wie man das so nennt.

Schon steigt sie in der New York Times zur Sex Godess auf, ist hip und camp und noch allerhand Cooles und Unverständliches. Die Bild-Zeitung macht es ihr und uns einfacher, sie steckt Doris Day kurzerhand in den Himmel.

Michèle Thoma
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