Luxemburgensia

Laurents langer Arm

d'Lëtzebuerger Land du 23.08.2001

Vor vier Jahren machte sich die LSAP ziemlich lächerlich, als ihr lautstarker Kampf für die Trennung von Kirche und Staat auf die heimlich mit dem Erzbistum ausgehandelte Konvention vom 31. Oktober 1997 hinauslief. Im parlamentarischen Ausschussbericht zur Ratifizierung der Konvention schrieb Berichterstatter François Biltgen: "La question de savoir si c'était le concordat de 1801 conclu entre Napoléon Bonaparte et le Saint-Siège ou l'acquis de la Révolution belge - l'article 16 de la Constitution belge met fin au concordat en tant que convention entre deux parties contractantes - qui demeurait applicable, n'a jamais été véritablement résolue, ni par la Constitution, ni par la Chambre des Députés au cours de nombreux débats, ni par les tribunaux luxembourgeois. Il reste que le concordat de 1801 qui a été suivi de la publication d'articles organiques, qui, eux, n'ont jamais été reconnus par le Saint-Siège, n'a jamais été aboli expressément."

Die Zeit, als das bis heute nachwirkende Konkordat entstand, samt des anschließenden, von der Trennung von Kirche und Staat handelnden und auch zwei Jahrhunderte später immer wieder aufflackernden Kulturkampfs in Luxemburg sowie der bis 1839 dazugehörenden belgischen Provinz Luxemburg versucht derzeit das Musée en Piconrue in Bastogne darzustellen. Das der Ardenner Sakralkunst und Volksfrömmigkeit verschriebene und deshalb auch ein wenig vom Luxemburger Kulturministerium subventionierte Museum hatte sich 1995 mit der Piété baroque en Luxembourg und 1996 mit À l'épreuve de la Révolution. L'église en Luxembourg de 1795 à 1802 beschäftigt. Pünktlich zum 200. Geburtstag des Konkordats schließt sich nun die Ausstellung Le choc des Libertés. L'Eglise en Luxembourg de Pie VII à Léon XIII (1800-1880) an.

Um ein Haar hatte die französische Revolution mit dem ganzen Ancien régime auch die dazu gehörende katholische Kirche hinweggeschwemmt. Und nach der Restauration durch den Wiener Kongress brauchte die Kirche in Belgien und Luxemburg nicht nur Jahrzehnte, um sich von diesem schweren Schlag zu erholen. Sie trauerte auch der untergegangenen Feudalzeit nach: schön illustriert die Ausstellung dies anhand von neogotischen, das christliche Mittelalter zitierenden Kirchenbauten aus der Mitte des letzten Jahrhunderts oder von Gemälden der sich wie absolutistische Fürsten in Szene setzenden Bischöfe von Namur.

Die Ausstellung zeigt die katholische Kirche im marktliberalen Jahrhundert zusammen mit ihren örtlichen metaphysischen Konkurrenten, Judentum und Freimaurerei. Und wie sie dafür kämpfte, über den Schulunterricht noch etwas von ihrer Hegemonie des Ancien régime zu erhalten. Während in Belgien allerdings "nur" um Privat- oder öffentliche Schulen gestritten wurde, geht es bis heute in Luxemburg um etwas ganz Anderes: um den konfessionellen Charakter der öffentlichen Schule, wie Jacques Maas in dem wie immer hochinteressanten und reich illustrierten Katalog betont (S. 106).

Der Kampf zwischen Kirche beziehungsweise Klerus, liberalem Bürgertum und protestantischer Monarchie prägte auch die Jahrzehnte, die verstrichen, bis der unabhängig gewordene Nationalstaat - 1790 gehörte das Herzogtum Luxemburg noch zu sechs Bistümern - mit dem Diözesangebiet deckungsgleich war - und der Staat widerwillig das ihm diktierte Bistum 1873 anerkannte. Der Einfluss des ultramontanen apostolischen Vikars Johannes-Theodor Laurent, "caractère fougueux et irascible", und seiner "quasi-obsession" macht sich laut Seminarpräses Georges Hellinghausen (S. 58) bis heute in der Luxemburger Kirche bemerkbar.

Und so schließt die Ausstellung mit den Siebzigerjahren, als der Papst seinen  Kirchenstaat verlor und dafür trotzig seine Unfehlbarkeit dekretierte, als über Land die von Wäschfra und Renert bespöttelte Remissionierung langsam abklang. Doch der große Fehler der Ausstellung ist, dass sie die Kirche zwar im Widerspruch zum bürgerlichen Liberalismus des 19. Jahrhunderts zeigt, nicht aber zur industriellen Revolution und der entstehenden Arbeiterbewegung. So als sollte die in der hervorragenden Diaschau mit naiven Heiligenbildchen illustrierte soziale Fürsorglichkeit nicht auch verhindern, dass das Kirchenvolk zum Sozialismus überläuft.

Im Jahr des Kommunistischen Manifestes warnte  Laurent in einem Hirtenbrief vom 18. März 1848 "vor revolutionären Umtrieben", und wenige Monate später half die Kirche, den ersten Arbeiterverein zu gründen. Seine Statuten schrieben vor: "An der Spitze steht ein geistlicher Präsident." Wenn die Unternehmer liberale Freimaurer sind, macht der Klassenkampf sogar dem Klerus Spaß.

Le choc des Libertés. L'Église en Luxembourg de Pie VII à Léon XIII (1800-1880)

. Musée en Piconrue, Bastogne bis zum 11. November, dienstags bis sonntags von 13.30 bis 18.00 Uhr. Katalog 318 S., 1500 Fr.

Romain Hilgert
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